
Albanien
ist vielen Menschen in Deutschland völlig unbekannt. Es
kursieren Geschichten über Blutrache, Frauenhandel und ständigen
Stromausfall – über mittelalterliche Zustände. Welche
Rolle spielt der Feminismus in einem Land wie Albanien? Anola Bracaj
engagiert sich in ihrer Heimat für Frauenrechte und ein modernes
Geschlechterverständnis. Im Interview spricht die 22-Jährige
über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, über
Emanzipation und archaische Sitten und über ihre Erfahrungen in
Deutschland.
Wie wird man in
Albanien zur Feministin?
Ich
hatte das Glück, in einer für Albanien untypischen Familie
aufzuwachsen. Mein Vater war kein Patriarch, die Meinung meiner
Mutter war immer wichtig. Sie war es auch, die mich zum Studium
ermuntert hat. Mit feministischen Theorien bin ich erstmals an der
Universität in Berührung gekommen. Ein echtes Interesse
habe ich dann nach Auslandsaufenthalten in Deutschland und den
Niederlanden entwickelt.
Gibt es einen
spezifisch albanischen Feminismus?
Natürlich
gibt es kulturelle Umstände, die man nicht ignorieren kann. Sie
erfordern besondere Schwerpunkte bei der praktischen Arbeit für
Frauenrechte. Es gibt in Albanien noch so viele grundlegende
Probleme: Frauenhandel, Ehrenmorde, Zwangsverheiratung – all diese
Dinge. Insofern ist Feminismus in Albanien eine sehr konkrete
Angelegenheit, weniger theoretisch vielleicht als in Deutschland.
Letztlich aber, denke ich, verfolgen wir die gleichen Ziele. Wir
haben nur einen längeren Weg vor uns.
Wie würdest du die Situation von Frauen in Albanien beschreiben?
Was
Stellung und Rechte der Frauen betrifft, ist Albanien ein
widersprüchliches Land. Die Bandbreite an Rollenbildern ist
groß, weil hier sehr unterschiedliche Traditionen fortleben. Da
gibt es den Kanun, das jahrhundertealte Gewohnheitsrecht, das
zutiefst patriarchalisch ist. Andererseits gibt es die
emanzipatorische Tradition unserer sozialistischen Vergangenheit.
Tendenziell sind Frauen in den Dörfern weniger emanzipiert als
in den Städten und im gebirgigen Norden weniger als im Süden.
In der Hauptstadt Tirana existieren die verschiedenen Traditionen
gleichzeitig nebeneinander, weil zunehmend Familien aus den Dörfern
hierher ziehen.
Welche Spuren
haben 50 Jahre Kommunismus in Albanien hinterlassen?
In
dieser Zeit wurde es üblich, dass Frauen zur Schule gingen, dass
sie studierten und einen Beruf ausübten. Noch heute studieren in
Albanien mehr Frauen als Männer. Aber nach dem Zusammenbruch des
Regimes 1990 gab es eine Art Wertevakuum. Vielerorts gewannen alte
Normen wieder an Bedeutung, viele Frauen verloren ihre
Selbstständigkeit. Auch, weil es auf einmal an Arbeitsplätzen
fehlte.
In Albanien
bezeichnen sich rund 60 Prozent der Menschen als Muslime. Welche
Rolle spielt der Islam für den Feminismus in Albanien?
Generell
spielt Religion für das gesellschaftliche Leben in Albanien
keine große Rolle. Und der albanische Islam ist relativ
liberal. Zwar sieht man seit den 1990er-Jahren auf den Straßen
zunehmend muslimische Frauen mit Kopftüchern. Das wird jedoch
kaum als Problem angesehen, da viele dieser Frauen ein
selbstbestimmtes Leben führen, studieren oder arbeiten. Viel
problematischer ist das patriarchalische Denken in der Tradition des
Kanun. Dessen Einfluss aber erstreckt sich vorwiegend auf Regionen,
in denen die Mehrheit der Menschen offiziell katholisch ist.
Wie äußert
sich dieses patriarchalische Denken?
Vielfältig.
Wo der Kanun herrscht, sind Frauen weitgehend rechtlos. Sie werden
zwangsverheiratet, zu dienenden Hausfrauen degradiert und häufig
Opfer von häuslicher Gewalt. Die wohl bizarrste Erscheinung ist
ein Brauch, der in einigen sehr armen Dörfern Albaniens überlebt
hat: Bringt eine Frau mehrere Töchter, aber keinen Sohn zur
Welt, wird die jüngste Tochter als Sohn großgezogen. Man
kleidet sie wie einen Jungen, bringt ihr bei, sich wie ein Junge zu
benehmen, und gewährt ihr alle entsprechenden Rechte. Sie bleibt
ihr Leben lang ledig und widmet sich ganz der Familie.
Was tut der
albanische Staat für die Rechte der Frauen?
Die
Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist gesetzlich
verankert. Gerade im Hinblick auf einen künftigen EU-
Beitritt
bemüht sich Albanien auf gesetzlicher Ebene um eine moderne
Frauenpolitik. Außerdem engagieren sich mehrere NGOs für
die Rechte von Frauen. Es gibt Programme zum Gender Mainstreaming für
Angestellte in der öffentlichen Verwaltung, in den Schulen und
Hochschulen, dazu Informationsveranstaltungen für die
Bevölkerung. Aber die Wirkung solcher Maßnahmen ist
begrenzt.
Weshalb?
Zum
einen werden viele betroffene Frauen nicht erreicht, weil ihre Männer
ihnen die Teilnahme verbieten. Zum anderen dringt man nur schwer in
die Köpfe der Menschen vor. Ich sehe das an vielen meiner
Kommilitoninnen. Die studieren Sozialarbeit, diskutieren in Seminaren
über Feminismus, aber ihre Haltung ist: "Ich bin 22 Jahre
alt – höchste Zeit, dass ich heirate und Kinder bekomme."
Die Angst, gewisse Erwartungen der Eltern und anderer Verwandter
nicht zu erfüllen, ist noch immer weit verbreitet.
Wie lässt
sich das ändern?
Das
Entscheidende sind positive Vorbilder. Denn das größte
Problem ist die Beschränktheit im Denken. Die traditionellen
Rollenbilder werden bei uns übernommen, weil sich die Leute
nichts anderes vorstellen können. Deshalb ist der Kontakt mit
dem Ausland so wichtig. Vor allem für junge Menschen. Sie müssen
erleben, wie ein Leben jenseits der traditionellen Geschlechterrollen
aussehen kann. Dann haben sie eine Wahl. Das gilt für Frauen und
Männer gleichermaßen.
Was ist dir –
aus feministischer Perspektive – bei deinen Besuchen in Deutschland
besonders aufgefallen?
Ich
erinnere mich an den ersten Abend in meiner Gastfamilie. Als wir mit
dem Essen fertig waren, blieb meine Gastmutter am Tisch sitzen, um
sich mit mir zu unterhalten, während ihr Mann das Geschirr
abräumte und abwusch. So was ist in Albanien undenkbar. Erstaunt
hat mich auch, wie offen Frauen ihrem Partner in aller Öffentlichkeit
widersprechen.
Paradiesische
Zustände?
Nein,
das nicht. Ich habe mich in Berlin mit Studentinnen aus vielen
Ländern zu einem Gender-Workshop getroffen. Da haben wir
Erfahrungen ausgetauscht. Und ich habe gehört, welche
Benachteiligungen es auch in Deutschland oder in Skandinavien noch
gibt. Aber natürlich dachte ich manchmal: "Eure Probleme
möchte ich haben."
Was erschien dir besonders beneidenswert?
Das
waren nicht bestimmte Rechte von Frauen. Es war die
Selbstverständlichkeit, mit der Frauen ihre Rechte einfordern.
Und die Zuversicht, diese Forderungen auch durchsetzen zu können.
Diese Selbstverständlichkeit und diese Zuversicht wünschte
ich mir für Albanien.
Zur
Person:
Anola
Bracaj studiert an der Universität von Tirana Sozialarbeit und
Jura. Ihr besonderes Interesse gilt der Situation von Frauen und
Mädchen in Albanien. Im Rahmen ihres Studiums engagiert sie sich
unter anderem für das "Gender Alliance for Development Center",
eine albanische NGO, die sich für Frauenrechte einsetzt. Zur
Zeit absolviert die 22-Jährige ein Praktikum im albanischen
Jugendministerium.
Dominik Fehrmann arbeitet als freier Journalist in Berlin.
Foto: privat
www.auswärtiges-amt.de/albanienInformationen des Auswärtigen Amts zu Albanien
www.gadc-al.org
Das
Gender Alliance for Development Center, eine albanische NGO,
die sich für Frauenrechte einsetzt
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