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Nicht immer cool, nicht immer stark

Brauchen Jungen ein neues Rollenbild?

19.11.2007 | Anke Lübbert | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Jungenarbeit hat sich emanzipiert. Jungen sollen nicht mehr der Mädchen wegen ihre Vorstellungen und Rollenmuster erweitern, sondern damit es ihnen besser geht. Drei Beispiele:

Welches Tier ist deine Aggression?
Kaiser-Heinrich Gymnasium, Bayern

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Wie ein Fußballtrainer, der seine Mannschaft zusammenpfeift, steht Christian Brauner vor den 13-Jährigen, einen Arm erhoben, die Hand flach ausgestreckt. Er wartet, bis es im Raum ruhig geworden ist. "Ich habe hier ein paar Arbeitsblätter für euch", sagt er, "die könnt ihr euch jetzt angucken." Die Jungen reißen ihm die Blätter aus der Hand, jemand kickt einen Ball durch den Raum, dann wird es leise. Christian Brauner ist Sozialpädagoge beim BIGG, Bamberger Institut für Gender und Gesundheit, und arbeitet heute den vierten Tag mit der Jungengruppe, 16 Siebtklässlern eines Bamberger Gymnasiums. Die Jungen beugen sich über ihre Arbeitsblätter. "Welches Tier ist deine Aggression? Male es", lautet der Arbeitsauftrag. Tobias zeichnet einen Hai. Letztens hat er seine Schwester gebissen und findet, dass der Fisch mit den gebleckten Zähnen gut dazu passt.

Christian Brauner sagt, dass die Jungen den Umweg über die Tiere brauchen, um ihre Gefühle wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Dass Jungen ein großes Bedürfnis haben, über sich und das, was sie empfinden, zu reden. Anerkennung zu bekommen, nicht nur für Leistung und erfolgreichen Konkurrenzkampf, sondern auch für Kooperation, Offenheit, Emotionalität. Der 33-Jährige ist Sozialpädagoge und Vater zweier Kinder, für die er zwei Jahre Elternzeit genommen hat. Im Anschluss an das Seminar wird er sie von der Kita abholen. Dass er ein eher ungewöhnlicher Mann ist, anders als die berufstätigen und meist abwesenden Väter der Jungen, die vor ihm sitzen, ist für ihn die wichtigste Grundlage seiner Arbeit. "Man muss sich in die Karten schauen lassen", sagt er, "das ist mehr wert als jedes pädagogische Konzept."

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Christian Brauner will vermitteln, dass es neben Erwerbsarbeit anderes gibt, das wichtig sein könnte im Leben. Die Jungen vor ihm allerdings wollen Maschinenbauingenieur und Informatiker werden und haben sich über Rollenbilder und Geschlechterverhältnisse noch keine Gedanken gemacht. Dass keine Mädchen dabei sind, finden sie gut. "Wir haben fast nur geredet. Und wenn Mädchen dabei gewesen wären, hätten wir das nicht gemacht. Dann schwärmt ein Junge ein Mädchen an und man will sich nicht blamieren." Wenig später sitzen sich Jungen- und Mädchengruppe in der Klasse gegenüber, um zu erzählen, was sie gemacht haben. Eine zähe halbe Stunde herrscht frostiges Schweigen, dann brechen die Betreuer das Experiment ab. Die alte Frage danach, wie sehr Geschlecht sozial konstruiert oder angeboren ist, stellt sich für Christian Brauner trotz der klaren Fronten zwischen den Jungen und Mädchen nicht. "Na klar ist das konstruiert. Sonst könnte ich ja einpacken."

Die Jungen sind von ihren eigenen Profilierungsmustern oft total angenervt
Alte Molkerei Frille, Nordrhein Westfalen

"Jungenarbeit schließt für mich eine Positionierung zu den patriarchalen Verhältnissen in unserer Gesellschaft mit ein. Es geht aber nicht in erster Linie darum, dass sich Jungen deshalb ändern, damit es den Mädchen damit besser geht", sagt Luigi Althöfer. Es gehe in der Jungenarbeit darum, den Spielraum an Möglichkeiten und Erfahrungen für Jungen über die herrschenden Rollenbilder hinaus zu erweitern. Damit die Jungen neue Freiräume der Selbstentfaltung gewinnen, die nicht auf Kosten anderer gehen. "Dass dann auch die Mädchen was davon haben, ergibt sich von selbst." Luigi Althöfer ist 34 und arbeitet seit 2005 in der Jungenarbeit der Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille.

"Jungen sind mit zahlreichen Rollenbildern konfrontiert, wie sie als werdende Männer zu sein haben. Für viele besteht dabei ein starker Anpassungsdruck. Jungen müssen cool und stark sein, einen muskulösen Körper haben und beim Sex immer einen hoch kriegen." In seiner Arbeit inszeniert Luigi Althöfer Situationen, in denen Jungen sich trauen, eigene Verletzlichkeiten und Ängste zu zeigen und ihr Konkurrenzverhalten loszulassen. "Die Jungen", sagt er, "sind von ihren eigenen Profilierungsmustern oft total angestrengt und wirken sehr erleichtert, wenn sie davon auch mal loslassen können."

Ein stets präsentes Thema in der Jungenarbeit ist die Homophobie der Jungen. "Schwulenfeindliche Sprüche stehen an der Tagesordnung. Hier ist es mir wichtig, Homosexualität zum offenen Thema zu machen und die negativen Bewertungen der Jungen in Frage zu stellen." Jungen, die Körperkontakt haben, sich berühren oder an den Händen halten, stehen schnell unter dem Generalverdacht der Homosexualität. "Ich biete gerne Übungen an, in denen Körperkontakt eine selbstverständliche Rolle spielt. Zum Beispiel Blindenführungen, bei denen der eine den anderen führt. Mit einem solch expliziten Auftrag können die Jungen sich entspannt auf Nähe miteinander einlassen, ohne dies in den irrationalen Zusammenhang zu Homosexualität zu stellen. Im Grunde sehnen sich die Jungen danach, sich auch einfach mal aneinander anzulehnen."

Kein Blümchenrap
Dissens e.V., Berlin

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In Marzahn-Hellersdorf, im Berliner Osten, stehen die Plattenbauten dicht an dicht. Hier leben Alex, Steven, Mark und Nick, die sich Künstlernamen wie T-Koun oder Teib gegeben haben. Im vergangenen Jahr haben sie an einem Projekt des Vereins Dissens e.V. teilgenommen und professionell gerappt. In einer Jungengruppe. Aus den zur Wahl gestellten Themen entschieden sie sich gegen den Anti-Homophobie-Rap und rappten gegen Rechtsextremismus und Gewalt. Und das, obwohl es unter den Jungen auch einige mit rechter Orientierung gab. Ein Jahr nach dem Ende des Projektes setzen sich die Jungen wieder gemeinsam an einen Tisch. Neben ihnen auf dem Sofa liegt ein Teddybär. Die Jungen legen ihre Handys in die Mitte. Jeder hat Raps darauf, alle rappen in ihrer Freizeit. Einer der Jungen erzählt, dass er dichtet, um "klarzukommen, wenn es mir mal nicht so gut geht. Dann kann ich es aufschreiben und daraus einen Rap machen."

Der 15-jährige Nick, der sich Teib nennt, hat ein Augenbrauenpiercing und kurze dunkle Haare. In einem Stück auf seinem Handy singt er eine Hymne auf seine Mutter: "Ich bin dir dankbar für alles, wir haben geweint und gelacht, Mama, ich weiß, ich liebe dich, auch ohne einen Papa." Diese Art von Rap wurde von den Jugendlichen ein Jahr zuvor noch als "Blümchenrap" abgewertet. "Dass der Teib mit seinen Texten erfolgreich ist, gerade weil er aus seinem Leben erzählt und sich verletzlich macht, das war für die Jungs ein Lernprozess", sagt Frank Begemann. Der 40-Jährige ist Künstler, das Rap-Projekt eines von vielen Projekten, die er mit Jungengruppen entwickelt hat. "Bushido und 'Diss-Texte', in denen es darum geht, auf bestimmte Gruppen zu hetzen, haben am Anfang des Rap-Projektes die meisten gehört", sagt Frank Begemann. In der Gruppe gab es unterschiedliche Ansichten darüber, ob man solche Musik hören, solche Texte dichten sollte. Birow gehörte zu denen, der sie hören wollte.

"Ich finde das nicht so gut", sagt der 16-Jährige ein Jahr später. "Diese Texte, ich meine, wo die Frauen eigentlich nur Spielzeug sind." "Frauenfeindlich heißt das!", belehrt ihn ein anderer. "Ja", sagt Birow, "das Wort ist mir gerade nicht eingefallen."

Anke Lübbert schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Tübingen und besucht die Reportageschule Zeitenspiegel.

Fotos: ©Christian Brauner; ©Frank Begemann



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