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fluter.de Archiv Nr. 16 : "Familien" |
April 2003
Ganz unverklemmt
Wenn die Eltern schwul oder lesbisch sind
Ula Brunner | 25.3.2003
In Deutschland gibt es etwa eine Million schwule und lesbische Eltern. Viele ihrer Kinder stammen aus früheren heterosexuellen Beziehungen, manche sind Adoptiv- oder Pflegekinder. So wie Rebecka Springer und Christian Meurers. Rebecka (20) ist angehende Tierarzthelferin und lebt mit ihrer Schwester, ihrer Mutter und deren Freundin zusammen. Christian (14) geht noch zur Schule und wohnt mit Hund, Katzen und Meerschweinchen bei schwulen Pflegeeltern.
Rebecka, wie lebt es sich denn mit zwei Müttern?
R: Prima, das hat doch nicht jeder! Aber zwei Mütter haben vermutlich genau so viele Vor- und Nachteile wie Vater und Mutter. Es wird bei beiden probiert, was geht und was nicht geht. Geheimnisse gibt es mit jeder. Aber eben immer andere.
Und mit zwei Vätern, Christian?
C: Für mich ist das so selbstverständlich, dass ich es gar nicht so genau sagen kann. Wir verstehen uns gut, ich hab Guido und Thomas lieb und die haben mich lieb.
Dann seid ihr eine ganz normale Familie?
R: Ja! Meine Mutter und Antje, das sind meine Eltern.
C: Für mich ist es nichts Besonderes, für andere schon, weil es relativ ungewöhnlich ist.
R: Von der Gesellschaft werden wir oft nicht als Familie wahrgenommen. Das merken wir immer, wenn wir zum Beispiel eine Familieneintrittskarte haben wollen. Auf den ersten Blick sind da halt zwei Frauen und nicht Mann und Frau mit Kindern. Dann müssen wir uns immer outen. Und das kann manchmal nerven.
Ihr geht also ganz offen mit eurer Familiensituation um?
C: Also, ich erzähle das nicht überall rum, aber ich stehe dazu.
R: Meine Mutter lebt seit neun Jahren mit ihrer Freundin zusammen. Als ich sie anfangs gefragt habe, was ich denn über ihre Beziehung sagen soll, antwortete sie, "natürlich die Wahrheit". Inzwischen gehe ich damit ganz unverklemmt um und kläre meine Freunde im Voraus auf. Dann besteht Klarheit und ich kann nicht wegen meiner Eltern unter Druck gesetzt oder aufgezogen werden.
Ihr lebt beide in kleinen Dörfern. Tratschen die Nachbarn?
C: Alle wissen, dass Guido und Thomas schwul sind, wir machen kein Geheimnis daraus. Ich glaube, da wird schon gequatscht. Aber eher hinter unserem Rücken.
R: Als wir zugezogen sind, waren wir erst einmal das Dorfgespräch. Aber jetzt werden wir behandelt wie alle anderen auch. Im Dorf ist es wichtiger, die Straße zu kehren, zu grüßen und freundlich zu sein. Dann kann man hier auch lesbisch sein.
Und in der Schule?
R: Die wenigsten kennen so eine Familienkonstellation. In unserer Schulzeit hatten meine Geschwister und ich viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Bei den Schülern und den Lehrern. Das hatte seine Auswirkungen. Auch auf den Biologieunterricht: Wir haben darauf bestanden, das Thema Homosexualität im Unterricht zu behandeln.
C: Manche Mitschüler verstehen, dass meine Eltern schwul sind, gelegentlich werde ich auch gehänselt.
Wie?
C: "Wenigstens wohn ich nicht bei Schwulen", heißt es dann. Manchmal kommen auch ganz dreiste Sachen wie "geh doch Guido ficken".
Was machst du dann?
C: Ich revanchiere mich, indem ich die Macken bei den anderen suche, die sind ja auch nicht perfekt. Manchmal ignoriere ich es auch einfach. Wenn ich Probleme damit habe, kann ich über alles offen mit Guido und Thomas reden, und das ist total wichtig.
R: Wenn ich damit aufgezogen werde, dass meine Eltern Lesben sind, antworte ich: "Na und?" Oder: "Hast du ein Problem damit?" Danach kommt entweder nichts mehr oder aber sie fangen an, interessiert nachzufragen. Je offener ich damit umgehe, umso positiver sind die Reaktionen.
Ein klassisches Vorurteil gegenüber homosexuellen Eltern lautet, dass die Kinder sexuell vorprogrammiert werden.
C: Wie bitte?
R: Heterosexualität färbt ja auch nicht ab! Übrigens leben meine drei Geschwister derzeit alle in heterosexuellen Beziehungen! Bei mir ist es noch offen, ob ich mal lesbisch werde oder nicht. Im Moment bin ich solo.
Kennt ihr Gleichaltrige aus anderen Regenbogenfamilien?
C: Leider nicht! Ich würde mich aber gerne regelmäßig treffen und über Erfahrungen reden.
R: Meine Mütter kennen zwar mittlerweile einige Frauen- und Männerpaare mit Kindern, die sind jedoch meist wesentlich jünger als ich. Ein Chatroom oder Anlaufstellen bei der Jugendhilfe wären super!
Seit 2001 können Lesben und Schwule heiraten. Was wünscht ihr euch an weiterer politischer Unterstützung?
R: Ich möchte die absolute rechtliche Gleichstellung mit heterosexuellen Familien, zum Beispiel die Stiefkinderadoption. Das würde Rechte und Sicherheiten für die Erwachsenen und die Kinder bringen.
C: Ich glaube, man kann politisch gar nichts regeln, damit Schwule besser akzeptiert werden. Es ist schon immer so gewesen, dass Minderheiten nicht richtig dazu gehören. Entweder die Leute sehen ein, dass etwas zwar ungewöhnlich, aber trotzdem ganz normal ist, oder sie sehen es nicht ein.
Ula Brunner ist freie Journalistin. Sie arbeitet für Fernsehen, Hörfunk und jetzt auch Online.
www.lsvd.de
Die Seite des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland; der LSVD bietet auch eine Beratungshotline für homosexuelle Eltern und ihre Kinder an: 0221-925961-26 (Mittwoch 17-19 Uhr)
www.bpb.de
Aus der Reihe Politik und Zeitgeschichte der BpB ein Heft zum Verhältnis der Geschlechter zueinander, dem Wandel in den Rollenbildern zwischen Frauen und Männer
Buchtipp:
"Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen", von Elisabeth Beck-Gernsheim, Verlag C.H. Beck, München 1999
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