Jedes
Jahr im Oktober teilt sich das Lesevolk in zwei Hälften – die einen bejubeln
die Wahl der Nobelpreis-Jury, die anderen halten die Entscheidung für falsch. Der
Literaturnobelpreis ist in den letzten Jahren oft auf deutliche Kritik des
etablierten – konservativen – Feuilletons gestoßen: Die Laureaten seien
politisch zu links, zu wenig bedeutend seien ihre Werke und zu lange her deren
Wirkung. Solche Vorwürfe gingen 2005 an Harold Pinter, 2004 an Elfriede
Jelinek, 1997 an Dario Fo.
Ein Buch pro Jahr

140.jpg
Doris
Lessing, die 1919 in Persien geboren wurde und dort und in Afrika aufwuchs –
der sowohl außergewöhnliche wie typische Lebenslauf der Tochter eines
britischen Kolonialoffiziers –, ist die älteste Literaturnobelpreisträgerin, die
es je gegeben hat. Und doch beteuerte Horace Engdahl, der jedes Jahr in fünf
Sprachen die Preisträger verkündet: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten
Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben." Spekulationen um die Frauenquote
hin oder her: Schon seit Jahrzehnten gilt Lessing als Anwärterin auf den
wichtigsten Literaturpreis der Welt, und mit ihren jetzt 88 Jahren wurde es
auch Zeit dafür – posthum wird der Nobelpreis nämlich nicht verliehen.
Als "Royal Flush", also als höchstes Blatt beim Pokerspiel, fasste die Britin in
ihrer ersten Reaktion die neue Situation zusammen – mit der Lässigkeit einer Frau,
die seit ihrer ersten Romanveröffentlichung vom Schreiben leben kann und immer
noch ungefähr ein Buch pro Jahr herausbringt: Romane, Autobiographien,
Theaterstücke, klassische Science Fiction und phantastische Literatur wie ihr letzter
Roman "Die Kluft".
Bibel der "Women's Lib"
Als
ihr wichtigstes Werk gilt "Das goldene Notizbuch" von 1962, um die 800 Seiten
dick und ein Referenzwerk der Frauenbewegung. In vielen Interviews und auch
direkt im Vorwort zu den später erschienenen Ausgaben wehrt Lessing sich gegen
diese "Vereinnahmung": "Es hat mich immer irritiert, dass das 'Goldene
Notizbuch' die Bibel der Women's Lib geworden ist, denn ich wollte keinen
feministischen Essay, sondern über das Leben von Frauen schreiben. Die Leute
glauben immer noch, dass es ein politisches Manifest war. Das ist nicht der
Fall ... Ich mochte den Feminismus in den 60er- und 70er-Jahren nicht und ich mag
ihn auch heute nicht. Ich habe diese männerfeindliche Seite bei den jungen
Frauen der Linken, die Männer, Heirat und Kinder verabscheuen, nie gemocht. Das
war mies und vor allem Zeitverschwendung. Das hätte man anders angehen müssen.
Doch die Feministinnen haben noch immer nichts verstanden."
Über
das Leben von Frauen so zu schreiben, wie Lessing es tat – über die detaillierte
Gedankenwelt von Frauen, über die unterschiedlichen Qualitäten verschiedener
Orgasmen, den Geruch der Monatsblutung und über den Blick von Frauen auf Männer
–, das ist allerdings sogar noch heute ungewöhnlich und selten. Anna Wulf, ihre
Hauptperson, die biographische Parallelen zu Lessing aufweist, ähnelt in vielem
den weiblichen Serienheldinnen in "Grey's Anatomie" oder "Gilmore Girls": eine allein erziehende
Mutter mit durchaus komischen Affairen, bei der abwechselnd ihre Tochter, ihre
beste Freundin Molly und deren Posse, ihre Psychoanalyse bei "Mother Sugar" und
wechselnde Männer im Mittelpunkt stehen. Aber Anna ist auch noch ernsthafte Marxistin,
und besonders lustig ist weder sie noch das Buch.
Langjährige Schreibblockade
O-Ton
Anna: "Ich führe vier Notizbücher, ein schwarzes Notizbuch, das von Anna Wulf,
der Schriftstellerin, handelt; ein rotes Notizbuch, das Politik betrifft; ein
gelbes Notizbuch, in dem ich aus dem, was ich erlebt habe, Geschichten mache;
und ein blaues Notizbuch, das den Versuch eines Tagebuches darstellt." Das
macht sie, weil sie "die Dinge voneinander getrennt halten muss, aus Furcht vor
dem Chaos, vor Formlosigkeit, vor dem Zusammenbruch". Anna hat den sehr
erfolgreichen Debütroman "Frontiers of War" veröffentlicht, einen Roman, in dem
es um Rassenschranken und eine Liebesgeschichte in Afrika geht und von dessen
Tantiemen sie immer noch lebt. In den Notizbüchern skizziert sie mögliche weitere
Romane, wird aber immer wieder von Zweifeln geplagt: "Warum überhaupt eine
Geschichte […] warum nicht einfach die Wahrheit?" Kurz: Sie leidet unter einer
klassischen Schreibblockade, dem "writer's block".
Schließlich
beginnt sie, als sie gerade in einer Affaire mit Saul, einem schizophrenen
Amerikaner, steckt, das fünfte, das Goldene Notizbuch. Dort soll alles
zusammenfließen, die verschiedenen Geschichten, Ebenen und Blickwinkel.
Letztlich dokumentiert dieser letzte Teil aber Annas totalen Zusammenbruch, der
sich den ganzen Roman über ankündigt. Auch wenn "Das goldene Notizbuch" ein
Porträt des intellektuellen und moralischen Klimas der 50er-Jahre im kolonialen
England ist – der Zusammenbruch Annas ist höchst persönlich.
Mehr Gleichberechtigung in Afrika
Insofern
ist "Das goldene Notizbuch", besonders gegen Ende, der Versuch, einen psychischen
Zusammenbruch, eine Psychose oder Depression, literarisch darzustellen. Und es
ist zu Recht ein viel gerühmtes feministisches Werk, auch wenn Lessing das nicht
beabsichtigte. Wenn Anna Wulf als feministische Ikone verstanden wurde, dann
weil sie, ebenso wie ihre Autorin, ein für die Zeit äußerst emanzipiertes, für
sie aber selbstverständliches Leben führt – schon weil sie als Rhodesierin
lange Zeit nicht den strengen Klassen- und Moralregeln Großbritanniens
ausgesetzt war. "Afrika war in manchen Dingen weiter entwickelt als England",
sagte Doris Lessing kürzlich in einem Interview. "Die Beziehungen zwischen
Frauen und Männern waren viel freier."
Anna stürzt
sich sich als Marxistin in den Kampf gegen Krieg, Folter und Ungerechtigkeit. Und
ebenso wie Lessing tritt Anna Mitte der 1950er-Jahre – zur Zeit des
Ungarn-Aufstandes, den die Russen mit brutaler Gewalt niederschlugen – wieder
aus der Partei aus. Seitdem steht Lessing Ideologien kritisch gegenüber. Die "Epikerin
weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft
eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat" – so die
Begründung der Nobelpreisjury – wohnt seit 27 Jahren mit ihren Katzen in einem
kleinen Backsteinhaus in London-Hampstead. Am 10. Dezember 2007, dem Todestag
des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, wird sie ihren Preis in Stockholm
entgegennehmen und eine Rede halten. Viele Nobelpreisträger/innen haben
diese Gelegenheit schon für politische Aussagen genutzt und damit die Erwartungen der Zuhörerschaft unterlaufen. Was Doris Lessing
wohl daraus machen wird? "Man wird kein bisschen weiser", hat sie schließlich neulich
gesagt. "Das ist ein Gerücht. Man wird wütender."

Image 16616
Doris
Lessing: Das goldene Notizbuch (Fischer Taschenbuch Verlag 1989, 9.95 €) Im Verlag Hoffman und Campe ist das Buch gerade innerhalb der fünfzehnbändigen Werkausgabe erschienen, Hardcover, 14.95 €.
Stephanie
Wurster ist fluter-Redakteurin.
Foto: ©Isolde Ohlbaum
http://nobelprize.org
Das obligatorische
Telefoninterview mit Doris Lessing zu ihrem Nobelpreis kann man hier hören (ganz
unten) und lesen (englisch).
www.dorislessing.org
Doris Lessings Homepage (englisch)
Kommentare
Dein Kommentar