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Wir wollen hier leben

Entscheidung für den deutschen "Way of Life"

13.8.2011 | Martina Kollroß | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im April 2011 waren 44,2 Prozent der Spanier/innen unter 25 Jahren arbeitslos. In Italien sieht es nicht viel besser aus. Und auch in Frankreich sind zurzeit viele Jugendliche arbeitslos – mehr als beispielsweise in der Tschechischen Republik. Deutschland steht in der Statistik relativ gut da: Die deutsche Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 7,9 Prozent. Kein Wunder also, dass es viele junge Europäer/innen nach Deutschland zieht. Vier von ihnen erzählen hier von ihren Erfahrungen in ihrer neuen Wahl-Heimat Berlin.

Martina Hubacech aus Tregnago, 21, studiert Französisch und Spanisch auf Lehramt

Martina

Martina

Mit 16 Jahren habe ich einen Monat in Berlin verbracht, um mein Deutsch zu verbessern. Als ich zurückmusste, habe ich geweint. Ein Jahr später bin ich für fünf Wochen zurückgekehrt. Nach meinem Abi ging ich dann ganz nach Berlin. Von 2009 an habe ich im Europäischen Freiwilligendienst in der Heilig Kreuz Kirche gearbeitet.

In meinem Freundeskreis war ich die Einzige, die so etwas gemacht hat. In Italien ist es ungewöhnlich, dass man sagt: Ich brauche jetzt mal meinen Freiraum. Man lebt länger bei den Eltern. Auch wenn sich das langsam ändert. Für viele ist es aber immer noch zu teuer, alleine zu leben.

Erst wollte ich hier eine Ausbildung machen, aber dann entschied ich mich für ein Studium. Denn ich wollte eigentlich immer Lehrerin werden. Aber in Italien läuft seit ein paar Jahren ein Umstrukturierungsprozess. Momentan kann dort niemand Lehrer werden, weil die entsprechenden Ausbildungsstätten fehlen.

Im vergangenen November lernte ich einen deutschen Jungen kennen. Wir kamen zusammen. Das war, neben dem eigenen Ehrgeiz, einer der wichtigsten Gründe für mich, schnell Deutsch lernen zu wollen. Denn um den eigenen Willen durchsetzen zu können, braucht man viel Wortschatz.

Meine Stadt ist jetzt Berlin. Hier fühle ich mich zu Hause. Wenn ich mit meiner Mutter spreche, sagt sie: Ich hoffe, du kommst nach der Uni wieder zurück. Aber ich frage sie dann: Was bietet mir Italien? Warum sollte ich zurück? Als meine Eltern mich hier besuchten, meinte mein Vater: Bleib mal da. Denn die wirtschaftliche Situation in Italien ist in den letzten zwei Jahren noch schlechter geworden.

Die italienische Presse macht mich nervös, ich will diese Geschichten nicht mehr lesen. Ich interessiere mich für Politik, ertrage aber die Art nicht, wie heutzutage Politik gemacht wird. Ich habe in Italien einen Einblick in die Arbeitsweise einer politischen Ortsgruppe gehabt. Das hat mir aber nicht gefallen.

Die italienische Kultur könnte toll sein. Aber den Leuten fehlt das Bewusstsein für diesen Reichtum. Unser Schulsystem ist laut PISA-Studie eines der besten. Doch momentan wird bei der Bildung gekürzt wie wild.

Hier in Deutschland kann man sich einfacher alleine durchschlagen. Ich habe zwei Jobs: als Erzieherin in einem Kindergarten, der zu der Kirche gehört, in der ich meinen Europäischen Freiwilligendienst mache, und seit kurzem im Jüdischen Museum als Besucherbetreuerin.

Meine Freunde sagen, ich hätte mich in diesen zwei Jahren "eingedeutscht". Das stimmt nicht, zumindest nicht ganz. Ich vergesse mein Herkunftsland nicht, aber ich habe mich eben entschieden, hier zu wohnen.

Maria Jesus und Esperanza Paredes Aparicio, beide 22, aus Madrid, studieren Spanisch bzw. Philosophie

Maria und Esperanza

Maria und Esperanza

Unser Cousin sucht in Spanien inzwischen seit drei Jahren Arbeit. Er hat zwei Masterabschlüsse in künstlerischen Studiengängen mit sehr guten Noten und spricht Italienisch und Englisch. Im August will er nach Deutschland kommen, weil wir ihm davon erzählt haben.

Für uns ist Deutschland super, die Mieten sind billig und man bekommt leicht einen gut bezahlten Nebenjob. Maria hat beim Karneval der Kulturen an der Bar gearbeitet, für 7 Euro 50 pro Stunde. In Spanien würde man dafür etwa 4 Euro 50 bekommen. Und hier regen sich die Leute über den Lohn auf.

Auch die Stimmung unter den Studenten ist hier anders. Die Deutschen überlegen viel und lesen Zeitung. Die Spanier gehen gleich raus auf die Straße und fordern eine Revolution. Esperanza engagiert sich bei "Democracia Real Ya". Die Organisation setzt sich für Solidarität mit der spanischen "Bewegung des 15. Mai" ein. Sie schreibt auf deren Website und spricht auf den Versammlungen. Die Organisation versucht jetzt, sich mit anderen Bürgerbewegungen in Berlin zu vernetzen.

Ein Problem in Spanien ist die geringe Kaufkraft der Bürger. Der Mindestlohn liegt bei 624 Euro im Monat. Die meisten arbeiten 40 Stunden in der Woche. Das heißt: für knapp vier Euro pro Stunde. Wenn du nicht studiert hast, verdienst du nur das. Esperanza hat mal halbtags als Verkäuferin gearbeitet. Der offizielle Lohn war 3 Euro 50, dazu kommen noch Kommissionen, wenn das Geschäft gut läuft. Aber wenn du mal krank bist, dann bekommst du nur diese 3 Euro 50. Und man bekommt in Spanien nur zwei Jahre lang Arbeitslosengeld.

Ein Bekannter von uns wurde von der Krise ganz schwer getroffen. Er war beim Militär festangestellt und kaufte sich eine Wohnung. Dafür musste er einen Kredit aufnehmen. Durch die Krise sind die Zinsen so gestiegen, dass er die Raten nicht mehr zahlen konnte. Er verlor seine Wohnung und kurz darauf auch seinen Job. Nächsten Monat läuft sein Arbeitslosengeld aus. Mit 28 Jahren ist er total pleite. Auch er will jetzt versuchen, in Deutschland Arbeit zu finden.

Wir beide wollen als Lehrerinnen in Spanien arbeiten. Es ist wichtig, Kraft in sich zu fühlen. Angst lähmt nur. Wir haben uns in Berlin wohlgefühlt, aber wir vermissen unsere Familie. Die meisten Deutschen waren nett zu uns. Nur wenn es um Bürokratie ging, hatten wir manchmal Schwierigkeiten.

Loraine Gabriel aus Paris, 24, arbeitet bei Bombardier Transportation im Projektmanagement

Loraine

Loraine

Seit dem 1. Juni arbeite ich bei Bombardier Transportation, einem der größten Zughersteller in Europa. Das ist mein Traumjob, weil ich im Schienenverkehr arbeiten will und weil mir die Firma gefällt. Das Unternehmen habe ich auf einer Messe in Berlin kennen gelernt. Davor habe ich an einer französischen Grande Ecole in Paris Management studiert. Ein Jahr habe ich auch in London und Berlin studiert. Ich spreche einfach gerne Deutsch und mag den deutschen "Way of Life".

Ich finde es angenehmer, in Berlin zu leben als in Paris. Es ist ruhiger und voller Parks. Und auch wenn die Sonne scheint, bekommt man immer einen Platz in den Cafés. Insgesamt finde ich die Berliner zugänglicher als die Pariser. Deswegen bin ich froh, meine Karriere in Deutschland, insbesondere in Berlin, zu beginnen. Ich fühle mich hier und in Paris zu Hause. Aber ich glaube, typisch deutsch ist Berlin nicht. Trotzdem versuche ich, wie eine Berlinerin zu leben. Nicht wie eine Französin im Ausland.

Vielleicht gehe ich irgendwann wieder nach Frankreich zurück. Oder in ein anderes Land. Das hängt von den beruflichen Möglichkeiten ab. Wenn ich mal Kinder habe, würde ich sie wahrscheinlich lieber in Frankreich aufziehen. Dort sind die Strukturen besser, zum Beispiel was die Kitas angeht. Es scheint mir in Frankreich einfacher zu sein, Kinder zu haben und weiterhin zu arbeiten. Die meisten französischen Frauen bleiben maximal ein Jahr zu Hause.

Martina Kollroß (20) studiert in Berlin und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien, am liebsten über gesellschaftspolitische Themen und über Menschen, die sie beeindrucken.

Fotos: Privat







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