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Alles am Anfang

Ein neuer Staat richtet sich ein: Besuch im Südsudan

29.8.2011 | Oliver Seidl & Paul Knecht | Artikel drucken

Heimkehrer in Ikotos auf dem Fahrrad

Heimkehrer in Ikotos auf dem Fahrrad

"Und du, Ambros, könntest hier wohnen, direkt neben mir, da ist noch frei." Lawrence Okelo geht mit seinen Freunden Jakob und Ambros die Parzellen ab, die der kleine Ort Ikotos an seine Heimkehrer verteilt. 30 mal 30 Meter ist jede groß und wird an alle ehemaligen Flüchtlinge aus dem Bezirk verteilt. Die Initiative stammt von H.E. Peter Lokeng Lotone, ein engagierter Major beim Militär, der zusätzlich seit vier Jahren Bürgermeister in Ikotos ist. "Seitdem habe ich auch die Uniform nicht mehr angezogen. Meine Aufgaben sind jetzt hier. Als nächstes wollen wir Strom im ganzen Ort verfügbar machen", erzählt der Bürgermeister stolz.

Mit einer Fläche siebenmal so groß wie Deutschland war Sudan das größte Land Afrikas. Mit dem Abzug der britischen Kolonialmacht wurde der afrikanisch-katholische Süden 1956 dem arabisch-muslimisch geprägten Norden unterstellt. Die Entscheidung wurde ohne Zustimmung des Südens gefällt. Es bildeten sich bald Milizen, um sich gegen die Bevormundung durch den Norden zu wehren. Es folgte ein 16 Jahre langer Bürgerkrieg, der über eine halbe Million Opfer forderte. Viele Südsudanesen flohen in den Norden des Landes oder nach Uganda, Äthiopien und Kenia. Am Ende brachten die Kämpfe dem ölreichen Süden eine Autonomie. Die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Zukunft in Freiheit waren groß.

99 Prozent für die Unabhängigkeit

Doch mit der Einführung der Scharia, dem religiösen Gesetz des Islam, im ganzen Land und der Unterschlagung von Ölressourcen durch den Norden brach der Konflikt im Jahr 1983 erneut aus und es kam wieder zum Krieg. Die militärisch überlegene Armee des Nordens bombardierte den Süden aus der Luft, während die südsudanesischen Rebellen aus dem Busch heraus kämpften. Dabei bediente sich der Norden alter russischer Antonov-Transportflugzeuge. Sie wurden zu primitiven Bombern umfunktioniert und waren die schlimmsten Waffen des Nordens. Voll beladen mit Bomben rollte man ihre tödliche Fracht einfach über Dörfern und Städten zur Ladeklappe heraus.

 Unabhängigkeitstag-Feierlichkeiten auf der Strasse

Unabhängigkeitstag-Feierlichkeiten auf der Strasse

Diese Vergangenheit will der neue Staat, die Republik Südsudan, so schnell wie möglich hinter sich lassen. Am 9. Juli 2011 erlangten die Südsudanesen ihre Unabhängigkeit, nachdem im Januar 2011 bei einem Referendum 99 Prozent von ihnen für die Loslösung vom Norden gestimmt hatten. Am 14. Juli 2011 wurde der Südsudan schließlich als 193. Mitgliedsstaat in die Vereinten Nationen aufgenommen. In der neuen Hauptstadt Juba herrscht seitdem Aufbruchsstimmung. Zwar gibt es kaum Fabriken, und fast alles, was man zum Leben braucht, wird aus Kenia oder Uganda eingeführt. Doch überall in Juba wird gebaut. Direkt neben Siedlungen aus traditionellen Grashütten entstehen neue asphaltierte Straßen. Die Wände der Häuser sind zugepflastert mit Plakaten, die für Mobilfunkanbieter werben: "Say it, if you can't text it" – "Sag es, wenn du es nicht schreiben kannst". Die Analphabeten-Rate im Südsudan ist hoch, über 70 Prozent der Menschen können weder Lesen noch Schreiben. Das tägliche Leben in Juba ist in den vergangenen Monaten teuer geworden. Die Flüchtlinge und die internationalen Helfer treiben die Preise nach oben. Eine kleine Wohnung im Zentrum kostet 600 Euro im Monat. Das übersteigt das Einkommen der meisten Familien. Sie leben daher in einfachen Hütten außerhalb des Zentrums.

In der Hauptstraße im Regierungsviertel stehen zahlreiche neue Bürogebäude, in denen Nichtregierungsorganisationen sitzen, die beim Aufbau des neuen Staates helfen wollen. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen hat gemeinsam mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) die Heimreise von 28.000 Binnenflüchtlingen organisiert – per Flugzeug, Schiff oder Autobus-Konvoi. Doch bei einer Gesamtzahl von über vier Millionen Flüchtlingen, die in ihre Heimat zurück wollen, reichen die Mittel der Helfer nicht aus. So haben sich die meisten Flüchtlinge selbst auf den langen Weg gemacht, ohne Hilfe von Hilfsorganisationen.

Heimkehrer beladen Bargen im Hafen Kosti

Heimkehrer beladen Bargen im Hafen Kosti

Wie wird die Ernte?

Während andere Rückkehrer noch auf dem Weg aus dem Norden des Sudan in den Süden sind, überlegt Lawrence Okelo im Ort Ikotos, wie er den Bau seines Hauses finanzieren soll. "Der Bau einer Grashütte ist für uns sehr kostspielig. Wenn man selber baut und die Lehmziegel selber legt, bleiben immer noch Anschaffungskosten in Höhe von fast 500 sudanesischen Pfund (ca. 130 Euro). Das beinhaltet zwar Heu und Bambus für das Dach sowie die Tragepfosten, aber es ist für uns sehr viel." Seine Freunde klingen ebenfalls besorgt. "Man bekommt zwar sein Stück Land kostenfrei zugewiesen, wenn man aber in den ersten sechs Monaten keine Fortschritte beim Bau sieht, wird es einem wieder aberkannt", meint Jakob. Auch das Essen ist knapp. Zwar bekommt jede Familie vom Welternährungsprogramm Saatgut und genug Essen für die ersten drei Monate, doch bis zur ersten Ernte reicht das nicht aus. So müssen die Bewohner schon vorher Pflanzen ihrer gelegten Saat ausreißen. Das wiederum verringert die kommende Ernte.

Abends trifft sich Lawrence Okelo mit seinen Freunden Jakob und Ambros in einer Bar. Alle drei arbeiten an der Schule von Ikotos. Sie hoffen, bald eine Festanstellung zu bekommen. Als Volontäre besteht ihr Gehalt bisher lediglich aus den wöchentlichen Spenden der Eltern der Schüler, und das ist nicht viel. "Als festangestellter Lehrer hingegen würden wir 285 Pfund pro Monat (75 Euro) verdienen", erklärt Lawrence. Doch trotz all der Probleme und Ungewissheiten sind Lawrence, Jakob und Ambros mit ihrer Rückkehr in ihre Heimat zufrieden: "Wir sind glücklich endlich wieder zu Hause zu sein."

Oliver Seidl & Paul Knecht sind zwei Monate durch den neuen Staat Südsudan gereist. Sie arbeiten als Autoren und Fotografen für deutsche Magazine und leben in München.

Fotos: ©Oliver Seidl & ©Paul Knecht



Links:

Informationen zum neuen Staat Südsudan auf Wikipedia und aus dem Fischer-Weltalmanach.