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Whole Earth Catalog

Wie bastel ich mir eine Utopie?

1.7.2005 | Ulrich Gutmair | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was hat das "Praktische Handbuch für Kassettenrekorder" mit den "Interviews mit Sterbenden" der berühmten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und den Design-Theorien von Buckminster Fuller gemein, der futuristische Dome und neue Weltkarten entwarf? Zusammen mit einer Fülle anderer Publikationen sind sie im "Whole Earth Catalog", der 1968 zum ersten Mal erschien, gelistet. Alle dort annoncierten und besprochenen Bücher, von denen auch gerne wichtige Passagen zitiert wurden, verstanden die Herausgeber schlicht als "Tools" - also als nützliche Werkzeuge. Der großformatige, auf Umweltpapier gedruckte Katalog entwickelte sich rasant zur Bibel der amerikanischen Gegenkultur.

Was kam in den Katalog?

Immer auf der dritten Seite des Katalogs, der in immer neuen, verbesserten und erweiterten Ausgaben herauskam - zuletzt als Millenniumsausgabe kurz vor der Jahrtausendwende - erläuterten die Macher/innen das denkbar simple Auswahlsystem:

"Ein Artikel wird im Katalog aufgelistet, wenn er:
1) als Werkzeug nützlich ist,
2) für unabhängige Erziehung relevant ist,
3) hohe Qualität hat oder wenig kostet,
4) nicht schon ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist,
5) und leicht per Post verschickt werden kann."

Subjektive Produktauswahl

Zu diesen nützlichen Werkzeugen zählten Veröffentlichungen und Produkte, die sich mit den neuesten Erkenntnissen der Kybernetik oder mit erneuerbaren Energien befassten, aber auch mit Fahrradreparaturen oder der Frage, was man von den Indianern lernen kann. Der Katalog empfahl seinen Leser/innen schon in seiner ersten Ausgabe vor allem Bücher: Norbert Wieners "Mensch und Menschmaschine", aber auch echte Handbücher wie das "Handbuch für elektrische Motoren", das "Handbuch des Heizens" oder das "Energiekrisen-Überlebens-Set". Der Katalog listete aber nicht nur Bücher etwa über den Bau von Tipis, sondern gab auch gleich Tipps, welche Materialien man wo bekommen konnte. Viele nützliche Informationen wurden gleich im Katalog selbst abgedruckt, etwa die Anweisung, wie man sich gegen Angriffe hungriger Hunde verteidigen kann. Viele der Bücher und Produkte konnte man gleich bestellen – bei den anderen wurden die Bezugsmöglichkeiten genannt.

Die Idee zum Katalog hatte der Autor und spätere Unternehmensberater Stewart Brand, als er bei der NASA versuchte, die auf der Apollo-12-Mission gemachten Fotos von der Erde zu bekommen, um sie möglichst massenwirksam zu verbreiten. Hinter diesem Projekt standen bereits die Ideen des Architekten, Philosophen und Erfinders Buckminster Fullers, der angesichts der immer deutlicher werdenden ökologischen und sozialen Krisen ein Programm der Bewusstseinsbildung verfocht: Wenn die Menschheit nicht nur überleben, sondern wirklichen Fortschritt erleben wolle, so Fuller, dann müsste zuerst mit in der Sprache mitgeschleppten Mystifizierungen aufgeräumt werden. Den Kindern solle etwa nicht mehr beigebracht werden, dass der Boden "unten" und der Himmel "oben" ist, sondern dass wir uns auf einer Kugel bewegen, die durch den Weltraum flitzt.

Die Erdkugel im Blick

Das aus dem All aufgenommene Bild der Erde war in diesem Sinn schon für sich genommen eine pädagogische Maßnahme: Wer die kleine blaue Kugel sieht, versteht ohne Worte, dass die Erde - abgesehen von Energien, die über kosmische Strahlung von außen kommen - ein geschlossenes Ökosystem ist - und die Ressourcen nicht unendlich. Das Foto der Erde, wie man sie aus dem Weltraum sieht, zierte folgerichtig die Cover aller Kataloge. "Die Erkenntnisse Buckminster Fullers haben die Veröffentlichung dieses Katalogs angestoßen", hieß es in der ersten Ausgabe, und gleich darauf wurde der Vordenker selber mit einem langen Text zitiert, der so beginnt: "Ich erkenne Gott in denjenigen Instrumenten und Mechanismen, die verlässlich funktionieren."

Die Idee einer spirituell gedeckten, sanften und doch technologischen Revolution durchdringt alle Hinweise, die im Katalog abgedruckt sind. Ihre Utopie war zuerst das Neu-Design der von Menschen gemachten Welt, die in den folgenden Ausgaben allerdings selbst bald als zu "anthropozentrisch", als zu sehr auf den Menschen bezogen kritisiert wurde: Auch Amöben, Fische und Vögel haben nicht nur ein Recht auf Leben, sie sind unverzichtbare Bestandteile desselben "ökomentalen Systems" - wie der Kybernetiker Gregory Bateson uns und unsere Umwelt bezeichnete.

In den Archiven der Geschichte

Im Gegensatz zu den radikalen Studenten und Studentinnen in Europa hatten die kalifornischen Revolutionäre keinen Umsturz im Sinn und auch keine Verstaatlichung der Produktionsmittel. Ganz in der libertären amerikanischen Tradition verwurzelt ging ihre Idee vom Einzelnen aus, dem die rechten Instrumente in die Hand gegeben werden müssen, damit er oder sie die Welt für sich und die anderen besser gestalten kann. Es ist wenig erstaunlich, dass auch schon früh Computer zu diesen Werkzeugen gezählt wurden. Stewart Brand erfand folglich nicht nur den Begriff “Personal Computer“, er gründete auch zusammen mit einigen anderen das "Whole Earth 'Lectronic Link", eine der ersten vernetzen Netz-Gemeinschaften. Die “Well“ existiert noch heute – die Kataloge sind dagegen zu raren Sammlerstücken geworden.

Ulrich Gutmair, 34, ist Redakteur bei der netzeitung.

Fotos: ©Ole Brömme



www.t-h-e-n-e-t.com
Ausführliche Informationen zu Steward Brand und dem “Whole Earth Catalog“

http://commons.wikimedia.org
Hier sieht man eine Seite aus dem Katalog.

www.well.com/
“Whole Earth 'Lectronic Link“ von Steward Brand (englisch)

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