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Nichts ist unmöglich!

Radtour "Ideen erfahren"

27.8.2011 | Léna Habrant | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Gegenverkehr" ist wohl das Wort, das mir als Erstes einfällt, wenn ich an diese zwei erlebnisreichen, viel zu schnell vergangenen Wochen zurückdenke. In der Tat war das Wort kennzeichnend für unsere Fahrradtour. Zum einen, weil der Begriff lebensnotwendig war, damit wir als Gruppe Fahrrad fahren konnten: Wenn der Vordermann die Parole "Gegenverkehr" ausgab, dann schrie die jeweilige Hinterfrau oder der jeweilige Hintermann sie dem Nächsten zu. Schnell verstummten die Gespräche. Wenn der Gegenverkehr vorbei war, konnten wir wieder gemütlich in Zweierreihen fahren.

Abfahrt in Darmstadt

Abfahrt in Darmstadt

Es ist auch eine gute Metapher für die Tour, die nicht umsonst "Ideen erfahren" heißt. Denn als ich am 30. Juli 2011 mit meinem ganzen Gepäck und meinem Fahrrad am Darmstädter Hauptbahnhof ankam, ahnte ich nicht, was mir in diesen 14 Tagen bevorstand und welchen "Gegenverkehr" diese Erlebnisreise in meinem Kopf und Weltbild hinterlassen würde.

Ich dachte, mir stünden ein paar nette Vorträge über Ökolandwirtschaft oder dergleichen bevor und lustige Abende am Lagerfeuer. So war es ja auch eigentlich. Doch als ich mich am ersten Abend nach dem Besuch eines Integrationsbetriebes mit zwei anderen Mitfahrern in ein angeregtes Gespräch über Anthroposophie und Ideologien vertiefte, wurde mir klar, dass mich noch sehr viel mehr erwartete. Ich sollte mich nicht täuschen. Als die Tour zwei Wochen später im bayrischen Schönau endete, hatte sich in mir einiges verändert.

Nachhaltige Ideen

Die meisten von uns kannten sich am Anfang nicht, aber das gemeinsame Radeln brachte uns schnell näher. Mit dem Rad kamen wir von einem Ort zum anderen, und wir schliefen auf Campingplätzen, in Turnhallen, Waldorfschulen, Hippie-WGs oder zur Probe auch in Bio-Solar-Häusern.

Gemeinsam radelten wir von der einen Station zur nächsten. Jede hatte etwas Neues zu bieten und wurde angeregt diskutiert – sei es der Vortrag über Kriegsdienstverweigerung in Mannheim, der Besuch des EU-Parlaments in Straßburg, die Diskussion über die Bioliq-Anlage in Karlsruhe, die Besichtigung von "Juwi", einem Unternehmen, das sich für erneuerbare Energien einsetzt. Sei es das UNEP-Planspiel über das Thema Wasser, bei dem wir uns in die Lage ganz unterschiedlicher Staaten versetzen mussten und dabei erlebten, wie schwer Demokratie ist, oder das Treffen mit einem Bio-Landwirt: Jede einzelne Station brachte uns neue Ideen und Inspirationen.

Am besten gefiel mir der Besuch bei "Juwi": Dort erlebte ich, dass es möglich ist, seine Stromversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern zu beziehen. Die Gründer dieses Betriebes haben ihren Traum verwirklicht – obwohl ihnen viele davon abgeraten hatten. Die Energie, die dort produziert wird, gab mir Mut, meinen Träumen zu vertrauen. Ich verstehe nun, dass nichts unmöglich ist.

Ein weiterer persönlicher Höhepunkt war für mich die Besichtigung des Europäischen Parlaments in Straßburg. Für mich spielt Europa und die Europäische Union aufgrund meiner deutsch-französischen Binationalität eine große Rolle. Ohne die Gründung der EU wäre solch eine Tour im Nachbarland noch vor 60 Jahren für mich undenkbar gewesen.

Diskussionen am Lagerfeuer

Doch diese Tour gab mir auch die Gelegenheit, mich mit faszinierenden Menschen zu unterhalten: jungen Leuten aus Bulgarien, aus Afghanistan, Studenten der Betriebswirtschaftslehre, der Geographie und auch der Kulturwirtschaft, Banker, Auszubildende, eine Ergo-Therapeutin oder ein Mechatroniker. Diese Vielfalt und der Austausch, der stattfand, waren mir besonders wichtig. In der Gruppe konnte jeder seine Gedanken frei äußern oder Fragen stellen, ohne dass jemals jemand abwertend darüber gelacht oder geschmunzelt hätte.

Vor der Tour war ich sicher, was ich nach der Schule machen wollte. Ich wusste, wie mein Weg aussehen sollte: fünf Jahre Studium und dann schnell eine Arbeit finden. Doch nun weiß ich, dass es so viele andere bereichernde Möglichkeiten gibt – zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr. Ich werde wohl einiges ändern an meinen Zukunftsplänen. Und das ist ein sehr schönes Gefühl. Deswegen bin ich den Leuten, die ich kennen lernen durfte, unendlich dankbar, dass sie meinen Horizont so erweitert haben.

Die Abende am Lagerfeuer, die Diskussionen am Tisch, das Lachen beim Radfahren, das Geflüster vor dem Einschlafen, das Aufwachen zum Klang von Alex' Gitarre, das gemeinsame Kochen, die Spaziergänge zu zweit, die schweren Bergetappen, die wir gemeinsam meisterten, der Tag am See, die Gewissheit, Leute um sich zu haben, in die man Vertrauen setzen kann: Das alles werde ich nie vergessen. Ich freue mich schon, die Ideen, die ich dort "erfahren" habe, umzusetzen, und bin gespannt auf unser nächstes Treffen, auf die nächsten Inspirationen und auf den nächsten "Gegenverkehr". Denn alles hat ein Ende. Außer Lernen.

Léna Habrant ist 17 Jahre alt, Abibac-Schülerin am Lycée Jeanne d’Arc und lebt in Nancy.

Fotos: Privat




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