August Kreutzer ist ein melancholischer Duracell-Hase. Er läuft und läuft und läuft. Der Autor Albrecht Selge lässt den Protagonisten seines Debütromans "Wach" zwar nicht mit der immer gleichen Entschlossenheit, aber mit der immer gleichen Beständigkeit durch Berlin gehen. Denn August, Mitte 30, leidet an Schlaflosigkeit. Da es ihm in der Wohnung die Brust einschnürt, zieht er los. Meistens abends und nachts. Ohne Ziel streunt er durch Berlin auf der Suche nach Eindrücken und Geschichten. Eckkneipen, alte Kaufhäuser, Friedhöfe, leer stehende Gebäude, kleine Läden. Meistens geht er dorthin, wo Touristen eher selten hingelangen. Er mischt sich nicht ein, spricht mit niemandem; er sieht einfach nur zu und macht sich seine Gedanken.
"Du bist ein Irrläufer", sagt Manja über ihn. Sie ist die einzige Person, die gelegentlich zu August durchdringt, seit seine Freundin Susanne auf unbestimmte Zeit nach London gezogen ist und August kein Interesse zeigt, der Beziehung eine zweite Chance zu geben. Manja hat in der Sowjetunion Ingenieurswissenschaften studiert. Das aber nutzt ihr heute wenig, denn die Maschinen, die sie bedienen kann, gibt es nicht mehr. Nun verkauft sie Crêpes in der seelenlosen Shopping-Mall, in der August als Junior-Manager arbeitet.
In jeder Mittagspause geht er zu ihr, kauft einen Crêpe und lässt sich Geschichten von ihr erzählen. Für ihn ist sie "gleichzeitig die fröhlichste und traurigste Frau, die er je kennen gelernt hat". Der Rest seines Arbeitstags ist öde. Das einzige sichtbare Ergebnis seiner Tätigkeit ist das Editorial der Mall-Kundenzeitschrift, das er jeden Monat im Namen seines Chefs schreibt und in dem er von "Wohlfühlpullovern aus Shetlandwolle" bis "San-Daniele-Schinken vom Bio-Eber" alles an Produkten anpreist, was dem Menschen das Leben erträglicher machen soll.
Albrecht Selge
Protagonist samt Leserschaft im Halbschlaf
Diese Editorials sind neben dem Wetter das Einzige, was Selges Text strukturiert. Ansonsten verliert sich der Leser mit dem Protagonisten in den immer länger werdenden Spaziergängen – halb wach, halb im Schlaf. Hauptsache, irgendwie in Bewegung bleiben, damit es nicht zu eng in der Brust wird.
Selge lässt offen, ob August wegen der Schlaflosigkeit so viel läuft oder weil er Angst vor dem Einschlafen hat. Einmal heißt es im Buch: "Und da denkt er, Fernsehnachrichten sind ein Abbild seines Lebens: tausend zusammenhanglose Informationen, die sich abschotten gegen die Welt; nein, vielleicht ist es genau andersherum, gerade die gezielte Zusammenhanglosigkeit, das Rumgehen, gibt ihm momentan das Gefühl, ein ganzer Mensch zu sein." Gerade diese Haltung aber führt dazu, dass er kaum dauerhaftes Interesse für irgendetwas aufbringen kann. Er hat die Chance auf einen beruflichen Aufstieg – und zögert. Jemand schreibt in seinem Namen obszöne Einträge im Internet, er verfolgt das nur sporadisch. Zu weit weg ist August von dieser Welt.
"Wach" ist der erste Roman des 1975 geborenen Albrecht Selge. Ein mutiger Roman – weil er dem Leser wenig Orientierung bietet, wenig Handlung, wenig Spannung. Bret Easton Ellis musste beim Leser, um ihm die Langeweile der Protagonisten in seinem Debüt "Unter Null" begreiflich zu machen, eine gewisse Langeweile erzeugen. Selge muss, um die Leser/innen den merkwürdigen Zustand zwischen Schlafen und Wachen näher zu bringen, bei diesen auch einen ähnlichen Zustand erzeugen. Einen Zustand, in dem kaum noch unterschieden werden kann zwischen Jahreszeiten, Orten, Gegenwart und Vergangenheit, in dem die Eindrücke nur so vorbeirauschen, ohne dass sie hängen bleiben. Dieses Buch berührt einen in weiten Teilen nicht. Und genau so muss es sein.
Albrecht Selge: Wach (Rowohlt Berlin 2011, 256 S., 19.95 €, als Digitalbuch 16.95 €)
Sebastian Dalkowski lebt als freier Journalist in Mönchengladbach.
Foto: ©Reza Jan Mansouri
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