Ulrich Plenzdorf: Die Legende vom Glück ohne Ende

Schrankenlose Liebe

17.8.2011 | Anja Heilmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"PaulundPaula haben sich angesehen. Paul hat Paulas Hand genommen und Paula seine. Es ist Schicksal gewesen. Sie sind zusammen losgegangen ..."

Es knallt, es ist magisch und von großer Kraft. Als Paul und Paula im Ost-Berlin der 1970er-Jahre zusammentreffen, ist es für beide die ganz große Liebe, eine Liebe, die die Realität für einen Moment verschwinden lässt. Denn die Realität ist ganz und gar gegen diese Liebe. Die Leben der unangepassten Paula und des pflichtbewussten Paul sind völlig unterschiedlich.

Paula, die in der Flaschenannahme der städtischen Kaufhalle arbeitet, hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern und ist kurz davor, einen wohlhabenden älteren Reifenhändler zu heiraten, den sie nicht liebt. Paul ist verheiratet, hat ein Kind und ist im höheren Dienst beschäftigt. Das sind nicht direkt ideale Voraussetzungen, eine Liebe zu leben. Auch nicht im Sozialismus. Aber die Legende ist ja deshalb eine Legende, weil die Überwindung der Hindernisse schicksalhaft vorbestimmt ist.

Dramatisch, komisch, traumhaft

Die beiden treffen sich zunächst heimlich. Doch Paula reicht das nicht: Mit trotzigem Glauben an das Einzigartige zwischen ihr und Paul möchte sie alles. Paul aber zögert. Er will sein geordnetes Leben nicht ändern. Hin- und hergerissen gibt er seine Liebe zu Paula auf und damit sich selbst, lebt unglücklich, angepasst weiter.

Erst als ein tragisches Ereignis die beiden voneinander trennt, beginnt er zu handeln. Nichts, was ihn bisher an Konventionen und Bedenken zurückgehalten hat, ist jetzt noch von Bedeutung. Paul wird zu dem Starken, Hingebungsvollen, der um Paulas Liebe kämpft. Paula aber hat sich inzwischen entschieden, den Weg der Vernunft zu gehen, von Paul will sie nichts mehr wissen.

Unter Anteilnahme der Bewohner der gesamten Straße, in der Paul und Paula wohnen, geschieht Dramatisches, Komisches und Traumhaftes. Das Unmögliche wird möglich. Gesellschaftliche und physikalische Gesetze werden außer Kraft gesetzt. Die Legende von Paul und Paula erreicht ihren glücklichen Höhepunkt. Doch weil es das Glück ohne Ende nicht gibt, endet die Geschichte der beiden wenig später doch tragisch.

Der Film war zuerst

Ulrich Plenzdorf, der vor allem durch seinen Roman "Die neuen Leiden des jungen W." bekannt wurde, veröffentlichte "Die Legende vom Glück ohne Ende" im Jahr 1979. Bereits sechs Jahre davor hatte der DEFA-Film "Paula und Paula", dessen Drehbuch von ihm stammte, einen riesigen Erfolg beim ostdeutschen Publikum gehabt. Erich Honecker höchstpersönlich hatte ihn kritisch begutachtet und dann doch autorisiert.

Der Film des Regisseurs Heiner Carow erzählt die ungewöhnliche Geschichte von Paul und Paula. Ungewöhnlich deshalb, weil die Geschichte in einem System spielt, das das Funktionieren des Einzelnen als Teil der Gesellschaft propagierte. Die individuelle Erfüllung zweier Menschen in der Liebe hatte darin keinen realen Platz. Das Publikum liebte den Film für das unkonventionelle, visionäre Abbild der DDR-Realität, für seine hippieske Verrücktheit und die nebensächliche Aushebelung der sozialistischen Normen. Wo der Film "Paul und Paula" endet, beginnt in Plenzdorfs später geschriebenem Roman zum Film noch ein neuer Lebensabschnitt für Paul.

Pauls Ausflug in den Westen

Im zweiten, unbekannteren Teil des Buches steht Paul allein mit den Kindern da und trifft auf Laura. Laura, die aussieht wie Paula und die doch ganz anders ist. Wie Paul sein Leben zu meistern versucht nach dem unüberwindbaren Verlust von Paula, wie er immer wieder versucht, aufzustehen, beschreibt Plenzdorf mit herzzerreißender Anteilnahme.

Die "Legende" erzählt aber auch vom Alltag in der DDR, der Mangelwirtschaft und von dem selbstverständlichen Umgang der Menschen damit. Und von den zwei Deutschlands, die nebeneinander her existieren. Leicht surreale Züge bekommt die Geschichte, als Paul, nun im Rollstuhl, einen Ausflug in den Westteil der Stadt macht. Plötzlich befindet er sich auf dieser Insel West-Berlin, so, als gäbe es diese Grenze, die die Stadt teilt, gar nicht.

Hier wie dort ist die Wirklichkeit erfunden in dieser Legende, wie auch die DDR ein Staat war, in dem die Wirklichkeit erfunden wurde. Plenzdorf setzt dem Schein der Oberfläche den Individualismus seiner Figuren entgegen, Menschen, die die Kraft haben, in einer stark normierten Umgebung momentelang frei von diesen Normen zu sein und die versuchen, das Glück im Jetzt zu ergreifen.

Ulrich Plenzdorf: Die Legende vom Glück ohne Ende (Suhrkamp 1981, 318 S., 10 €)

 

 

Anja Heilmann arbeitet als Online-Redakteurin in Potsdam und lebt in Berlin.

Foto: "Ulrich Plenzdorf"/ ©Suhrkamp Verlag
Foto: ©Progress Film-Verleih/ Foto Norbert Kuhröber
"Die Legende von Paul und Paula“ ist im Progress Film-Verleih, die DVD bei Icestorm erschienen.







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