Emma Reloaded?

Im Netz ist eine spannende feministische Bloggerszene entstanden

6.11.2007 | Haidy Damm | Kommentar schreiben
Auf den Mädchenblogs wird über Sexismus und Patriarchat, Politik und Sexualität, Psychologie, Pop- und Subkultur, Schule und Ausbildung geschrieben. Was wollen die Bloggerinnen? Eine Spurensuche im Netz.
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"Egal, ob du dich als Mädchen fühlst oder nicht, herzlich willkommen beim Mädchenblog!" (http://maedchenblog.blogsport.de) Hier schreiben über zwanzig Autoren/innen über Themen wie Körper, Beziehungen, Sexualität und Freundschaft sowie Psychologie, Pop- und Subkultur, Politik, Schule und Ausbildung. Das Gemeinschaftsprojekt sieht sich als Antwort auf das, was "normale" Jugend- oder Mädchenzeitschriften immer predigen. Über 50.000 Besucher/innen hatte das Weblog im vergangenen Jahr. Die Autoren/innen haben überwiegend übers Internet zusammengefunden. Eine von ihnen ist Dodo. "Feminismus heißt, zu merken, dass in der Gesellschaft die Geschlechter verschieden behandelt werden, das zu analysieren und was dagegen zu tun", erklärt die Bloggerin, die schreibt, wann immer sie etwas Interessantes entdeckt. Voll-Nuß dagegen hat sich erst vor kurzem beim Mädchenblog angemeldet. Sie fand es über einen Aufkleber in der Uni-Toilette. "Für mich ist das eine Chance, mich mit Gleichgesinnten, egal welchen Geschlechts, über Feminismus und Genderfragen auszutauschen", beschreibt die 21-Jährige ihre Motivation.

Während die einen Zeit mit dem Schreiben verbringen, hat die Administratorin, die das Mädchenblog verwaltet, mehr regelmäßige Arbeit, sitzt durchschnittlich ein bis zwei Stunden täglich vor dem Rechner. "Heute sind es schon mehr als drei Stunden, aber es gibt auch Tage, da gucke ich nur kurz, ob es was Neues gibt." Mal ist das Neue ein Text über David Beckham, der zum "männlichsten Mann der Welt gekürt wurde", mal der "Kotzbrocken des Monats". Oder der Beitrag von Dodo über den ersten Kongress Schwarzer Europäerinnen in Wien. Darin schreibt sie: "Während es in Amerika in feministischen Bereichen längst gang und gäbe ist, sich auch mit dem Zusammenhang Rassismus - Frauenhass auseinander zu setzen, geht das in Europa (auch hier in Deutschland) zuweilen ziemlich unter."

Blinde Flecken in Medien

Feminismus und Genderpolitk sind dagegen bei jüngeren Feministen/innen und Genderaktivisten/innen hier wie dort untrennbar miteinander verbunden. "Der Genderblick ist tief in meinem Alltag verwurzelt," schreibt beispielsweise Daniele Frijia (http://sase.de/index.php). Der 26-jährige Student ist hochschulpolitisch und gewerkschaftlich aktiv. "Die 'Genderbrille' begleitet mich in allen Bereichen meines Engagements. Egal ob beim Einkauf im Möbelhaus, den Aktivitäten in der Gewerkschaft oder in der Universität."

Über die Gender Studies wurde auch Rochus Wolff inspiriert. Der Journalist hat vor rund zwei Jahren den Genderblog (http://genderblog.de) initiiert. Warum? "Ich bin Feminist und als solcher will ich feministische Meinungen in die Öffentlichkeit bringen." Das Internet ist eh sein Arbeitsplatz, da liegt es Nahe, sich dort zu Wort zu melden. Im Genderblog sollen verschiedene feministische Positionen zu Wort kommen, von der gendertheoretisch geprägten literaturwissenschaftlichen Analyse von Schillers Räubern bis zur "Kopftuchdebatte", von eigenen Diskussionsbeiträgen bis hin zum schlichten Verweis auf einen guten Text anderswo im Netz oder außerhalb. "In den restlichen Medien kommt eine Debatte über feministische Positionen ja nicht vor – außer in der Emma und manchmal in der taz", so der Genderblogger. "Es gibt zwar Diskussionen über Familienpolitik, aber nicht über Geschlechterrollen."

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Eine Frage, die ihn auch privat beschäftigt, ist die Bedeutung der Auflösung von Geschlechterrollen für Männer. "Bei den meisten Partnerschaften ist es doch so, wenn ein Kind dazukommt, stellt sich die Frage, wie ernst es feministische Männer mit ihren Positionen nehmen", erzählt Rochus beim Milchkaffee in einem kleinen Berliner Café. Rollenvorbilder bei den Vätern seiner Generation gibt es kaum. "Auch wenn sich viele darüber lustig machen, ich finde es verständlich, dass so viele junge Väter, die sich um Kindererziehung kümmern, darüber Bücher schreiben. So setzen sie sich mit ihrer Rolle auseinander."

Happy Feminists Und Guerillagirls

Anja William ist eine der Autoren/innen des Genderblogs. Die Studentin hat aber auch ein eigenes Weblog (http://anja-lesenstattputzen.blogspot.com), eine Mischung aus persönlichen Erlebnissen und politischen Analysen. Zudem ist sie in verschiedenen feministischen Foren wie Femfacts aktiv (http://www.femfacts.de/forum). Ihr öffentliches Eintreten für feministische Positionen rief Reaktionen hervor, mit denen die Bloggerin nicht gerechnet hatte. "Am Anfang hatte ich noch keine Ahnung von Maskulisten, ehrlich gesagt kannte ich den Begriff bis dato gar nicht", beschreibt Anja. Maskulismus ist eine vor allem im Internet verbreitete Analogbildung zum Feminismus. Er versteht sich laut Wikipedia als soziale Bewegung zur Korrektur bestimmter politischer Entwicklungen, für die er den Feminismus verantwortlich macht, und zur Stärkung der Position von Männern in der Gesellschaft.

Plötzlich bekam sie E-Mails mit Beleidigungen und Drohungen. "Du Fotze! Dir sollte mal einer ins Maul pissen, du Luder!", schrieb ihr einer. "Das war noch eine der netteren E-Mails", erinnert sich Anja. "Anfangs war ich sehr geschockt über diese Drohmails, weil ich mir nicht vorstellen konnte, auf welchem nicht nur sprachlichen Niveau sich diese Maskulisten bewegen." Als auch noch ihre kleine Tochter bedroht wurde, änderte sie ihre E-Mail und setzte sich zur Wehr. Sie hat sich mit anderen Frauen vernetzt, einige von ihnen werden schon seit Jahren bedroht. Die Methoden gehen dabei weit über Drohungen und Beleidigungen per E-Mail hinaus. So werden rufschädigende Beiträge in verschiedenen Foren veröffentlicht oder Sexanzeigen unter dem Klarnamen der Frauen geschaltet. Durch Recherchen kam raus, dass hinter den Angriffen wahrscheinlich nur eine einzige Person steckt. "Allerdings durften wir lernen, dass dieser eine Mann die Rückendeckung von 99,9 Prozent aller Personen hat, die in Maskulisten-Foren aktiv sind", so Anja. Cyber-Stalking ist zwar ein Straftatbestand, sich damit zu solidarisieren jedoch nicht. "Aber bei aller Vorsicht gibt es noch etwas Entscheidendes", sagt sie zum Schluss: "Sich nicht einschüchtern zu lassen! Dieser Typ wollte, dass ich mich aus der feministischen Internet-Szene zurückziehe – tja, das hat er nicht geschafft."

Haidy Damm schreibt für Zeitungen. Sie lebt in Berlin.

Foto: mädchenblog


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