Diana
Seit einigen Jahren schon möchte ich Psychologin werden. Die Vorstellung, jemandem helfen zu können, der eine schwere Phase durchlebt, fasziniert mich. In der neunten Klasse steht am Gymnasium bei uns ein zweiwöchiges Praktikum an, da wollte ich gerne Erfahrungen in diesem Bereich sammeln. Allerdings ist es – wegen der Schweigepflicht – schwierig, ein Praktikum in einer psychologischen Praxis zu bekommen. Aber warum nicht Sozialpädagogik? In diesem Berufsfeld geht es auch darum, Leute zu beraten und zu unterstützen, die in Schwierigkeiten sind. Da passt es gut, dass meine Mutter eine Freundin hat, die Sozialarbeiterin ist. So kam ich zur Straffälligenberatung der Gefangenenfürsorge "sbh" in Berlin.
Der Weg dorthin war gar nicht so leicht. Zu Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Praktikum für mich hilfreich sein könnte – auch wenn die Lehrer so von den Praktika schwärmten. Realistisch klang das nicht. Die Freunde, die es bereits hinter sich hatten, waren nicht sonderlich von ihren Praktika begeistert. Und ein Praktikum bei einem Psychologen war ja nicht drin. Also hatte ich erstmal keine große Lust, und keine großen Erwartungen an mein Praktikum.
Als ich dann das erste Mal das sbh-Büro in der Berliner Straße betrete, empfängt mich eine eigenartige Atmosphäre. Ein alter Mann mit einem langen weißen Bart und eine junge rothaarige Frau sitzen am Empfang. Um mich herum wird berlinert. Ich gehe zur Theke und stelle mich als die neue Praktikantin vor. Der Enthusiasmus der beiden Mitarbeiter hält sich in Grenzen. Also setzte ich mich einfach zu ihnen. Und so beginnt mein Praktikum: mit Kaffeekochen, Briefeeintüten und Einkaufengehen.
Doch schon bald merke ich, dass ich mich mit meinen neuen Kollegen ausgezeichnet verstehe. Sie haben denselben trockenen Humor wie ich. Und an den nächsten Tagen werde ich mit einem freundlichen "Hallo, mein Sonnenschein" von dem anfangs noch griesgrämigen Herrn mit Rauschebart begrüßt. So lebe ich mich schnell in den Alltag der Sozialarbeiter ein. Von Tag zu Tag darf ich mehr erfahren und sehen.
Am dritten Tag bin ich das erste Mal bei einer sogenannten "offenen Sprechstunde" dabei. Ich bin etwas nervös, weil ich mir die Klienten nicht positiv vorstelle. Die meisten der Männer, die ich hier bisher als Klienten gesehen habe, kamen mir eher ungepflegt und auch angetrunken vor. Aber das Gespräch interessiert mich trotzdem sehr. Ich setze mich in das Zimmer der Sozialarbeiterin Frau König, zusammen empfangen wir den ersten Klienten des Tages. Er riecht stark nach Alkohol, ist sehr groß, mit langen, zu einem Zopf zusammengebundenen Haaren. Weil er nicht nüchtern ist, fühle ich mich ziemlich unwohl. Ich bin froh, nicht allein mit ihm zu sein.
Frau König bleibt locker und freundlich, macht ihm aber klar, dass Trunkenheit in der sbh nicht gerne gesehen wird. Der Klient hat eine hohe Geldstrafe zu bezahlen, weil er betrunken am Steuer erwischt wurde. Das Interessanteste für mich ist seine Geschichte. Er erzählt uns, dass er sich nur noch alkoholisiert glücklich fühlt, seit er sein Kind, das eine Behinderung hat, nicht mehr sehen darf. Frau König empfiehlt ihm einen Besuch bei einem Rechtsanwalt.
Dominique von der sbh mit einem Klienten
Unser nächstes Gespräch verläuft ruhiger. Der zweite Besucher hat eine Geldstrafe bekommen, weil bei einer Autokontrolle Spuren von THC, also Marihuana, in seinem Blut gefunden wurde. Er zeigt sich einsichtig, seine Geldstrafe will er in Raten abbezahlen. Nach weiteren Gesprächen geht es zurück zu den normalen Büroarbeiten. Mit der Zeit darf ich auch den Telefondienst übernehmen und mit den Klienten telefonieren. Ich fühle mich in der sbh immer wohler, und die Mitarbeiter haben sich auch an mich gewöhnt.
Einer der aufregendsten Tage beginnt mit einem neuen Team am Empfang: Manuel, ein 30jähriger, großer Mann mit Brille, und Luisa, eine junge Frau mit bunten Haaren und Piercings. Diese beiden sind mir von Anfang an besonders sympathisch. Heute darf ich die offene Vollzugsanstalt der JVA Plötzensee besuchen. Der Unterschied zwischen der geschlossenen Anstalt und dem offenen Gefängnis ist, dass die Inhaftierten einige Stunden in Freiheit verbringen dürfen.
Der Weg zum Gefängnis stellt sich als ziemlich umständlich heraus. Ich bekomme einen Stadtplan und soll zu einem Großmarkt fahren. Dort befindet sich auch die "Berliner Tafel", eine Institution, die gespendete Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. Also fahre ich an das gefühlte Ende der Welt und habe auch noch das Glück, dass es zu Regnen anfängt. Mit meinem kleinen blauen Regenschirm bewaffnet mache ich mich auf die Reise durch die riesigen Lagerhallen des Großmarktes und finde endlich die Berliner Tafel. Dort angekommen frage ich mich durch. Frau Hartmann, meine zuständige Betreuerin, sitzt in ihrem Büro. Sie nickt mir nur abwesend zu, und erst nach einer halben Stunde Warten machen wir uns auf den Weg. Heute ist meine Geduld gefragt.
Als wir vor der JVA ankommen, teilt mir meine Begleiterin mit, dass sie erst in den geschlossenen Vollzug muss – den ich nicht betreten kann. Ich muss also weiter warten. So sitze ich zwei Stunden in dem kalten Auto, bis ich endlich hinter die Gefängnismauern darf. Von der JVA bekomme ich nicht viel zu sehen, immerhin aber bin ich bei einigen Gesprächen dabei. Die Unterhaltungen finde ich interessant. Die Inhaftierten sitzen größtenteils wegen Geldstrafen hinter Gittern und wollen diese jetzt abarbeiten. Sie sind freundlich, und abgesehen von den fleckigen Jogginghosen, den weiten weißen T-Shirts und den Drei-Tage-Bärten wirken sie auf mich nicht wie Straftäter, sondern wie Leute, denen man tagtäglich begegnen könnte.
Meine Hoffnung, mal eine Zelle von innen zu sehen, wird leider nicht erfüllt. Ich habe schon viel über Gefängniszellen gelesen oder welche in Filmen gesehen, aber noch nie stand ich vor einer. Schließlich fährt Frau Hartmann mich mit dem Auto bis vor meine Haustür. Das ist das Beste an dem Besuch in der JVA.
In den nächsten Tagen bekomme ich einen Fall mit, der mich sehr bewegt. Einer der Klienten hat Borderline, er darf seine Kinder deshalb nicht mehr sehen. Zwei Jahre verbrachte er auf der Straße, wo er viel Gewalt erlebte und einen Selbstmordversuch beging. Die Gespräche der Sozialarbeiterin mit dem Klienten gehen mir sehr nah. Bisher kenne ich so etwas nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen. Aber wenn die Person, der etwas derart Furchtbares passiert ist, vor einem steht, ist es real und lässt sich nicht abschalten.
Zuhause versuche ich, diese Geschichte hinter mir zu lassen. Ich fange an, darüber nachzudenken, wie die Sozialarbeiter mit diesen Schicksalen umgehen. Am nächsten Tag frage ich Dominique, die Freundin meiner Mutter, wie sie damit fertig wird. Ihr hilft es, sagt sie, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder lange Spaziergänge zu machen. Auch Yoga hilft ihr dabei, abzuschalten, sagt sie.
Ich hatte mir das Praktikum nicht halb so gut vorgestellt wie es dann letztendlich war. Natürlich habe ich mich am Anfang unwohl gefühlt, wie es ja meistens in einer fremden Situation ist. Aber die Leute haben sich super um mich gekümmert. Und auch, wenn es ein paar anstrengende Tage gab, war es eine tolle Erfahrung. Außerdem konnte ich ausschlafen und musste jeden Tag nur sechs Stunden arbeiten – was im Gegensatz zur Schule sehr wenig ist. Mein Berufswunsch Psychologin bleibt aber, auch wenn ich den Einblick in die Sozialarbeit und den Umgang dort mit Krisen spannend fand. Aber bis ich mich für eine Berufsausbildung entscheiden muss, habe ich ja noch jede Menge Zeit.
Diana Bruysten, 15 Jahre, besucht die Albert-Einstein-Oberschule in Berlin (deutsch-italienischer Zug). Ihr Schulpraktikum absolvierte sie im April 2011.
Fotos: Privat
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