Wenn die Flüchtlinge aus Mali, Nigeria oder Ghana auf ihrem Weg nach Europa die afrikanische Mittelmeerküste erreichen, haben die meisten von ihnen eine jahrelange Odyssee hinter sich. Europa ist dann zum Greifen nahe. Nur noch ein doppelter Metallzaun mit Stacheldraht liegt zwischen ihnen und der spanischen Exklave Ceuta. Alle vierzig Meter leuchtet ein Scheinwerfer auf die marokkanische Grenze, alle 400 Meter ein Wachturm. Der Zaun erinnere "fatal an den Eisernen Vorhang", schreibt Corinna Milborn in ihrem Buch "Gestürmte Festung Europa".
Die österreichische Journalistin berichtet in einer ergreifenden Reportage davon, wie sich im Herbst 2005 an dieser Grenze die Ausreisenden sammelten. Von Spähern hörten die Afrikaner das Gerücht, dass der Grenzzaun in Kürze auf sechs Meter erhöht werden sollte. Schließlich kam es zu einer Kettenreaktion; sie versuchten alle auf einmal den Zaun zu erklimmen. Der 29. September 2005 ging als "Sturm auf Ceuta" in die Geschichte ein. Nur wenige schafften es, den Fuß auf europäischen Boden zu setzen. Sieben Flüchtende wurden von Grenzschützern erschossen; marokkanische Sicherheitsbeamte deportierten mehr als 1.200 Menschen fernab in die Wüste und überließen sie dort sich selbst. Mindestens 200 von ihnen starben.
Bis zu den jüngsten arabischen Aufständen halfen nordafrikanische Staaten bei der Überwachung der Küste. Doch in den letzten Monaten gelang Flüchtlingen vor allem aus Tunesien und Libyen zu Tausenden die Überfahrt. Dabei kommt es immer wieder zu Unglücken. Erst am 6. Mai 2011 kamen 600 Flüchtlinge direkt vor der libyschen Küste bei einem Bootsunglück um. Die Medien berichteten zumeist nur in einer kurzen Nachricht darüber. Zu oft gab es schon solche Katastrophen.
Doch welches Elend die Menschen dazu bringt, sich auf eine Überfahrt zu begeben, meist nur mit untauglichen, uralten Booten, die bei der erstbesten Welle kentern oder auseinander brechen, wie jetzt vor der libyschen Küste, davon erzählen Journalisten in Büchern. Es sind die Hintergründe zu den Meldungen über die Schiffsunglücke.
Der Autor Klaus Brinkbäumer reiste mit dem in Spanien lebenden Ghanaer John Ekow Ampan noch einmal auf dessen Fluchtroute durch die Sahara. Vier Jahre brauchte Ampan einst, um sich bis nach Ceuta durchzuschlagen. "Wir müssen nach Europa fliehen, wenn wir leben wollen", begründet er die Mühe. Nach 14 Jahren kehrte er das erste Mal zu seiner Familie zurück. Seine Kinder wuchsen ohne ihren Vater auf, und auch die Rückkehr war nur ein kurzer Besuch.
Denn schon bald brachen Ampan und Brinkbäumer wieder auf. Sie benutzten eine der am häufigsten frequentierten Transitrouten über Niger und Algerien. Für den Ghanaer war es damals eine Reise in ständiger Abhängigkeit von den Schleppern gewesen, diesmal fuhr er mit dem Auto. Zusammen mit dem Spiegel-Reporter machte er nochmals Station in Agadez, einem Umsteigeort für die Auswanderer in Niger, und sie erlebten eine strenge Überwachung mit vielen Schikanen in Algerien.
Träume und Versprechungen
Andere Buchautoren mischten sich undercover unter die Flüchtenden: zum Beispiel der italienische Journalist Fabrizio Gatti, der sich als Kurde namens Bilal ausgab und in dem berüchtigten Flüchtlingslager von Lampedusa landete. Brinkbäumer blieb jedoch Ampans Begleiter, weil er ohnehin der offensichtliche einzige Weiße unter den Afrikanern war. Mit seinem Buch "Der Traum vom Leben" macht er das Ausmaß der Fluchtbewegung in Afrika sichtbar. Überall, wo sie hinkamen, herrschte Perspektivlosigkeit. Aus beinahe jeder Familie, die sie trafen, machten sich Mitglieder auf den Weg nach Europa.
Auch im westafrikanischen Senegal ist die Frage, ob die Jugendlichen bleiben oder gehen sollen, allgegenwärtig. Dies berichtet der italienische Autor und Menschenrechtsaktivist Gabriele del Grande in seinem Buch "Mamadous Fahrt in den Tod". Sie alle lockt der Wohlstand derer, die es geschafft haben. Der senegalische Rapper Awadi klagt in einem Song: "Ihr habt mir versprochen, dass ich nie wieder hungern würde, dass ich einen Beruf, eine Zukunft haben würde. Ich habe es satt zu warten." Dennoch appelliert Awadi, zu bleiben, weil die Überfahrt zu den Kanarischen Inseln auf einfachen Booten zu gefährlich sei. Auf dieser Strecke gab es in den vergangenen Jahren Tausende Tote.
Die Tragödien auf den Schiffen selber zeichnet der langjährige Zeit-Autor Michael Schwelien in "Das Boot ist voll" nach. "Europa zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz" lautet der Untertitel. Schwelien verurteilt die Zunft der Schlepper, bringt aber ebenso Verständnis für die Angst der europäischen Politik vor der Migration auf. Der 62-Jährige erzählt auch von den Flüchtenden, die selten älter als 30 Jahre sind und damit mindestens eine Generation jünger als er. Seine distanzierte Perspektive schildert die Problematik aus einer europäischen Sicht; unweigerlich stellt er damit das Thema verkürzt dar.
John Ekow Ampan schlug sich bis nach Ceuta durch und erhielt dort Kirchenasyl. Brinkbäumer sprach mit Pater Andrés, der sich einst um Ampan kümmerte. Für ihn ist es ein fundamentales Menschenrecht, frei zu sein und zu wandern, wenn man in Not gerät. "Solange nur die Flüchtlinge bekämpft werden, ohne dass ernsthaft nach multinationalen Lösungen gesucht wird, werden sich die Flüchtlinge auf den Weg machen, um das Paradies zu finden", sagt er.
Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto (Fischer Verlag, 231 S., 9.90 €)
Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee (Fischer Verlag 2006, 287 S., 9.95 €)
Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa (Verlag Antje Kunstmann 2010, 457 S., 24.90 €)
Michael Schwelien: Das Boot ist voll. Europa zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz (marebuchverlag 2004, 210 S., 14.90 €)
Gabriele del Grande: Mamadous Fahrt in den Tod. Die Tragödie der irregulären Migranten im Mittelmeer (Von Loeper 2008, 221 S., 14.90 €)
Stefan Otto, 36, lebt als freier Journalist in Berlin.
Foto: ©photocase.com/ grenzverkehr
Eine Spiegel-Reportage von Klaus Brinkbäumer über die Flucht von John Ekow Ampan nach Europa
Rede von Gabriele del Grande, als ihm der Menschenrechtspreis 2010 von PRO ASYL verliehen wurde
Interview mit Fabrizio Gatti über "Bilal" (Deutschlandfunk)
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