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Schwester, greif zur Feder

Neue Magazine von und für Frauen

7.11.2007 | Vera Tollmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was sind Frauenzeitschriften überhaupt – Zeitschriften, die nur Frauen lesen? Front, das "neue Magazin für Männer", hat schon verstanden, dass sich diese Kategorie auflösen muss. Front wirbt damit, das "erste Frauenmagazin für Männer" zu sein – also ausführliche (Verbraucherinnen-)Informationen zu perfektem Aussehen, Schönheitspflege und Prominenten abzudrucken. Frauenzeitschriften sind nicht politisch; sie sagen ihren Lesern/innen immer und immer wieder, dass sie sich für Mode, Schminken, Liebe, Beziehungen und Haushalt zu interessieren haben.

Auflagenstarke Magazine wie Glamour, Jolie, Young, hey!, Woman oder Amica sind alle nach dem gleichen Muster aufgebaut: Styling, Diäten, Sex- und Flirttipps. Angeblich geht es um unsere Freiheit und aktuelle Modetrends – vorgestellt aber werden vor allem traditionelle Rollenmuster. Das Lifestyle-Magazin Neon ist da auch nicht anders und spricht seine Leser/innen mal als "Wasted German Youth" und dann wieder als kommende LBS-Kunden/innen an. Kontrolle und Kontrollverlust halten sich schön die Waage. Als Leserin muss man sich in vorgegebene Schemata einordnen.


Was ich als Frau dafür halte!

Das war nicht immer so: Im 18. Jahrhundert wurden zuerst in England und dann auch auf dem Kontinent die ersten Magazine für Frauen konzipiert. Sophie von La Roche (1730-1807), die erste Frauenromanautorin der deutschen Literaturgeschichte, wollte, als sie 1783-84 ihr Frauenmagazin Pomona veröffentlichte – immerhin 24 Ausgaben! – Frauen in ihrer Weiterbildung und Selbstständigkeit unterstützen. Ihr selbstbewusster Slogan: "Was ich als Frau dafür halte."

Ähnlich motivieren sich auch die jungen Frauen, die zurzeit feministische Magazine für eine junge Zielgruppe herausgeben; Magazine wie das Jungsheft aus Köln, Bust und Ridykeulous aus New York, Girls like us aus Amsterdam, fiber aus Wien oder auch Weblogs wie feministing.com. Ihren Herausgeberinnen ist eines gemeinsam: Sie wollen ein Mädchenbild jenseits von Dresscodes und Flirtregeln verbreiten und sich nicht länger mit dem Magazinangebot der etablierten Verlage langweilen.

Tschüß, Atombarbies

Elke Kuhlen und Nicole Rüdiger finden: Es ist ok, wenn sich Frauen für Pornos interessieren. Sie können es ja auf eine selbstbestimmte Weise tun. Wie das aussehen kann, zeigen sie in ihrem Kölner Magazin-Doppel Jungsheft – Porno für Frauen – und Giddyheft – Porno für Männer. Die Fotostrecken sehen bewusst kunst- und glanzlos aus. Nicole Rüdiger: "Es war ganz wichtig, dass die Jungs und die Mädels ganz natürlich rüberkommen, wir wollen keine Atombarbies oder die muskelbepackten Typen, die sich am Bergsee aalen, kein Photoshop, keine ausgeleuchtete Kulisse."
Was abgebildet wird, ergibt sich aus dem Angebot – jeder, der mag, kann sich als Fotomodell beim Jungsheft bewerben. Das Artifizielle der Mainstream-Pornobilder lehnen Elke und Nicole ab: "Jedes Model kann ganz frei entscheiden, wie es sich im Heft präsentieren möchte." Genauso wie mit den Körpern machen sie auch mit den Texten keine Vorgaben an ihre Leser/innen. Im Jungsheft und Giddyheft soll nicht stehen, "was man gerade in Paris trägt oder die 20 besten Flirt-Tipps, sondern Themen, die sonst in keinem Heft angesprochen werden, wie zum Beispiel Ausfluss". Die beiden Magazine vermitteln im Titel und in den Texten und Bildern Alltagssprache. Man kriegt sie nicht in jedem Buchladen – kann sie aber online bestellen oder unter "Shops" nach einem Laden suchen, der sie führt.

Klischees sprengen

Das selbstironische Popkultur-Magazin BUST erscheint seit 1993 in New York. "Bust" heißt Busen, Büste – der Name scheint also eindeutig: "Natürlich klingt das nach Pornomagazin! Inhaltlich steht Bust aber für unsere Bemühungen, stereotype Frauenrollen und ein einseitiges Feminismusverständnis zu sprengen", sagt Debbie Stoller, eine der Gründerinnen – "to bust" heißt eben auch "sprengen". Angefangen hat BUST als selbst kopiertes Fanzine, seit einigen Jahren erscheint es im Hochglanz-Format. Dank der Vertriebes über die Mainstream-Buchhandlungen Borders Books, Barnes & Noble und Tower Books ist BUST in praktisch allen US-Städten erhältlich.

Die Coverstory der aktuellen Ausgabe dreht sich um die Filmemacherin und Performancekünstlerin Miranda July, die in dem Interview ihre feministische Einstellung definiert: "Es geht einfach darum, das tun zu können, was du tun musst." Miranda July bekennt, dass sie viel arbeite – nur eben nicht von neun bis fünf. BUST sucht sich gerne Gesprächspartnerinnen aus, die erfolgreich anders leben und Spaß daran haben. Klischees werden gerne zerstört. Zum Beispiel in einem Artikel über die "wahre" Geschichte des Stewardess-Berufes: von wegen Glamour! Immer wieder gräbt BUST auch vergessene Frauen-Biografien aus, etwa von "Freak"-Frauen auf Jahrmärkten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ganz nebenbei trägt das Magazin so zur feministischen Geschichtsschreibung bei.

Der Charme eines akademischen Readers

Wie BUST glänzt auch das Wiener Zeitschriftenprojekt fiber. Werkstoff für feminismus und popkultur (seit 2002) mit der Übertragung feministischer Strukturen und Inhalte auf die Popkultur. fiber-Redakteurin Nina Stastný erklärt: "Wir wollen ein Magazin, das einen Gegenpol zu den herkömmlichen Magazinen über Popkultur bietet." Das Anderssein von fiber wirkt allerdings, wie schon der umständliche Titel, wesentlich sperriger und unzugänglicher als das poppige BUST. Viele der Autorinnen kennen sich als ehemalige Gender-Studies-Studentinnen in Theorie und Praxis aus. Daher wählen sie für jede Ausgabe ein Thema – "Mädchen", "Konkurrenz und Solidarität" oder "Glamour" – und verströmen doch oder gerade deswegen den Charme akademischer Reader. fiber gibt es in ausgewählten Buchläden in Deutschland und der Schweiz und im Abo.

Näher dran an ihren Lesern/innen ist das populäre Weblog feministing.com. Die 28-jährige Jessica Valenti gründete das Weblog 2004, um junge Frauen an feministischen Diskussionen zu beteiligen. Jessica ist auch Buchautorin: Dieses Jahr erschien ihr Buch "Full Frontal Feminism: A Young Woman's Guide to Why Feminism Matters" im feministischen Seal-Press-Verlag. Bei feministing.com beobachten und analysieren sechs theoriegeschulte Redakteurinnen im lockeren und schnellen Blogging-Stil Medienberichte: den Anti-Feminismus von Ex-Ginger Spice im Guardian, die Klage von Rolf Eden gegen eine 19-Jährige wegen Altersdiskriminierung, einen Songtext von 50 Cent oder die neuste Anti-Abtreibungskampagne. Wer sich über Sexismus in der gegenwärtigen Mediengesellschaft informieren will, ist bei feministing.com genau richtig. Mit dem Geld, was sie über Anzeigen und Merchandising verdient, bezahlt die Redaktion übrigens ihre Reisen zu feministischen Konferenzen.

Gegen die Vanille-Repräsentation

Eine Rolle abseits des Mainstream stellt auch das lesbische Magazin Girls like us, kurz GLU, vor. GLU vermittelt ein komplexes Bild davon, was Frausein alles bedeuten kann – lesbisch oder nicht. Girls like us wurde von Jessica Gysel und Kathrin Hero 2005 in Amsterdam als "Gegenmittel zur Vanille-Repräsentation der gegenwärtigen lesbischen Kultur" gegründet. Jessica und Kathrin vermissten Spaß, Subversivität und Klasse in der Magazinlandschaft. All das bringt das kleinformatige, exzellent und reduziert gelayoutete Girls like us. Jede Ausgabe porträtiert in Texten und Interviews erfolgreiche lesbische Frauen; alte, junge und vergessene. In der "Gallery" werden erotische Bildstrecken vorgestellt, im "Archive" kommen historische Bilderfunde zutage: in der aktuellen Ausgabe etwa Raritäten aus dem vergriffenen Fotoband "Titters: The First Collection of Humor by Women" von 1976. Dabei schwelgt Girls like us sicher nicht in Retro-Nostalgie, sondern holt Inspiration und Vergnügen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. GLU findet man weltweit nicht nur in Kunst- und schwullesbischen Buchhandlungen, sondern auch in Filialen der politisch korrekten Modemarke American Apparel.

Die feministische Magazinlandschaft ist international noch überschaubar – man kennt sich untereinander, Autorinnen, Designerinnen, Fotografinnen oder Theoretikerinnen treffen sich in Netzwerkprojekten wieder. Die New Yorker Künstlerinnen K8 Hardy und A.L. Steiner veröffentlichen Fotoserien in Girls like us, machen aber auch ihre eigenen Magazine. A.L. Steiner, Mitherausgeberin des Lesben-Fanzines Ridykeulous, kommentiert die Magazinsituation halb ironisch: "Wir werden unseren internationalen lesbischen Kult in der nahen Zukunft starten." Humor ist eine großartige Eigenschaft der jungen queeren und feministischen Zeitschriften – für A.L. Steiner sogar das "einzige Thema".

Vera Tollmann, 31, lebt als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.

Foto oben: ©hui-buh / photocase.com


http://gutenberg.spiegel.de
Der erste deutsche Frauenroman digital und gratis: Sophie von La Roches "Geschichte des Fräulein von Sternheim" von 1771

www.jungsheft.de
Pornohefte für Mädchen – und mit dem Giddyheft seit kurzem auch für Jungs

http://www.bust.com
Die Seite von Bust aus New York (englisch)

www.glumagazine.com
Die Website von Girls like us gibt sich, wie das Magazin, reduziert (englisch).

www.feministing.com
Hier kann gebloggt und recherchiert werden – außerdem gibt es eine ausführliche Blogroll und Linkliste (englisch).

www.fibrig.net
Die Website des Wiener Magazins fiber

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