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Ciao Roma

Warum immer mehr junge Italiener ihre Heimat verlassen

17.5.2011 | Wibke Bergemann | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Alessandra Bonocore hat einen Traum verwirklicht. Direkt am Meer, nicht weit von Rom, führt sie mit ihrem Mann ein Bio-Restaurant. Die beiden haben sich über die Leidenschaft zu gesundem Essen kennen gelernt. Nun bieten sie mit ihrer biologischen Küche etwas Besonderes, das sie von der Konkurrenz unterscheidet.

Der Laden läuft gut. Und trotzdem reicht es vorn und hinten nicht. Ständig sind ihr Mann und sie im Restaurant beschäftigt. Ferien haben sie schon lange nicht mehr gemacht. Alessandra sagt: "Es geht nicht mehr! Ich will hier weg."

5.000 Euro Miete zahlen sie für das Restaurant. Die Steuern seien erdrückend. Und auch mit der Bürokratie haben sie zu kämpfen: etwas Schmiergeld hier, etwas Schmiergeld da. Weil sie der Zulassungsbehörde nichts extra zugeschoben haben, darf das Restaurant nun keine Tische mehr draußen aufstellen.

Und wie die meisten Italiener klagt Alessandra über die ständig steigenden Lebenshaltungskosten. Das Leben ihrer Familie mit drei Kindern ließe sich kaum noch bezahlen, sagt Alessandra. Dabei ist es schon ein Vorteil, dass sie außerhalb der Stadt wohnen. In Rom ist eine Zwei-Zimmer-Wohnung nicht unter 1.000 Euro zu finden, eine Wohnung für eine fünfköpfige Familie unbezahlbar. Wenn sie nach Rom wollen, stehen sie oft im Stau. "In Rom gibt es keine funktionierenden öffentlichen Transportmittel", sagt Alessandra. "Das ist einfach kein Leben!"

Neue Art der Auswanderung

Die Entscheidung ist gefallen. Im Sommer wird die Familie nach Berlin ziehen. Der Älteste soll auf die deutsch-italienische Europaschule, die beiden Kleinen in eine zweisprachige Kita. "Wir wollen nicht viel, eine vernünftige Schule für die Kinder, ein Leben in einem normalen Tempo und einfach mal wieder etwas Zeit zum Nachdenken."

Italien erlebt eine neue Art der Auswanderung. Während seit den 1950er-Jahren vor allem nicht ausgebildete so genannte Gastarbeiter im Norden Europas ein besseres Leben suchten, sind es nun immer mehr gut ausgebildete junge Leute, die ihr Land verlassen. Im vergangenen Jahr drehten alleine über 22.000 Italiener unter 40 Jahren ihrer Heimat den Rücken zu. Hauptziele: Frankreich, die Schweiz, Deutschland und die USA.

Die Zahlen des Nationalen Instituts für Statistik ISTAT zeigen, dass zwar insgesamt immer weniger Menschen aus Italien auswandern, die Zahl der Hochschulabsolventen, die das Land verlassen, aber in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist. 2008 lag der Anteil der Akademiker unter den Auswanderern bei knapp 17 Prozent. Tatsächlich sprechen italienische Medien alarmiert von einer "fuga dei cervelli", einer Flucht der schlauen Köpfe. Experten übertreffen sich mit Hochrechnungen, die den wirtschaftlichen Schaden für das Land beziffern. Doch was treibt die jungen Leute aus bella Italia ins Ausland?

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Man muss nur Ruth Stirati fragen. Die 38-jährige Molekular-Biologin ist vor 15 Jahren nach Berlin übergesiedelt und betreibt hier eine Agentur, die Italienern bei der Suche nach einer Wohnung hilft. Die Nachfrage ist groß: Wenn sie mehr Zeit hätte, könnte sie jeden Tag eine Wohnung verkaufen, sagt Ruth. Viele ihrer Kunden wollen in den günstigen Berliner Wohnungsmarkt investieren. Doch viele kommen auch, um zu bleiben. "Alle erzählen mir ihre Geschichte. Die Motivation, hierher zu kommen, ist immer wieder sehr ähnlich." Da sind die Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Mehr als 28 Prozent der Italiener unter 30 Jahren sind arbeitslos. Und wer einen Job hat, wird häufig mit einem hoffnungslos unterbezahlten Zeitvertrag abgespeist. In Berlin sei es natürlich auch nicht leicht, einen vernünftigen Job zu finden, gibt Ruth zu Bedenken. "Vor allem, wenn man nur wenig Deutsch spricht." Doch dank der niedrigen Mieten sei es leichter als in Italien, sich über Wasser zu halten.

Und neben solchen ganz praktischen Gründen erzählen Ruths Kunden auch häufig von ihrem Widerwillen gegen eine Gesellschaft, die sich unter dem Einfluss von Berlusconis Trash-Fernsehen und seinem skrupellosen Verhalten als Regierungschef immer stärker verändert. Ruth spricht von einer moralischen Krise. Nicht derjenige habe Erfolg, der seine Arbeit besonders gut macht, sondern der, der besonders gerissen sei. "Meine Kunden sind angewidert von Italien, sie haben die Hoffnung verloren, dass sich irgendetwas ändern lässt. Sie wollen ihre Kinder nicht in einem solchen gesellschaftlichen Klima aufwachsen lassen", sagt Ruth.

Was ist Mut?

Die zierliche Frau mit den wilden Locken wird bei diesem Thema traurig und laut zugleich: "Was soll ich meiner Tochter sagen? Dass sie fleißig sein soll? Oder soll ich ihr lieber raten, im Fernsehen halb nackt mit den Hüften zu wackeln? In Italien kriegt man auf diese Weise ja sogar einen Ministerposten."

Auch Federico de Luca ist Neuberliner. Der 37-jährige Grafiker ist vor anderthalb Jahren nach Berlin gekommen. "Ich wollte mich selbstständig machen. Doch in Italien geht nichts ohne Kontakte und Empfehlungen der richtigen Leute." Federico hat viele Jahre in der Werbung für große Modelabels gearbeitet. Immer wieder bekam er den verbreiteten Klientelismus zu spüren: "Einen Auftraggeber haben wir verloren, weil die Tochter des Marketing Directors sich entschieden hatte, Fotografin zu werden. Also bekam ihre Agentur von nun an die Jobs."

Federico entschied sich für einen Neuanfang in Berlin. Er wollte nicht mehr akzeptieren, was man in Italien jeden Tag hinnehmen muss. "In Rom hatten wir einen Agenten, der uns die Aufträge besorgte. Die Kommission für jeden Auftrag liegt offiziell bei 15 Prozent, aber unter der Hand zahlt man noch einmal 20 Prozent drauf. Wenn dir finanziell konstant das Wasser bis zum Hals steht, akzeptierst du das einfach. Du bist sogar froh, dass du jemand gefunden hast, der nur 20 Prozent extra kassiert."

Federico ist etwas enttäuscht, dass es in Berlin nicht so viele Werbeagenturen gibt, dass nicht so viel Geld fließt, wie er es erwartet hatte. Dafür genieße er die kreative Atmosphäre der Stadt. Alle zwei Monate fliegt er für ein paar Tage nach Rom, um seine Familie und seine Freunde zu sehen. Billigflieger machen es möglich. "Schon zwei Wochen vorher beginne ich darüber nachzudenken, was ich in Rom essen werde. Das Essen schmeckt einfach anders." Federico lacht. Doch zurück will er nicht. "Zu Hause haben alle gesagt, wie mutig, einfach so nach Berlin zu gehen. Ich würde eher sagen, in Italien Kinder zu kriegen und eine unterbezahlte Arbeit mit einem unberechenbaren Chef und unmöglichen Kunden zu machen – das ist mutig."

Wibke Bergemann ist Journalistin in Berlin. Sie hat lange davon geträumt, nach Italien auszuwandern. Bislang hat ihr neapolitanischer Mann sie erfolgreich davor bewahrt.

Fotos: ©Complize / photocase.com, ©Belineo / photocase.com



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