Dahn Mormodehai hatte viel zu tun. Nicht nur musste der 17-Jährige aus Israel den wendigen Außenstürmer Marco Pasciel des FC Bayern in Schach halten, der immer wieder mit dem Ball am Fuß auf ihn zuläuft. Neben den taktischen Aufgaben sind Dahn und seine Teamkollegen des "Peace Team" auch "Zeichen", "Symbol" und "Brückenbauer für den Frieden", wie es den jungen Fußballern von ihrem Teamchef Shimon Peres auf den Weg gegeben wurde. Da kann man schon einmal ins Schwitzen kommen.
"Das ist das wichtigste Spiel des Jahres", hatte Bayern-Manager Uli Hoeneß in gewohnter Megaphon-Manier vor der Partie seiner U17-Mannschaft gegen die Auswahl von israelischen und palästinensischen Jugendlichen vom "Shimon Peres Center of Peace" gesagt, die am Montag in der Münchner Allianz-Arena stattfand. 50.000 Schüler aus ganz Bayern feierten schon am frühen Vormittag. Und während normalerweise der Verlierer den Schmähungen und Pfiffen der Fans ausgesetzt wird, lief das "Peace Team" nach 90 Minuten eine Ehrenrunde. Trotz der 0:4 Niederlage.
Schweigen und Beifall
Das "Peace Team" hat gut gespielt für einen Haufen zusammengewürfelter Jungs aus einem Krisengebiet. "Die Kinder kommen aus Städten, in denen die Sicherheitslage besonders angespannt ist", sagt Roni Kresner, die sie als Pressesprecherin begleitet. Die 14- bis 18-jährigen Jungs leben in einer Welt, die sich ihre Zuschauer trotz der jüngsten Anschläge in europäischen Hauptstädten nicht vorstellen können: Panzer, Sicherheitskontrolle an jeder Ecke, fanatische Demonstrationen, Lautsprecherstimmen voller Hass und die Angst, die jeder vor dem anderen hat.
In der Halbzeitpause läuft dann ein Film auf der Videoleinwand, auf der sonst immer die Spielergebnisse angezeigt werden. Der 13-jährige Mohammed aus Gaza-Stadt erzählt den bayerischen Schülern, dass er früher nicht Lokführer oder Pilot werden wollte, sondern Märtyrer, oder, wie man hier im Westen sagt: Selbstmordattentäter. Kurzes Schweigen in der Arena. "Aber jetzt weiß ich es besser." Und es ertönt Beifall wie - so komisch es ist - nach einem schönen Tor.
Woher kommt eigentlich das Zutrauen auf die heilenden Kräfte des Fußballs? Liegt es daran, dass auch die Welt rund ist, so rund wie ein Ball? Oder doch eher an der Medienmacht des Weltsports? Die Fußballdiplomatie hat auf jeden Fall Tradition. Unter dem Motto "lapé fô roulé, boule fô roulé" - der Frieden muss rollen, der Ball muss rollen - spielte vergangenes Jahr die brasilianische Fußballmannschaft auf Haiti und wird im UN-Blauhelm-Report für seine "entspannende Wirkung auf die Gesamtlage" offiziell gewürdigt. Es ist eine Geschichte, die Mut macht. Aber auch das schönste Tor bringt den Krieg nicht aus den Köpfen. "Das ist eine gute Idee, das sollte man öfters machen", meint etwa Jamila, Münchnerin palästinensischer Herkunft, "aber allein durch ein Fußballspiel verändert man nichts. Die Wut kommt doch immer wieder."
Die Allianz-Arena wurde gebaut, um den Kontakt zwischen Fußballer und Fan zu intensivieren. Es gibt keinen Zaun zwischen Feld und Tribüne. An diesem Tag jedoch bilden die vielen Sicherheitskräfte mit ihren ernsten Gesichtern eine Mauer. Das Spiel gegen den Terror wurde - Ironie der Nachrichtenlage - von einer Diskussion um Terrorgefahr überschattet. Ins Rollen gebracht hatte die Debatte ein kurzer Artikel des SPIEGEL, welcher über "scharfe Sicherheitsmaßnahmen" berichtete, obwohl die, wie Polizeisprecher sagten, "nicht über das übliche Maß hinausgingen".
Die Panikmache der Medien
Die Münchner Medien aber hatten ein Thema. "Alarmstufe 1", schrieb etwa die Münchner Boulevardzeitung "tz" vor dem Spiel. "700 Polizisten schützen die Kinder" stand in der Zeitung und Worte wie "Hochsicherheitstrakt", "Straßensperren" und "Flugverbotszone". Mehrere Schulen und Elternverbände sagten daraufhin ihre Teilnahme ab. Und so wurde das Spiel, das ein Zeichen für den Frieden war, auch gleichzeitig ein Beispiel für das Leben in Zeiten des Terrors, einem Leben zwischen realer Gefährdung und medialer Hysterie.
Obwohl keine Drohung oder Gefahrenhinweise vorlagen, wurden alle Schüler vor dem Eintritt einer Leibesvisitation unterzogen. "Jetzt kann man sich vorstellen", meinte einer, während er mit ausgebreiteten Armen auf Einlass wartete, "wie es ist, in Israel zu leben. Mit ständiger Angst und den vielen Kontrollen."
Tobias Moorstedt lebt in München. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung.
Fotos: "Match of Peace" / ©Allianz Arena
www.bpb.de
Das Israel-Heft der Bundeszentrale für politische Bildung
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