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Mitten im Kalten Krieg

Agentenhelden vor und hinter dem Eisernen Vorhang

13.7.2011 | Andreas Busche | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

G. Meisner und M. Caine in ''Finale in Berlin''

G. Meisner und M. Caine in ''Finale in Berlin''

Berlin war Mitte der 1960er-Jahre der Kristallisationspunkt des Kalten Krieges. Die Oberbaumbrücke, die die Berliner Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain verbindet, stand neben dem Checkpoint Charlie und dem Tränenpalast für das geteilte Deutschland. Nach dem Mauerbau im August 1961 für fast zehn Jahre für Fußgänger gesperrt, kam die Brücke im amerikanischen Kino in diesen Jahren zu einiger Berühmtheit. In den Sechzigern und Siebzigern diente sie als Filmkulisse für Agentenaustausche zwischen den Amerikanern und den Russen: ein symbolhaftes Bild für die Patt-Situation zwischen den Machtblöcken.

Die Wunden des Krieges

Im Spionage-Thriller "Finale in Berlin" von 1966 soll der britische Geheimagent Harry Palmer (gespielt von Michael Caine) die Flucht eines russischen Oberst in den Westen organisieren. "Finale in Berlin" propagierte gleich mit der Eröffnungssequenz, wie man sich im Westen das Leben diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs so vorstellte. Zu beschwingtem Big-Band-Jazz etabliert der Film eine Reihe von quirligen Impressionen aus Westberlin, dann ein Break und mit Mollklängen unterlegt folgt eine Sequenz, grau in grau, mit Bildern aus dem Grenzland: patroullierende Soldaten, der von Stacheldrahtknäueln verhangene Todesstreifen, vermauerte Häuserfassaden. Der Westen fütterte die Bevölkerung gerne mit solchen Propagandabildern. Doch im tschechoslowakischen Film "SMYK - Dem Abgrund entgegen (Zbyněk Brynych, 1960) musste der in die Bundesrepublik emigrierte Agent Frantisek diese Erfahrung am eigenen Leib machen. Im Auftrag des westdeutschen Geheimdienstes wird er nach Prag geschickt, wo er seinen Geburtsort ganz und gar nicht als den trostlosen Ort erlebt, als der er ihm im Westen beschrieben wurde. Zurück bei seiner Familie beginnt er an seiner Mission zu zweifeln.

Bürokratie und Macht

Zweifelnde Spione waren auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ein wiederkehrendes Motiv. Der wohl berühmteste ist Alex Leamas, die Titelfigur aus John Le Carrés Spionage-Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam", von Martin Ritt 1965 als düstere Noir-Erzählung mit Richard Burton in der Hauptrolle verfilmt. 1965, ein wichtiges Jahr für das Spionage-Genre: Nur wenige Jahre nach der ersten Bond-Verfilmung "James Bond jagt Dr. No" korrigierten "Finale in Berlin" und "Der Spion, der aus der Kälte kam" das öffentliche Bild der westlichen Geheimdienste als Wiege und Schutz westlicher Demokratien. Le Carrés realistisch-staubtrockene Schilderungen erschütterten das Image nachhaltig.

R. Burton, ''Der Spion der aus der Kälte kam''

R. Burton, ''Der Spion der aus der Kälte kam''

Alex Leamas zeigte sich als ein gebrochener Mann, der hilflos zwischen den Mächten aufgerieben wurde und hier am Anspruch seiner eigenen moralischen Werte verzweifelte. Von der immer wieder gegenüber dem Ostblock verfochtenen Gewissheit, dass der Westen der Hort des Guten sei und der kommunistische Osten das Reich des Bösen, nahm "Der Spion, der aus der Kälte kam" gehörigen Abstand. Die Methoden unterscheiden sich auf beiden Seiten kaum voneinander. Leamas' Vorgesetzter erklärt sein skrupelloses Vorgehen einmal damit, dass der Westen zu wirksameren Mitteln greifen muss, wenn der Kampf gegen den Kommunismus es erfordert. Worte, die einem heute aus anderen Kriegen nur zu bekannt vorkommen.

Hitchcock und die DDR

Alfred Hitchcock machte zu diesem Themen seinen einzigen Film, der sich explizit mit der Ost/West-Problematik auseinander setzte. In "Der zerrissene Vorhang" (1966) läuft Paul Newman als amerikanischer Wissenschaftler zum Schein in die DDR über. Er will einem ostdeutschen Kollegen seine Forschungsergebnisse abspenstig machen, gerät aber dank eines misstrauischen Stasi-Agenten selbst unter Spionageverdacht und muss schließich mit Hilfe einer Schlepper-Organisation in den Westen zurückflüchten. Etwas komplexer ist die Verschwörung in dem Sowjet-Thriller "Skvorets und Lira" (Grigori Aleksandrov, 1974) angelegt: Ein russisches Ehepaar arbeitet sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs in höchste deutsche Unternehmerkreise hoch, die mit Hilfe der Amerikaner Deutschland wieder zu alter Stärke führen möchten. Die ideologische Botschaft "Skvorets und Lira" streifte damals so nah die Wirklichkeit, dass der Film erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion öffentlich zu sehen war. Heute gilt er als einer der besten und realistischsten Spionage-Filme aus der Zeit des Kalten Krieges.

''Skvorets und Lira''

''Skvorets und Lira''

In den 1960er-Jahren brachten das Ost- und Westkino ihre politischen Ideologien sauber in Stellung. Hollywood spielte in "Eisstation Zebra" (John Sturges, 1968) oder "Botschafter der Angst" (John Frankenheimer 1962) mit der Unsicherheit und Paranoia in der westlichen Bevölkerung. Die DDR adaptierte im Gegenzug mit "For Your Eyes Only - Streng Geheim" (János Veiczi, 1960/61) die beliebte Propagandalüge, dass der Westen die DDR militärisch anzugreifen plane, für einen auch an westlichen Standards gemessen rasanten Genrefilm, der beim ostdeutschen Publikum großen Anklang fand.

Mit Ängsten spielen

Wirklich innovativ wurde der Agentenfilm aber, wenn er das althergebrachte Freund/Feind-Schema durchbrach. In "Der Spion, der aus der Kälte kam", "Finale in Berlin" und "Skvorets und Lira" sind die Hauptdrahtzieher ehemalige Nazis, die von den westlichen und östlichen Geheimdiensten nach Ende des Krieges weiter beschäftigt wurden. Die Unterscheidung von Freund und Feind entpuppte sich mehr denn je als gefällige Konstruktion, die nach Bedarf flexibel ausfallen konnte. In dieser Hinsicht war James Bond vielleicht sogar der am wenigsten ideologisch geprägte Geheimagent: Er schlief mit russischen wie mit amerikanischen Agentinnen.

Wie fragil und mitunter auch gefährlich solche Freund/Feind-Allianzen sein können, zeigt eine kleine Randgeschichte in Oliver Assayas Terroristen-Biopic "Carlos" über den berüchtigten Ilich Ramírez Sánchez aka Der Schakal, der in den 1970er-Jahren an der Seite der PLO gegen die vermeintlichen amerikanischen Imperialisten kämpfte. Weil sich die ostdeutsche Staatssicherheit auf derselben Seite wähnte, so erzählt Assayas, gewährte die Stasi Carlos in Ost-Berlin Unterschlupf, verfrachtete ihn aber bald nach Budapest, weil er sich als unkontrollierbar entpuppte.

Kalter Krieg und der Terror von heute

Somit ergibt sich auch eine Kontinuität des Kalten Krieges bis in die Gegenwart hinein. Assayas deutet in dieser politischen Konstellation an, wie der islamische Terrorismus den Ostblock nach dem Fall der Mauer als Feindbild ablösen konnte. Ein anderes Bindeglied ist die von Matt Damon verkörperte Figur des Jason Bourne, die der amerikanische Autor Robert Ludlum ursprünglich als Kalter Krieger konzipiert hatte. Die erste Roman ist von 1980, wurde für das Kino erst in den Nuller Jahren und somit in einer völlig neuen Weltordnung aktiviert. Der kaltgestellte Bourne sah sich plötzlich mit der asymmetrischen Kriegsführung seiner eigenen Regierung konfrontiert, die ihn mit Hilfe hochtechnisierter Dauer-Bewachungsmethoden rund um den Globus hetzte. Die Jagd der Agenten und Doppelagenten geht weiter.

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker u.a. für Die Zeit oder die tageszeitung.

Fotos: Verleih







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Silke Kettelhake | 9. August 2011   14:44

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