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'Lebensborn'-Kinder

Späte Aufarbeitung

29.3.2003 | Petra Tabeling | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Anni-Frid Synni Lyngstad ist den meisten wohl besser bekannt als die Dunkelhaarige bei ABBA. Sie ist die einzige Prominente unter den "Kindern der Schande": Kinder von norwegischen Frauen und deutschen Wehrmachtssoldaten, die im zweiten Weltkrieg während der Besetzung Norwegens im April 1940 bis Kriegsende im Mai 1945 stationiert waren. Auch Annis damals minderjährige Mutter hatte eine Beziehung zu einem deutschen Soldaten. Anni wuchs nach dem Krieg bei ihrer Großmutter in Schweden auf. Aus Angst, denn Kinder deutscher Soldaten in Norwegen wurden nach der Kapitulation als Feinde im eigenen Land angesehen. Sie galten nun als "Produkt" der feindlichen Besatzer.

Kinder für den Führer

1935 gründete Heinrich Himmler, Chef der SS, ein Programm namens "Lebensborn". Eine eigens gegründete Abteilung im Rasse- und Siedlungsamt beschäftigte sich mit der Sicherung der "arischen Rasse". Der Kinderreichtum sollte unterstützt werden und "jede Mutter guten Blutes geschützt", so Himmler in seinen öffentlichen Reden. Jede schwangere Frau, die einen arischen Abstammungsnachweis vorzeigen konnte, war unterstützungsberechtigt: Sie bekam Lebensmittelmarken, Geld oder eine bevorzugte Behandlung für die Entbindung. In eigenen Entbindungsheimen, so genannten Lebensborn-Heimen, wurden die Geburten betreut und die Kinder erzogen. Nicht nur deutsche Frauen konnten dies in Anspruch nehmen, sondern auch Frauen in besetzten Ländern. Insgesamt gab es mehr als 20 Heime, in Deutschland, Belgien, Luxemburg und Frankreich.
Viele der Wehrmachtssoldaten, die in Norwegen stationiert waren, gingen Beziehungen mit norwegischen Frauen ein. Aus den Liebesaffären oder auch festen Beziehungen stammen bis zu 12.000 Kinder, so schätzt der Norweger Kare Olsen in seinem Buch: "Vater Deutscher: das Schicksal norwegischer Lebensbornkinder". Mit Wohlwollen der deutschen Verwaltung, denn das norwegische Blut befanden die Nationalsozialisten als besonders arisch und wertvoll. Auch in Norwegen wurden Lebensborn-Heime eingerichtet. Der Historiker Olsen war Archivar im Reichsarchiv in Oslo, wo er für die Anfragen norwegischer Kriegskinder über ihre leiblichen Eltern zuständig war. Erstmals liefert er mit seinem Buch eine lebendig geschilderte Chronologie der "Kinder der Schande".

Vermasselte Biografien

Olsen erfuhr von erschütternden Schicksalen, denn die Tatsache, ein "Deutschenkind" zu sein, wurde vielen dieser Kinder in Norwegen zum Verhängnis: Einige kamen in Erziehungsheime, wurden misshandelt, manche gar vergewaltigt. Die Mütter wurden verspottet, durchs Dorf gejagt, ihr Kopf kahl rasiert. Manche Ausgrenzungen dauerten für ihre Kinder ein Leben lang. Selbstmord, Alkoholismus, Einsamkeit - die Erfahrungen zeichnen sie bis heute.

So wie Paul Hansen, heute 59 Jahre alt. Als Sohn eines deutschen Luftwaffenpiloten kam er sogar in eine Anstalt für geistig behinderte Kinder - obwohl geistig völlig gesund. Psychiater stempelten die Deutschenkinder als "erbbiologisch minderwertig" ab.

Wiedergutmachung nach mehr als 55 Jahren?

Hansen hat sich Ende der 1990er zusammen mit über 170 "Deutschenkindern" organisiert, um den norwegischen Staat wegen Verletzung ihrer Menschenrechte anzuklagen. Ihr Sprecher, Tor Brandacher, Sohn eines Schweizer Gebirgsjägers und einer Norwegerin, hatte Glück; er genoss "eine normale Kindheit", so sagt er heute. Doch "Norwegen hat seine Kinder wie Dreck behandelt, die Mauer des Schweigens muss endlich aufgebrochen werden", fordert Brandacher.

Im Oktober 2001 startete in Oslo zum ersten Mal ein Prozess. Die Kläger verlangen eine finanzielle und moralische Wiedergutmachung für die jahrelange Ausgrenzung. Doch das Gericht wies die Klage zurück, sie sei verjährt und die Schuld des Staates nicht nachweisbar. Auch in der zweiten Instanz wurde sie abgelehnt. Die Lebensborn-Kinder wollen nun den Weg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gehen: "Wir werden niemals aufgeben, wir kämpfen schon seit so vielen Jahren und werden das auch weiterhin tun. Dieser Fall wird niemals sterben."

Petra Tabeling

Foto: © Polar Music International AB


Kare Olsen: Vater: Deutscher. Das Schicksal der norwegischen Lebensbornkinder und ihrer Mütter von 1940 bis heute (Campus Verlag 2002, ca. 30 €)

Gisela Heidenreich: Das endlose Jahr. Die langsame Entdeckung der eigenen Biographie - ein Lebensbornschicksal (Scherz Verlag 2002, ca. 20 €)

Georg Lilienthal: Der Lebensborn e.V. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik (Fischer Verlag 2003, ca. 13 €)

Dorothee Schmitz-Köster: Deutsche Mutter, bist du bereit ... Alltag im Lebensborn (Aufbau Verlag 2002, 8.50 €)


www.shoa.de/lebensborn.html
Geschichtliche Hintergründe zum Lebensborn-Programm bei der Shoa-Stiftung

www.norwegen.org/cgi-bin/wbch3.exe?d=5502&p=2013
Hier wird eine Fotoausstellung über Lebensborn-Kinder dokumentiert: Der Fotograf Einar Bangsund ist selbst eins von ihnen




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