Martin macht gerade seinen Zivildienst. In seiner Freizeit möchte er unbedingt Spanisch lernen. Aber um eine Sprachenschule zu besuchen, fehlen Martin Zeit und Geld. Die Volkshochschule bietet zwar einen Kurs an, aber nur am Dienstag Abend - und da ist das Fußballtraining angesagt. "Dann wird es wohl nichts aus meinen Plänen", erzählt Martin einem Freund. Doch der hat eine Idee. "Ruf doch mal beim Talente-Zirkel an. Das ist ein Tauschring. Vielleicht gibt es da jemanden, der dir Spanisch beibringt."
Schon drei Tage später kommt Gaspar zu Martin, um ihn zwei Stunden lang zu unterrichten. Bevor er wieder geht, lässt sich der Spanier, der in Deutschland studiert, von Martin eine Gutschrift von 60 Talenten quittieren, so heißt die "Währung" im Tauschring. Gaspar gibt die Quittung im Büro des Talente-Zirkels ab. Dort werden 60 Talente auf der Aktivseite seines Kontos verbucht. Zivi Martin, der vor zwei Tagen Mitglied im Tauschring geworden ist, bekommt den gleichen Betrag auf der Passivseite eingetragen. Um sein Konto wieder auszugleichen, leistet er Fahrdienste für ältere Leute und transportiert ab und zu Möbel. Keine schlechte Sache: Martin lernt Spanisch, noch dazu von einem Spanier, kann die Unterrichtszeiten frei vereinbaren und braucht keinen Euro zu bezahlen.
Zaster, Heller, Peanuts, Kröten
Immer mehr Menschen nutzen die Vorteile des Tauschandels. 1995 gab es gerade einmal zehn Tauschringe in Deutschland, heute sind es einige hundert. Die Tauschkreise haben so klangvolle Namen wie "Waldviertler Wechselseitige Wunscherfüllung", "Dorfdollar-System", "Gib und Nimm" oder "Hans im Glück". Sie alle arbeiten nach dem selben Grundsatz: Wer Waren und Dienstleistungen entgegennimmt, bezahlt nicht mit Geld, sondern mit eigenen Leistungen. Angeboten und nachgefragt werden hauptsächlich einfache persönliche Dienste und gebrauchte oder selbstgemachte Gegenstände. Wer was bietet oder sucht, erfahren die Mitglieder aus einer Marktzeitung, die meist einmal pro Monat erscheint und alphabetisch in Rubriken gegliedert ist, um die Orientierung zu erleichtern. Mitglied werden kann jeder gegen einen Jahresbeitrag, der zwischen 10 und 30 Euro liegt. Er muss allerdings in "normaler" Währung beglichen werden. Mit diesem Geld bestreiten die Tauschringe ihre Ausgaben vor allem für Porto und Telefon. Viele Tauschkreise erheben von Gruppen wie Schülern, Studenten oder Arbeitslosen ermäßigte Gebühren. Eine zentrale Verwaltungsstelle richtet für jedes Mitglied ein Konto ein, auf dem erfasst wird, welche Leistungen erbracht und welche in Anspruch genommen wurden. Gerechnet wird in einer Art Kunstwährung, die Zaster, Heller, Peanuts, Kröten, Klümpchen, Kohle, Kiwi, Runkel oder schlicht Punkte heißen kann. Ein Teil der Tauschringe überlässt es ihren Mitgliedern, die Preise frei auszuhandeln. Immer beliebter wird aber bei Dienstleistungen der Tausch Zeit gegen Zeit, das heißt, eine Stunde Arbeit hat immer den gleichen Wert, egal, um welche Tätigkeit es sich handelt.
Zinsen gibt es keine
Der Tauschring-Boom der letzten Jahre ist nicht zufällig, sondern hat handfeste wirtschaftliche und soziale Ursachen: Die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfe-Empfänger steigt, immer mehr Leute verfügen über Zeitreserven, die soziale Entwicklung ist geprägt von einer zunehmenden Vereinzelung - Stichwort Singles - und damit oft auch Vereinsamung der Menschen. Und überdies werden kleine Dienstleistungen von gewerblichen Betrieben gar nicht angeboten oder nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten. Da offensichtlich die Politiker nicht in der Lage sind, diese wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen, greifen immer mehr Menschen zur Selbsthilfe und gründen Tauschringe. Die können zwar das herkömmliche Wirtschaftssystem nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen, weil sie einige Nachteile des Geldkreislaufs und der modernen Arbeitswelt vermeiden: Tauschringe vermindern die Abhängigkeit vom Geld. Wer zu wenig davon hat, kann seine Bedürfnisse trotzdem befriedigen. Da sie lokal begrenzt arbeiten, entfallen lange Transport- und Anfahrtswege, was Kosten sowie Energie spart und die Umwelt schont. Tauschbörsen fördern die Kreativität der Mitglieder und ermöglichen neue soziale Kontakte. Außerdem stellen sie sicher, dass nicht wie in der herkömmlichen Volkswirtschaft die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, denn Zinsen auf die Alternativ-Währung gibt es nicht.
Robert Islinger ist freier Autor und hat unter anderem das Buch "Einkaufen ohne Geld" geschrieben, das im Econ-Verlag erschienen ist.
www.tauschringe-berlin.de
Eine Adressenliste deutscher Tauschringe
www.talent.ch
Tauschringe in Österreich und der Schweiz
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