Was abgebildet wird, ergibt sich aus dem Angebot – jeder, der mag, kann sich als Fotomodell beim
Jungsheft bewerben. Das Artifizielle der Mainstream-Pornobilder lehnen Elke und Nicole ab: "Jedes Model kann ganz frei entscheiden, wie es sich im Heft präsentieren möchte." Genauso wie mit den Körpern machen sie auch mit den Texten keine Vorgaben an ihre Leser/innen. Im
Jungsheft und
Giddyheft soll nicht stehen, "was man gerade in Paris trägt oder die 20 besten Flirt-Tipps, sondern Themen, die sonst in keinem Heft angesprochen werden, wie zum Beispiel Ausfluss". Die beiden
Magazine
vermitteln im Titel und in den Texten und Bildern Alltagssprache. Man kriegt sie nicht in jedem Buchladen – kann sie aber online bestellen oder unter "Shops" nach einem Laden suchen, der sie führt.
Klischees sprengen Das selbstironische Popkultur-Magazin
BUST erscheint seit 1993 in New York. "Bust" heißt Busen, Büste – der Name scheint also eindeutig: "Natürlich klingt das nach Pornomagazin! Inhaltlich steht Bust aber für unsere Bemühungen, stereotype Frauenrollen und ein einseitiges Feminismusverständnis zu sprengen", sagt Debbie Stoller, eine der Gründerinnen – "to bust" heißt eben auch "sprengen". Angefangen hat
BUST als selbst kopiertes Fanzine, seit einigen Jahren erscheint es im Hochglanz-Format. Dank der Vertriebes über die Mainstream-Buchhandlungen
Borders Books, Barnes & Noble und
Tower Books ist
BUST in praktisch allen US-Städten erhältlich.
Die Coverstory der aktuellen Ausgabe dreht sich um die Filmemacherin und Performancekünstlerin Miranda July, die in dem Interview ihre feministische Einstellung definiert: "Es geht einfach darum, das tun zu können, was du tun musst." Miranda July bekennt, dass sie viel arbeite – nur eben nicht von neun bis fünf.
BUST sucht sich gerne Gesprächspartnerinnen aus, die erfolgreich anders leben und Spaß daran haben. Klischees werden gerne zerstört. Zum Beispiel in einem Artikel über die "wahre" Geschichte des Stewardess-Berufes: von wegen Glamour! Immer wieder gräbt
BUST auch vergessene Frauen-Biografien aus, etwa von "Freak"-Frauen auf Jahrmärkten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ganz nebenbei trägt das Magazin
so zur feministischen Geschichtsschreibung bei.
Der Charme eines akademischen Readers Wie
BUST glänzt auch das Wiener Zeitschriftenprojekt
fiber. Werkstoff für feminismus und popkultur (seit 2002
) mit der Übertragung feministischer Strukturen und Inhalte auf die Popkultur.
fiber-Redakteurin Nina Stastný erklärt: "Wir wollen ein Magazin, das einen Gegenpol zu den herkömmlichen Magazinen über Popkultur bietet." Das Anderssein von
fiber wirkt allerdings, wie schon der umständliche Titel, wesentlich sperriger und unzugänglicher als das poppige
BUST. Viele der Autorinnen kennen sich als ehemalige Gender-Studies-Studentinnen in Theorie und Praxis aus. Daher wählen sie für jede Ausgabe ein Thema – "Mädchen", "Konkurrenz und Solidarität" oder "Glamour" – und verströmen doch oder gerade deswegen den Charme akademischer Reader.
fiber gibt es in ausgewählten Buchläden in Deutschland und der Schweiz und im Abo.
Näher dran an ihren Lesern/innen ist das populäre Weblog
feministing.com. Die 28-jährige Jessica Valenti gründete das Weblog 2004, um junge Frauen an feministischen Diskussionen zu beteiligen. Jessica ist auch Buchautorin: Dieses Jahr erschien ihr Buch "Full Frontal Feminism: A Young Woman's Guide to Why Feminism Matters" im feministischen
Seal-Press-Verlag. Bei
feministing.com beobachten und analysieren sechs theoriegeschulte Redakteurinnen im lockeren und schnellen Blogging-Stil Medienberichte: den Anti-Feminismus von Ex-Ginger Spice im Guardian, die Klage von Rolf Eden gegen eine 19-Jährige wegen Altersdiskriminierung, einen Songtext von 50 Cent oder die neuste Anti-Abtreibungskampagne. Wer sich über Sexismus in der gegenwärtigen Mediengesellschaft informieren will, ist bei
feministing.com genau richtig. Mit dem Geld, was sie über Anzeigen und
Merchandising verdient, bezahlt die Redaktion übrigens ihre Reisen zu feministischen Konferenzen.
Gegen die Vanille-Repräsentation Eine Rolle abseits des Mainstream stellt auch das lesbische Magazin
Girls like us, kurz
GLU,
vor.
GLU vermittelt ein komplexes Bild davon, was Frausein alles bedeuten kann – lesbisch oder nicht.
Girls like us wurde von Jessica Gysel und Kathrin Hero 2005 in Amsterdam als "Gegenmittel zur Vanille-Repräsentation der gegenwärtigen lesbischen Kultur" gegründet. Jessica und Kathrin vermissten Spaß, Subversivität und Klasse in der Magazinlandschaft. All das bringt das kleinformatige, exzellent und reduziert gelayoutete
Girls like us. Jede Ausgabe porträtiert in Texten und Interviews erfolgreiche lesbische Frauen; alte, junge und vergessene. In der "Gallery" werden erotische Bildstrecken vorgestellt, im "Archive" kommen historische Bilderfunde zutage: in der aktuellen Ausgabe etwa Raritäten aus dem vergriffenen Fotoband "Titters: The First Collection of Humor by Women" von 1976. Dabei schwelgt
Girls like us sicher nicht in Retro-Nostalgie, sondern holt Inspiration und Vergnügen aus der Vergangenheit in die Gegenwart.
GLU findet man weltweit nicht nur in Kunst- und schwullesbischen Buchhandlungen, sondern auch in Filialen der politisch korrekten Modemarke
American Apparel.
Die feministische Magazinlandschaft ist international noch überschaubar – man kennt sich untereinander, Autorinnen, Designerinnen, Fotografinnen oder Theoretikerinnen treffen sich in Netzwerkprojekten wieder. Die New Yorker Künstlerinnen K8 Hardy und A.L. Steiner veröffentlichen Fotoserien in
Girls like us, machen aber auch ihre eigenen Magazine. A.L. Steiner, Mitherausgeberin des Lesben-Fanzines
Ridykeulous, kommentiert die Magazinsituation halb ironisch: "Wir werden unseren internationalen lesbischen Kult in der nahen Zukunft starten." Humor ist eine großartige Eigenschaft der jungen queeren und feministischen Zeitschriften – für A.L. Steiner sogar das "einzige Thema".
Vera Tollmann, 31, lebt als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.
Foto oben: ©hui-buh / photocase.com
http://gutenberg.spiegel.de Der erste deutsche Frauenroman digital und gratis: Sophie von La Roches "Geschichte des Fräulein von Sternheim" von 1771
www.jungsheft.de Pornohefte für Mädchen – und mit dem
Giddyheft seit kurzem auch für Jungs
http://www.bust.com Die Seite von
Bust aus New York (englisch)
www.glumagazine.com Die Website von
Girls like us gibt sich, wie das Magazin, reduziert (englisch).
www.feministing.com Hier kann gebloggt und recherchiert werden – außerdem gibt es eine ausführliche Blogroll und Linkliste (englisch).
www.fibrig.net Die Website des Wiener Magazins
fiber
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