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Klauen als Lifestyle

Die Widersprüche der Umsonst-Bewegung

19.7.2005 | Thilo Guschas | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Diebstahl ist nur, wenn dich jemand dabei sieht!", ruft Annette* (*Name geändert) ins Megaphon. Annette, eine zierliche junge Frau, steht mitten in einer Einkaufsstraße in Hamburg, zusammen mit fünf anderen jungen Leuten, die Karnevalsperücken und Sonnenbrillen tragen. Aus einem Ghettoblaster dröhnt übersteuerte Popmusik, auf den Pflastersteinen ist ein roter Teppich ausgerollt. Annette schmettert ins Megaphon: "Seid erfinderisch! Näht Taschen an unüblichen Stellen!" Einer aus der Gruppe spaziert über den improvisierten Catwalk und führt eine präparierte Hose vor, bei der auf Wadenhöhe eine Hosentasche versteckt ist - eine Stelle, die Kaufhausdetektive leicht übersehen, wenn sie Ladendiebe filzen.

Eine "Klaumodenschau" in der Einkaufsstraße - eine typische Aktion der "Umsonst"-Bewegung. "Umsonst"-Aktivisten, von denen es Gruppen in Köln, Hamburg und Berlin gibt, fordern offen zum Ladendiebstahl auf. Gewissensbisse? Unnötig, meinen die Aktivisten, denn für sie gelte die Formel "Eigentum ist Diebstahl": "Ist es denn wirklich schlimm, wenn ich im Supermarkt das einstecke, was ich essen will? Oder ist es nicht viel schlimmer, wenn ich Millionen von Leuten abzocke, indem ich sie ausbeute und für mich arbeiten lasse?", erklärt Annette die "Umsonst"-Ideologie. Das klingt nach kommunistischen Umverteilungsfantasien - nur neu verpackt in Form von Klautricks.

Wer bestimmt den Preis?

An die Passanten verteilen die Umsonst-Aktivisten Flyer, die auf den ersten Blick wie Mediamarkt-Broschüren aussehen. Unter dem Slogan "Lasst euch nicht verarschen, ihr bestimmt den Preis!" geben die Flyer Tipps, wie man sich Dinge "aneignen" könne, ohne sie zu bezahlen: CD-Brennen, Versicherungsbetrug, Manipulieren von Stromzählern. Neben technischen Kniffs stehen juristische Empfehlungen, für den Fall, dass ein Betrug einmal auffliegt.

Die Passanten, die die Flyer mitnehmen, reagieren mit gemischten Gefühlen auf die Einladung zur Kriminalität. "Ich finde bei großen Konzernen wie Walmart tut es keinem weh", erklärt eine junge Frau. "Aber wenn es jeder tun würde - ich weiß nicht, was dann passieren würde?" "Wenn sich jeder nimmt, was er will, führt das auf lange Sicht gesehen in ein Chaos!", findet ein Mann kopfschüttelnd.

Vorbild der Umsonst-Bewegung ist die spanische Gruppe "Yomango" (spanisch für "ich klaue"), die sich vor drei Jahren in Barcelona zusammenfand. Erklärter Gegner dieser Gruppe sind große internationale Konzerne wie Nike und Zara, die die Menschen - so die "Yomangos" - ausbeuten würden. Genüsslich kopieren die spanischen Aktivisten die ausgeklügelten Imagekampagnen der Konzerne: Yomango besitzt ein eigenes Logo, diverses Werbematerial wie Aufkleber und Poster und vertreibt auf DVD eigene Videoclips im MTV-Stil. Die Clips werben nicht wie gewohnt für Turnschuhe oder Armbanduhren, sondern für Ladendiebstahl - sie feiern Klauen als Lifestyle, wollen eine blinde Konsumverehrung aufs Korn nehmen.

Legitime Aktionen?

Mittlerweile gibt es weltweit Yomango-Gruppen, unter anderem in Chile und Argentinien. In Deutschland vertritt das Umsonst-Netzwerk die Yomango-Konzepte. Viele Umsonst-Aktionen bestehen daraus, dass eine größere Gruppe demonstrativ keinen Eintritt zahlt. Dies kann kollektives Schwarzfahren in der Hamburger U-Bahn sein, unbezahltes Schwimmen in einem Berliner Freibad oder ein gemeinsamer Kinobesuch ohne Eintrittskarte.

Dass es sich hierbei um Straftaten handelt, kümmert die Aktivisten wenig: "Wir solidarisieren uns mit denen, die ausgebeutet werden. Ob sie nun im Callcenter arbeiten oder als Kellner - es gibt viele Jobs mit miesen Löhnen, bei denen man ausgeschlossen wird von Luxusgütern", erklärt Aike*, ein Aktivist aus Berlin. Annette meint: "Es gibt eine Menge Leute, die klauen, weil sie durch ihre Lebenssituation dazu gezwungen sind. Uns geht es darum, diese Momente aus der Heimlichkeit zu holen, so dass diese Leute sich nicht dafür schämen müssen."

Der Weg ins radikale Aus

Doch gerade diese Klientel erreicht die Umsonst-Bewegung nur schlecht. "Deshalb gehen wir ja nach außen, mit Broschüren, Aktionen, Publikationen im Internet", erklärt Klauer Ben*. Arbeiter mit niedrigen Löhnen oder Minijobber für ihre Ideen zu begeistern, ist für die Gruppe jedoch nicht einfach: "Wir sind überwiegend Studierende", gibt Ben zu.

Ziel der Bewegung ist es daher, die Medien stärker für ihre Inszenierungen zu interessieren. So stürmten vor wenigen Wochen dreißig Aktivisten das Büffet eines 5-Sterne-Restaurants im Hamburger Nobelstadtteil Blankenese. Mit Theatermasken verkleidet plünderten sie die Luxus-Tafel. Während sie Lachs, Krabben und exotische Früchte in Papiertüten stopften, verteilten sie antikapitalistische Flugblätter mit dem Titel des Erfolgsfilms "Die fetten Jahre sind vorbei". Die Polizei kam zu spät, um die Täter zu fassen.

Ihr Ziel, Medienaufmerksamkeit zu erlangen, hat die Umsonst-Gruppe mit dieser vorläufig letzten Aktion erreicht. Tageszeitungen wie "Die Welt" oder "taz" berichteten von dem Vorfall. Doch gleichzeitig ist die Bewegung stärker in die Radikalität abgedriftet. Seit dem Restaurantsturm ermittelt der Verfassungsschutz gegen die Gruppe.

Thilo Guschas arbeitet als freier Journalist in Köln für den Rundfunk und für Zeitschriften.

Foto: ©Yomango.net


www.yomango.net
Das Yomango-Netzwerk

www.bpb.de
Die Bewegung der Globalisierungskritiker - ihre Herkunft und ihre Ziele

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