Solange man gesund ist, muss man kämpfen

Der Widerstand der Toba Qom in Argentinien

9.8.2011 | Sabrina Scholz | Artikel drucken

"Félix! Félix! Félix!", jubeln sie immer wieder durch die Nacht. Auf einer dunklen, staubigen Dorfstraße im Norden Argentiniens steht eine Traube von Menschen, die Félix Díaz in ihrer Mitte hochleben lassen. Er hat die Wahl zum Repräsentanten der indigenen Gemeinschaft "La Primavera"/"Der Frühling" gewonnen. Freunde und Dorfbewohner fallen ihm um den Hals und küssen ihn, schwenken die regenbogenfarbene Flagge, die Wiphala, das Zeichen der indigenen Völker. Díaz trägt ein mit bunten Perlen besticktes Stirnband über dem kinnlangen schwarzgrauen Haar und die Wiphala wie einen Umhang um den Hals. Er strahlt und hat Tränen in den Augen.

Die gewonnene Wahl war für ihn ein wichtiger Schritt in Richtung Gerechtigkeit. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern seines Volkes kämpft er seit Jahren für die Rückgabe von Ländereien, die den Indigenen von der Provinzregierung entzogen wurden. Als Bedingung für Verhandlungen hatten die Politiker einen offiziellen Titel als Repräsentant der Toba-Qom gefordert und Wahlen angeordnet.

Díaz hatte gegen seinen Konkurrenten Christino Sanabria antreten müssen, der von der Provinzregierung unterstützt wird und von den Land-Streitigkeiten nichts wissen will. Hätte er gewonnen, wären alle Mühen und Opfer von Díaz umsonst gewesen: die Blockaden, Demonstrationen und Hungerstreiks, insbesondere der Tod eines Gemeindemitgliedes, an den Díaz in diesem Moment erinnert: "Diesen Sieg widme ich der Gemeinde Qom, allen Alten, Kindern, Jugendlichen, Müttern, allen, die ihr Leben gegeben haben für dieses Land und unsere Ehre. Ich widme diesen Sieg Roberto López."

"Uns fehlt es an allem"

Seit mehr als acht Monaten kämpfen Díaz und eine Gruppe von Gemeindemitgliedern in der Provinz Formosa und in der 1.000 Kilometer entfernten Hauptstadt Buenos Aires für eine Verbesserung der Lebensumstände seines Volkes. Rund 4.200 Menschen leben in der indigenen Gemeinde im Norden der Provinz. "Uns fehlt es an allem. Wir haben keinen Zugang zu Wasser, Ärzten und zur Justiz", erklärte Díaz im April auf einer Pressekonferenz von Amnesty International.

Doch der Kern seiner Forderungen dreht sich um ein Stück Land von 1.300 Hektar Größe. Der Streit darum schwelt schon seit 1985. In diesem Jahr entzog die Provinzregierung dem Volk das Gebiet, das ihnen im Jahre 1940 offiziell von der Nationalregierung überlassen worden war. Heute wird ein Teil davon von einer nicht-indigenen Familie bewirtschaft, der andere Teil ist Nationalpark.

Die Provinzregierung weigert sich, das Gebiet den Qom zu geben. Das Volk sei für den Verlust mit anderen Ländereien entschädigt worden, zudem habe die Familie das Land bereits vor der Übergabe 1940 bewohnt, so die offizielle Haltung des Justizministers der Provinz Jorge González.

Kein Einzelfall in Lateinamerika

Der Streit um den rechtmäßigen Besitzer des Landes ist kompliziert und er ist in Argentinien wie auch in anderen lateinamerikanischen Staaten kein Einzelfall. Immer wieder kommt es zu Konflikten aufgrund von Enteignungen, Vertreibungen und Zerstörungen indigener Territorien, die in den meisten Fällen wirtschaftlich motiviert sind.

Dabei hat die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen festgelegt, dass die Unterzeichner-Staaten die Territorien der indigenen Völker schützen sollen. Von 22 Ländern wurde die Konvention ratifiziert, 15 davon in Lateinamerika. Argentinien unterschrieb 2000. Auch in der Verfassung sind die Rechte indigener Völker festgelegt. Zusätzlich existiert hier seit 2007 das Gesetz 26.160, das die Landvertreibungen indigener Völker stoppen und alle Gebiete in einer Erhebung erfassen soll.

Die rechtliche Lage kennt die Wissenschaftlerin Almut Schilling-Vacaflor gut. Sie befasst sich am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg mit indigenen Völkern in Lateinamerika. Sie betont, dass trotz der Gesetze bisher wenig passiert sei. "Zu groß ist der Widerstand von lokalen Eliten, Grundbesitzern und Provinzregierungen, die um Ländereien und Ressourcen fürchten", sagt sie.

Und Schilling-Vacaflor geht davon aus, dass die Rechtsstreitigkeiten zwischen Gemeinschaften und privaten Landbesitzern, Unternehmen und staatlichen Einheiten weiter zunehmen werden. "Und sie werden nicht unbedingt zugunsten der indigenen Gemeinschaften ausgehen, denn ihnen fehlen die Ressourcen für diese Rechtsprozesse."

"En la calle"/"In der Straße"

Auch aus dieser Hilflosigkeit heraus entschied sich Díaz im November 2010 dazu, mit einer Gruppe von Gemeindemitgliedern eine Fernstraße in der Provinz Formosa zu blockieren. Doch statt so einen politischen Kompromiss mit der Regierung zu finden, kam es zu einem gewaltvollen Zusammenstoß: Am 23. November räumten nach Angaben der Protestler 400 bewaffnete Polizisten die Sperrung brutal. Dabei wurden das Gemeindemitglied Robert López erschossen sowie der Polizist Heber Falcón. Mindestens 30 Menschen wurden schwer verletzt, im Anschluss sollen die Polizisten die Hütten der Gruppe niedergebrannt haben. Der Vorfall wurde in der Provinz nicht juristisch aufgearbeitet.

Um auf den Rechtsstreit und die Vorfälle aufmerksam zu machen, zog Díaz daher mit einer Gruppe von 70 Männern und Frauen Anfang Dezember nach Buenos Aires. Mitten im Verkehrschaos der Millionenmetropole, auf einem Grünstreifen zwischen unzähligen Autospuren sowie auf dem Bürgersteig vor dem Kongress errichteten sie Protestcamps. In den kastenförmigen Zelten aus dunkelblauem Plastik bemalten sie Transparente und Schilder, bereiteten Demonstrationen vor, sprachen mit Bürgern und Journalisten. Doch bei der Regierung fanden sie kein Gehör.

Erst durch drastischere Protestmethoden wie Straßensperren und Hungerstreiks sowie durch die prominente Unterstützung des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel zeigte sich die Regierung schließlich verhandlungsbereit. Nach einem knappen halben Jahr des Protests schien ein Kompromiss gefunden: Am 2. Mai wurde Díaz in den Präsidentenpalast Casa Rosada eingeladen, wo er ein Übereinkommen unterschrieb. Darin erklärte sich die Regierung bereit, einen Runden Tisch zur Lösung des Problems einzurichten, die Toba sollten dafür ihre Protestcamps auflösen und nach Formosa zurückkehren.

Schon wenige Tage später später hielten die LKWs und Busse vor den blauen Zelten und transportierten die zähen Dauerstreiker ab. Und wie vereinbart trafen sich auch die Mitglieder des Runden Tisches.

Kleine Schritte

Doch eine Verbesserung der Lage der Toba im Norden des Landes sowie die juristische Klärung des Landesstreites oder die Aufarbeitung des brutalen Vorgehens der Polizei wurden durch den Runden Tisch nicht beschleunigt. Stattdessen forderte der argentinische Innenminister Florencio Randazzo von Díaz den Nachweis der offiziellen Repräsentation durch seine Gemeinde zu erbringen. Groß war die Sorge bei Díaz und seinen Mitstreitern, dass er sich nicht gegen Sanabria durchsetzen würde.

Doch mit dem amtlichen Titel kann er sein Volk weiterhin vertreten. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber eine große Erleichterung, die neue Hoffnung mit sich bringt. Doch Díaz weiß auch, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt. Müde sei er schon ein wenig, sagt er, aber aufgeben möchte er nicht: "Solange man gesund ist, muss man kämpfen", sagt er.

Sabrina Scholz ist freie Journalistin und lebt in Köln.

Foto: Huelga de hambre Toba Qom / Servinidi.org



Links

Informationen zum Tag der indigenen Völker auf den Seiten der Organisation für bedrohte Völker

Die International Labour Organisation stellt ihre Ziele und Anliegen vor.

Das German Institute of Global and Area Studies in Hamburg