Das predigt der Sänger Gabi Delgado von der Gruppe Deutsch-Amerikanische Freundschaft (DAF) im Song "Verschwende Deine Jugend". Als das Stück im November 1981 auf der Platte "Gold und Liebe" veröffentlicht wurde, hatte DAF den Höhepunkt ihrer Karriere schon wieder hinter sich. Doch neben ihren Düsseldorfer Kollegen Fehlfarben und den Einstürzenden Neubauten aus Berlin gehören DAF mit ihrem neuartigen, kompromisslosen, hämmernden Maschinensound zu den einflussreichsten und provokantesten deutschen Bands der frühen 80er-Jahre.
Wie diese Zeit des Umbruchs nach den Sex Pistols und den Ramones in deutschen Probekellern und Clubs aussah, kann man am besten in dem Buch "Verschwende Deine Jugend" nachlesen. Der Musikjournalist Jürgen Teipel hat dafür über den Zeitraum von drei Jahren Interviews mit über 100 Protagonisten der westdeutschen Punk- und New-Wave-Szene geführt und die Antworten auf 375 Seiten zu einem Doku-Roman collagiert. Topografisch kreisen die Texte um die drei Zentren der Bewegung: Düsseldorf, Hamburg und West-Berlin.
Brutal und Hässlich
Glaubt man den Statements der Interviewten, kam Punk als Idee auf vielen Wegen nach Deutschland. Mal verirren sich London-Besucher Ende der 70er-Jahre in einen Pub, in dem gerade eine Punkband spielt, oder Missverständnisse im Plattenladen enden mit dem Kauf der ersten Clash-Single. Manch eine/r erfuhr von Punk aus dem "Spiegel", der im Januar 1978 titelte: "Punk - Kultur aus den Slums - brutal und hässlich." Punk war der Weg, der aus der Hippie-Teestubenkultur herausführte. Sein Do-it-yourself-Programm wurde von vielen Jugendlichen als Befreiung empfunden. Auch wenn Punk in England und den USA schon ab 1978 stark an innovativer Kraft verloren hatte, also praktisch vorbei war, sind die Strategien, die er entwickelte, bis heute aktuell.
Das kann jeder
Ab sofort konnte man nämlich einfach eine Band gründen, ohne ein Instrument zu beherrschen, sein eigenes Fanzine, einen Club oder ein Label starten - niemand wurde mehr gefragt, man machte das einfach. Dass diese Aktivitäten unprofessionell abliefen, war plötzlich kein Nachteil mehr, sondern Teil des Plans. Wolfgang Müller, Mitglied der Avant-Punk-Gruppe "Tödliche Doris", schrieb 1982 darüber im Merve-Bändchen "Geniale Dilletanten": "Dilletantismus auf musikalischen (aber auch allen anderen möglichen) Bereichen hat nichts mit Stillstand durch Nicht-Professionalität zu tun - ganz im Gegenteil - Entwicklung unter Einbeziehung aller möglichen und angeblich unmöglichen Bereiche kann einen universellen Ausdruck finden, dem die Profis hilflos unterlegen sind." (S. 11).
Ende der 70-Jahre etablierte Carmen Knoebel den "Ratinger Hof" in Düsseldorf als den Punk-Laden der BRD. DAF gaben dort 1979 ihr erstes Konzert, Bands wie Mittagspause, Fehlfarben oder ZK, die späteren Toten Hosen, haben ihren Ursprung in der Düsseldorfer Szene. In Hamburg arbeitete der "ewige Punk-Papst" Alfred Hilsberg mit seinem Label Zickzack unter der Devise "Lieber zu viel als zu wenig" am Aufbau eines Independent-Imperiums. Dort erschien auch "Kollaps", die erste LP der Einstürzenden Neubauten, die sich selbst gerne als "Geniale Dilletanten" bezeichneten. FM Einheit, der Neubauten-Schlagzeuger, erinnert sich: "Da wollten wir einfach eine unhörbare Platte machen." Punk lebte durch seine negative Energie, deswegen war es auch schnell wieder zu Ende: Absolute Verneinung ist kein langfristig tragendes Konzept.
"Verschwende Deine Jugend" ist eine großartige Sammlung von Geschichten und Anekdoten über die erste Punk- und New-Wave-Generation der BRD: Wie FM Einheit zu seinem Namen kam; warum die Neonbabies der Humpe-Sisters nicht so cool wie Malaria! waren; dass Andreas Doraus "Fred vom Jupiter" ursprünglich in einer Projektgruppe im Musikunterricht entstand. Darüber hinaus ist das Buch natürlich auch das lesenswerte Protokoll der Entstehung und des Untergangs einer Jugendbewegung, deren Siege und Niederlagen bis in die Gegenwart wirken.
Jürgen Teipel (Hg.): Verschwende Deine Jugend - Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave (Suhrkamp, 12.50 €)
Kito Nedo, 26, ist Sorbe und behauptet, dass er gerade an einem Film über Pierre Bourdieu arbeitet.
Zum Weiterlesen
Martin Büsser: If the Kids are united. Von Punk bis Hardcore und zurück (Ventil Verlag 2000, 10.63 €)
Klaus N. Frick: Vielen Dank, Peter Punk (Tilsner Verlag 1998, 10 €)
Gilbert Furian, Nikolaus Becker: Auch im Osten trägt man Westen. Punks in der DDR - und was aus ihnen geworden ist (Tilsner Verlag 2001, 15 €)
Dick Hebdige: Subculture - The Meaning of Style (Routledge 1979, 17.42 €)
Wolfgang Müller (Hg.): Geniale Dilletanten (Merve Verlag 1982, 7.50 €)
Moritz R.: Der Plan - Glanz und Elend der neuen deutschen Welle - Die Geschichte einer Band (Martin Schmitz Verlag 1993, 14.32 €)
Jon Savage: England's Dreaming. Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock (Edition Tiamat 2001, 29 €)
Vergriffen (eventuell antiquarisch bei zvab )
Judith Ammann: Who's been sleeping in my brain? Interviews Post Punk (Edition Suhrkamp 1987)
Klaus Maeck (Hg.): Einstürzende Neubauten - Hör mit Schmerzen / Listen with pain - 1980-1996 (Gestalten Verlag 1996)
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