Die Göttin kommt aus Frankreich, hat vier Räder und liebt geschwungene Landstraßen. Bis heute weckt sie allerhand Begehrlichkeiten. Trifft der Blick eines Autoliebhabers unversehens auf das eigensinnig formschöne Wesen, dann hoffentlich mit einer gewissen Diskretion: Man starrt Göttinnen nicht wie blöde an. Erst recht nicht, wenn sie an einem vorüberschweben. Respektvolles Hinschauen indes beleidigt unsere Göttin nicht – sie will ja gesehen und angesehen werden. Schließlich existiert Schönheit nicht für sich; sie wird erst wahr im Blick des Anderen.
Der Name der Göttin ist Citroen DS 19. Die legendäre DS-Reihe gab es von 1955 bis 1975. Vielen Franzosen galt – und gilt – diese Limousine als das schönste Auto der Welt. Die Entdeckung des Gleichklangs von "DS" und "Déesse" (Göttin) war nur eine Frage der Zeit. Dem französischen Kulturtheoretiker Roland Barthes (1915-1980) verdanken wir einige bemerkenswerte Gedanken über die DS; sie stehen in seiner berühmten Essaysammlung "Mythen des Alltags" aus dem Jahr 1957. Der Suhrkamp-Verlag hat das Buch von Horst Brühmann neu und endlich auch vollständig ins Deutsche übertragen lassen – bislang gab es nur eine stark verkürzte Version im Deutschen, in Form eines einfachen, in schlichtem blau gehaltenen Taschenbuchs.
Auf dem edel anmutenden, elfenbeinfarbenen Schutzumschlag dieser neuen, nun auch sorgfältig gebundenen Ausgabe "schweben" gleich mehrere Citroen DS 19. Doppelt mythisch aufgeladen durch die schicken Fotos der "Göttin" und die ungleich aufwändigere Form des Buches, die von der ewigen Wahrheit gediegenen Buchhandwerks kündet, verweist das Äußere der "Mythen des Alltags" so zugleich auf sein Inneres – allerdings auf eine Weise, die der Sprache der Alltagsmythen eher auf den Leim geht, als sie zu hinterfragen.
Roland Barthes, der neben Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze zweifellos zu den originellsten postmodernen Denkern Frankreich gehörte und bis zu seinem Tod den Lehrstuhl für "literarische Semiologie (Zeichensysteme)" am Collège de France innehatte, veröffentlichte seine erstaunlich einleuchtenden Texte – über die Tour de France als nationales Epos; das blutige Beefsteak; die minutiös-distanzierte Beschwörung des weiblichen Körpers im Striptease; über das existentiell schöne Gesicht von Greta Garbo oder über Einsteins Gehirn als Materialisation menschlichen Genies – zwischen 1954 und 1956 in der Zeitschrift Les Lettres Nouvelles.
Von ihrer sprachlichen Eleganz und ihrem analytischen Schwung haben diese Essays seitdem nichts verloren. Barthes lehrt uns heute nicht weniger als damals, komplexe Zeichen des Alltags genau zu lesen und kritisch zu deuten. Mehr noch: Als Strukturalist begriff Barthes Alltagsmythen als Teile eines Mitteilungssystems, dessen Tücke darin besteht, seine interessengeleitete Willkürlichkeit geschickt zu verschleiern. "Der Mythos", schreibt er, "ist eine Sprache." Eine Sprache, die die Geschichte der Dinge leugnet und ihnen stattdessen eine falsche Natürlichkeit einschreibt. Barthes spricht unmissverständlich von einem "ideologischen Missbrauch".
Diese ideologiekritische Schärfe, die vor allem Roland Barthes' Vorwort auszeichnet und mehr noch die gut 60 Seiten umfassende semiologische Untersuchung des Begriffs des "Mythos" weiter hinten im Buch, findet man nicht bei allen 53 Kurztexten. So liest Barthes den Citroen DS 19 als superlativistisches Objekt, als "Bote des Übernatürlichen". Durch die wie fugenlos miteinander verbundenen Bauteile, eine Besonderheit der DS-Reihe, sieht er die "Vorstellung einer unbeschwerten Natur" geweckt. Nichtsdestotrotz ist das Auto für ihn der Prototyp des Übergangs von einer "Alchemie der Geschwindigkeit zu einem opulenten Fahrvergnügen".
Citroen DS
Gut gegen Böse
Über die Welt des Catchens schreibt Barthes: "Dem Publikum ist es völlig egal, ob beim Kampf getrickst wird oder nicht, und es hat recht; es überlässt sich der primären Macht des Spektakels. Die darin besteht, jedes Motiv und jede Konsequenz zu beseitigen. Wichtig ist ihm nicht, was es glaubt, sondern was es sieht." Das ist ebenso schön wie klug gedacht. Was sieht das Publikum noch? Nicht weniger als gegeneinander antretende Götter, die im Dienste des Guten und des Bösen miteinander kämpfen und so "die Figur einer endlich erkennbaren Gerechtigkeit" enthüllen.
Barthes' Essays sind auch deshalb mit Gewinn zu lesen, weil sie selbst den größten Trash nicht denunzieren. Der Autor nimmt seine Untersuchungsobjekte sehr ernst. Er entfaltet ihre Aura, dechiffriert behutsam die Zeichen, legt voller Sorgfalt die Aspekte des Erhabenen frei. Barthes' politische Ambitionen sind hier kaum zu trennen von seiner riesigen Lust am Entdecken. Was den theoretischen Teil des Buches nicht uninteressanter macht.
Roland Barthes schrieb diesen, "Der Mythos heute" genannten, methodisch-methodologischen Text, nachdem er eine Reihe aktueller Ereignisse mythologisch untersucht hatte. Keine Frage: Wer zuerst Strukturmerkmale und Eigenheiten sammelt, sichtet und deutet, vermeidet reine Kopfgeburten. Seine Mythentheorie betrachtete er als Projekt auf dem Weg zu einer allgemeinen Zeichenlehre: Barthes' Semiotik will sich nicht länger bescheiden, die Beziehungen zwischen rein sprachlichen Zeichen zu untersuchen, wie es in linguistischen Modellen üblich ist.
Er schreibt: "Der schriftliche Diskurs, aber auch die Photographie, der Film, die Reportage, der Sport, Schauspiele und Reklame, all das kann als Träger der mythischen Rede dienen. Der Mythos ist weder durch sein Objekt noch durch seine Materie zu definieren, denn man kann jede beliebige Materie willkürlich mit Bedeutung ausstatten." Der Mythos ist, von der sprachlichen Struktur aus gedacht, ein sekundäres Zeichensystem, das wiederum auf Zeichenbasis neue Bedeutungen erzeugt. Die semiotische Kritik daran ist auch deshalb geboten, weil Mythen, wie erwähnt, ihre Konstruktion verschleiern.
Mythen, da war sich Roland Barthes sehr sicher, produzieren ausschließlich "Essenzen". Sie entleeren die Geschichte, beseitigen das Reale, entziehen den Dingen ihren menschlichen Sinn, und sie "entpolitisieren die Rede". Der Mythos gibt den Dingen eine mehr als fragwürdige Unschuld zurück, er "gründet sie in Natur und ewiger Dauer". Für Barthes war damals klar, dass der Mythos jedes dialektische Denken unterbindet, dass er eine Welt ganz ohne Widersprüche organisiert.
In dieser Welt der Mythen, die Barthes unbedingt für rechts-reaktionär, wenn nicht sogar für faschistisch hielt, wollte er, dessen Denken so frühzeitig erfasst hatte, was in den Argumentationsfiguren des französischen Poststrukturalismus der 1960er-Jahre schließlich selbstverständlich wurde, lieber nicht leben. Allein, es blieb ihm nichts anderes übrig.
Roland Barthes: Mythen des Alltags (Suhrkamp Verlag 2010, 324 S., 28 €)
Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins pony. Er lebt in Berlin.
Foto: bettlebrox/ CC BY-NC-SA 2.0
Roland Barthes bei Wikipedia
Verlags-Infos zu "Mythen des Alltags", mit Leseprobe
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