Hinter jedem Avatar steckt ein Mensch
Mit seinem Kumpel Schorschi, sagt Manuel, kann er über alles reden. Fast so wie mit seinem besten Freund. Dabei hat Manuel Schorschi noch nie getroffen – kennt ihn ausschließlich über das Internet. Getroffen hat er ihn im Online-Rollenspiel World of Warcraft – während ihre beiden Avatare in den digitalen Phantasiewelten des Spiels in die Schlacht zogen und Abenteuer erlebten, kamen die beiden Männer vor den Computern ins Gespräch. Waren sich sympathisch. Und redeten bald auch über Dinge, die nichts mit dem Spiel zu tun hatten. "Wir sind beide ziemliche Quasseltanten", sagt Manuel.
Seit sieben Jahren ist es das Hobby des 26-Jährigen Physiotherapie-Azubi, Onlinespiele zu zocken. Zwei, drei Stunden am Tag, sagt er. Dabei neue Leute kennen zu lernen kommt ihm ganz normal vor. "Ich bin in einer Medienwelt aufgewachsen", sagt er. "Ich habe keine Hemmschwelle, mit jemandem zu sprechen, den ich nur als Avatar bei World of Warcraft kenne." Wenn man auf einer Wellenlänge liege, komme man irgendwann ins Gespräch – aus einem losen Kontakt wird ein engerer. Über die Jahre hat Manuel beim Onlinespielen 40 Leute näher kennen gelernt, sagt er. Zehn bis fünfzehn davon würde er sogar als Freunde bezeichnen – gleichwertig mit denen, die er im "echten" Leben, von Angesicht zu Angesicht, traf. Zwar wisse man nicht, wie der andere aussieht, kennt seine Körpersprache nicht – aber das störe nur wenig, sagt Manuel: "Man lernt den Charakter an sich kennen. Fernab von Oberflächlichkeiten. Auf das Wesentliche reduziert."
Damit widerspricht Manuel dem sehr gängigen Klischee, Onlinespieler seien sozial isolierte Menschen, die einsam ganze Abende und Nächte vor ihren Bildschirmen sitzen und zocken. Doch dass das nicht stimmt, haben inzwischen sogar verschiedene wissenschaftliche Studien gezeigt. So kam der schwedische Ethnologe Peter Stenberg in seiner kürzlich veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass World of Warcraft sogar förderlich für soziales Verhalten sei – auch im realen Leben. Stenberg hatte sich 250 Tage lang einem Selbstversuch ausgesetzt – er spielte selbst in dem Onlinerollenspiel mit, um das Miteinander dort zu beobachten. Sein Fazit: Die kollektive Gesellschaft sei das zentrale Thema des Spiels. "Und das stellt diesen hartnäckigen Blick von Computerspiel-Enthusiasten als einsamen Figuren, deren einzige Gesellschaft ein flickernder Bildschirm ist, in Frage." Ein krasser Widerspruch für all jene Kritiker, die World of Warcraft als Einstiegsdroge in die Computersucht verteufelten.
Der US-Forscher Nick Yee fand sogar heraus, dass der Wunsch, Menschen kennen zu lernen, eine wichtige Motivation ist, überhaupt zu spielen. Ab Mitte der Nuller-Jahre befragte er über 35.000 Onlinespieler und fand heraus, dass 44 Prozent der Befragten bereits gute Freunde über das Zocken gefunden hätten. Weit über vierzig Prozent aller Spieler gab an, mindestens manchmal mit ihren Mitzockern über aktuelle Ereignisse und Persönliches aus dem realen Leben zu sprechen. Und: Häufig würden Onlinespiele genutzt, um Beziehungen zu Freunden oder Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten, die weit weg leben. Yee wundert das wenig – gerade World of Warcraft sei auf Gruppenarbeit ausgelegt, man sei auf den anderen angewiesen. Darum biete sich das Spiel für das Ausbilden von Sozialkontakten geradezu an. In einer kleinen Studie aus dem vergangenen Jahr beschrieb der Duisburger Soziologe Stefan Derpmann, dass auch die deutschen Gamer innerhalb des Spiels Freundschaften knüpften, die auch im realen Leben Bestand hätten.
Im Grunde, sagt WoW-Spieler Manuel, sei es bei World of Warcraft wie im Tennisverein. Man teilt ein Hobby – und einige dort seien einem so sympathisch, dass man nach dem Match noch ein Bier mit ihnen trinken geht. Oder eben auch nach dem Online-Beutezug noch ein wenig über Skype quatscht. Je besser man jemanden kenne und je mehr man auf einer Wellenlänge liege, desto persönlicher würden die Gespräche. WoW-Freunde in Österreich habe er schon einmal besucht. Und persönliche Enttäuschungen, also dass sich jemand als ganz andere Person entpuppt habe, als es online den Anschein hatte, habe er noch nicht erlebt. Trotzdem erzähle er Leuten, die er neu kennen lerne, nicht von seinem Onlinespiel-Hobby, sagt der 26-jährige Azubi. Zu schlecht sei deren Image. "Da werde ich sofort abgestempelt." Auch seine Eltern hätten lange nicht nachvollziehen können, wie er sich dort online mit Menschen anfreunden kann.
Auch im Internet kann es Freundschaften geben
Ungefähr wie im echten Leben
Auch der Berliner Psychologie-Professor Jaap Denissen hält digital entstandene Freundschaften für eine "Seltenheit". "Ich denke, das ist nicht unbedingt günstig", sagt er: Es bestehe die Gefahr, dass man die andere Person, die man nur digital kennt, idealisiere. Schnell könnten große Hoffnungen in die Bekanntschaft projiziert werden, darauf, dass diese Person einem etwas geben könne, das einem Offline-Sozialkontakte nicht geben. Außerdem meint er: "Menschen brauchen diesen körperliche Aspekt." Zusammen lachen, sich auf die Schulter klopfen, sich in den Arm nehmen – ohne all das würde einer Freundschaft etwas fehlen.
Manuel hingegen glaubt nicht, dass man zu viel in andere hineinprojiziere. Natürlich sei es schon einmal vorgekommen, dass er enttäuscht wurde, dass ein befreundeter Mitspieler plötzlich vollkommen abtauchte, aus dem Netz verschwand. Andererseits verhalte er sich ungefähr so wie im echten Leben – von Frauenbekanntschaften würde er bestimmt keinen Leuten erzählen, die er erst seit einer Woche kenne. Andere Spieler seien direkt genervt, wenn sie erzählt bekämen, dass jemand von seiner Frau verlassen wurde und sie auch noch das Kind mitgenommen hätte. "Da ist jeder anders", sagt Manuel – wie im echten Leben auch.
Natürlich sind Onlinespiele nicht der einzige Raum im Netz, wo digitale Freundschaften entstehen. Auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat bereits eine Menge Autoren zusammengebracht, von denen sich einige richtiggehend angefreundet haben. Und das, obwohl die komplizierten Wikipedia-Bearbeitungsseiten nicht wirklich zum Verweilen und Quatschen einladen. Und obwohl es ja eigentlich nur darum geht, möglichst exakte Informationen zusammenzutragen. Trotzdem gibt es in Dutzenden deutschen Städten Stammtische, bei denen sich Wikipedianer regelmäßig treffen und reden – häufig über Dinge, die mit der Wikipedia nichts zu tun haben.
Solche über gemeinsame Interessen entstandenen, digitalen Freundschaften seien aber auf keinen Fall mit Facebook-Freunden vergleichbar, sagt Manuel. Davon habe er 210 – sagt aber: "Die wenigsten davon sind echte Freunde."
Eine sehr verbreitete Haltung, sagt Psychologieprofessor Denissen: Der Freundschaftsbegriff bei Facebook sei sehr dünn, jedes Mitglied des Netzwerkes sei bereits ein "Freund" - dieser Unterschied zu Freundschaften im realen Leben sei den Leuten aber durchaus bewusst. Nachdem es kurz nach dem Aufkommen sozialer Netzwerke eine Reihe von Studien gab, die deren Aufkommen als Ende tief gehender sozialer Kontakte und den Anfang von Isolation betrachteten, sind diese inzwischen weitgehend widerlegt: Wer bei Facebook aktiv ist, so belegen zahlreiche Untersuchungen unter Teenagern und Erwachsenen, hat auch im realen Leben keine sozialen Probleme.
Freundschaften bei Facebook, sagt die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, sind häufig eher Ausdruck von Kennen und Anerkennen, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe: Je mehr soziales Kapital (oder Freunde) jemand hat, desto mehr wächst die eigene Reputation im digitalen Universum. Wahre Freunde, sagt sie, seien das aber nicht. Und verweist auf den britischen Anthropologen Robin Dunbar. Denn der hat herausgefunden, dass das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist, mehr als 150 soziale Beziehungen aktiv zu pflegen.
Meike Laaff schreibt für Zeitungen und Magazine, besonders gerne über Netzthemen. Sie lebt in Berlin.
Fotos: © miss.sophie | photocase.com; © Nadine Platzek | photocase.com
Sie sind ein Milliardenmarkt und fester Bestandteil unseres Alltags: Computerspiele haben sich still zu einem Leitmedium des 21. Jahrhunderts gemausert. Wie verändern sie unser Leben? Das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung gibt Antworten.
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