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Doris Lessing: Das goldene Notizbuch

Royal Flush

23.11.2007 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Jedes Jahr im Oktober teilt sich das Lesevolk in zwei Hälften – die einen bejubeln die Wahl der Nobelpreis-Jury, die anderen halten die Entscheidung für falsch. Der Literaturnobelpreis ist in den letzten Jahren oft auf deutliche Kritik des etablierten – konservativen – Feuilletons gestoßen: Die Laureaten seien politisch zu links, zu wenig bedeutend seien ihre Werke und zu lange her deren Wirkung. Solche Vorwürfe gingen 2005 an Harold Pinter, 2004 an Elfriede Jelinek, 1997 an Dario Fo.

Ein Buch pro Jahr

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Doris Lessing, die 1919 in Persien geboren wurde und dort und in Afrika aufwuchs – der sowohl außergewöhnliche wie typische Lebenslauf der Tochter eines britischen Kolonialoffiziers –, ist die älteste Literaturnobelpreisträgerin, die es je gegeben hat. Und doch beteuerte Horace Engdahl, der jedes Jahr in fünf Sprachen die Preisträger verkündet: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben." Spekulationen um die Frauenquote hin oder her: Schon seit Jahrzehnten gilt Lessing als Anwärterin auf den wichtigsten Literaturpreis der Welt, und mit ihren jetzt 88 Jahren wurde es auch Zeit dafür – posthum wird der Nobelpreis nämlich nicht verliehen.

Als "Royal Flush", also als höchstes Blatt beim Pokerspiel, fasste die Britin in ihrer ersten Reaktion die neue Situation zusammen – mit der Lässigkeit einer Frau, die seit ihrer ersten Romanveröffentlichung vom Schreiben leben kann und immer noch ungefähr ein Buch pro Jahr herausbringt: Romane, Autobiographien, Theaterstücke, klassische Science Fiction und phantastische Literatur wie ihr letzter Roman "Die Kluft".

Bibel der "Women's Lib"

Als ihr wichtigstes Werk gilt "Das goldene Notizbuch" von 1962, um die 800 Seiten dick und ein Referenzwerk der Frauenbewegung. In vielen Interviews und auch direkt im Vorwort zu den später erschienenen Ausgaben wehrt Lessing sich gegen diese "Vereinnahmung": "Es hat mich immer irritiert, dass das 'Goldene Notizbuch' die Bibel der Women's Lib geworden ist, denn ich wollte keinen feministischen Essay, sondern über das Leben von Frauen schreiben. Die Leute glauben immer noch, dass es ein politisches Manifest war. Das ist nicht der Fall ... Ich mochte den Feminismus in den 60er- und 70er-Jahren nicht und ich mag ihn auch heute nicht. Ich habe diese männerfeindliche Seite bei den jungen Frauen der Linken, die Männer, Heirat und Kinder verabscheuen, nie gemocht. Das war mies und vor allem Zeitverschwendung. Das hätte man anders angehen müssen. Doch die Feministinnen haben noch immer nichts verstanden."

Über das Leben von Frauen so zu schreiben, wie Lessing es tat – über die detaillierte Gedankenwelt von Frauen, über die unterschiedlichen Qualitäten verschiedener Orgasmen, den Geruch der Monatsblutung und über den Blick von Frauen auf Männer –, das ist allerdings sogar noch heute ungewöhnlich und selten. Anna Wulf, ihre Hauptperson, die biographische Parallelen zu Lessing aufweist, ähnelt in vielem den weiblichen Serienheldinnen in "Grey's Anatomie" oder "Gilmore Girls": eine allein erziehende Mutter mit durchaus komischen Affairen, bei der abwechselnd ihre Tochter, ihre beste Freundin Molly und deren Posse, ihre Psychoanalyse bei "Mother Sugar" und wechselnde Männer im Mittelpunkt stehen. Aber Anna ist auch noch ernsthafte Marxistin, und besonders lustig ist weder sie noch das Buch.

Langjährige Schreibblockade

O-Ton Anna: "Ich führe vier Notizbücher, ein schwarzes Notizbuch, das von Anna Wulf, der Schriftstellerin, handelt; ein rotes Notizbuch, das Politik betrifft; ein gelbes Notizbuch, in dem ich aus dem, was ich erlebt habe, Geschichten mache; und ein blaues Notizbuch, das den Versuch eines Tagebuches darstellt." Das macht sie, weil sie "die Dinge voneinander getrennt halten muss, aus Furcht vor dem Chaos, vor Formlosigkeit, vor dem Zusammenbruch". Anna hat den sehr erfolgreichen Debütroman "Frontiers of War" veröffentlicht, einen Roman, in dem es um Rassenschranken und eine Liebesgeschichte in Afrika geht und von dessen Tantiemen sie immer noch lebt. In den Notizbüchern skizziert sie mögliche weitere Romane, wird aber immer wieder von Zweifeln geplagt: "Warum überhaupt eine Geschichte […] warum nicht einfach die Wahrheit?" Kurz: Sie leidet unter einer klassischen Schreibblockade, dem "writer's block".

Schließlich beginnt sie, als sie gerade in einer Affaire mit Saul, einem schizophrenen Amerikaner, steckt, das fünfte, das Goldene Notizbuch. Dort soll alles zusammenfließen, die verschiedenen Geschichten, Ebenen und Blickwinkel. Letztlich dokumentiert dieser letzte Teil aber Annas totalen Zusammenbruch, der sich den ganzen Roman über ankündigt. Auch wenn "Das goldene Notizbuch" ein Porträt des intellektuellen und moralischen Klimas der 50er-Jahre im kolonialen England ist – der Zusammenbruch Annas ist höchst persönlich.

Mehr Gleichberechtigung in Afrika

Insofern ist "Das goldene Notizbuch", besonders gegen Ende, der Versuch, einen psychischen Zusammenbruch, eine Psychose oder Depression, literarisch darzustellen. Und es ist zu Recht ein viel gerühmtes feministisches Werk, auch wenn Lessing das nicht beabsichtigte. Wenn Anna Wulf als feministische Ikone verstanden wurde, dann weil sie, ebenso wie ihre Autorin, ein für die Zeit äußerst emanzipiertes, für sie aber selbstverständliches Leben führt – schon weil sie als Rhodesierin lange Zeit nicht den strengen Klassen- und Moralregeln Großbritanniens ausgesetzt war. "Afrika war in manchen Dingen weiter entwickelt als England", sagte Doris Lessing kürzlich in einem Interview. "Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern waren viel freier."

Anna stürzt sich sich als Marxistin in den Kampf gegen Krieg, Folter und Ungerechtigkeit. Und ebenso wie Lessing tritt Anna Mitte der 1950er-Jahre – zur Zeit des Ungarn-Aufstandes, den die Russen mit brutaler Gewalt niederschlugen – wieder aus der Partei aus. Seitdem steht Lessing Ideologien kritisch gegenüber. Die "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat" – so die Begründung der Nobelpreisjury – wohnt seit 27 Jahren mit ihren Katzen in einem kleinen Backsteinhaus in London-Hampstead. Am 10. Dezember 2007, dem Todestag des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, wird sie ihren Preis in Stockholm entgegennehmen und eine Rede halten. Viele Nobelpreisträger/innen haben diese Gelegenheit schon für politische Aussagen genutzt und damit die Erwartungen der Zuhörerschaft unterlaufen. Was Doris Lessing wohl daraus machen wird? "Man wird kein bisschen weiser", hat sie schließlich neulich gesagt. "Das ist ein Gerücht. Man wird wütender."

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Doris Lessing: Das goldene Notizbuch (Fischer Taschenbuch Verlag 1989, 9.95 €) Im Verlag Hoffman und Campe ist das Buch gerade innerhalb der fünfzehnbändigen Werkausgabe erschienen, Hardcover, 14.95 €.




Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Foto: ©Isolde Ohlbaum



http://nobelprize.org
Das obligatorische Telefoninterview mit Doris Lessing zu ihrem Nobelpreis kann man hier hören (ganz unten) und lesen (englisch).

www.dorislessing.org
Doris Lessings Homepage (englisch)

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