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Alles wird anders

Douglas Couplands Familienkonzepte

27.3.2003 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die Verschlagwortung von Generationen boomt - ob "Generation Golf" (die markenbewussten Frühvergreisten), "Generation Ally" (die lustigen Singles) oder die "Zonenkinder" (Jana Hensel prägte den Begriff erst vor kurzem für ihre Altergenossen). Und auch "Hotel Mama" und die "Ich-AG" sind mindestens ebenso Generationsbezeichnungen wie Schlagwörter für aktuelle Phänomene.

Einer hat wesentlich dazu beigetragen, den Slogan-Ball ins Rollen zu bringen: Der kanadische Autor Douglas Coupland veröffentlichte vor 12 Jahren sein erstes Buch "Generation X - Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur". Der Riesenerfolg katapultierte Autor und Buch in den Kulthimmel. Und da Coupland seitdem in verlässlicher Regelmäßigkeit ein tolles Buch nach dem nächsten herausbringt, bleibt er auch dort. In "Generation X" (X steht hier für irgendeine Variable, ergo für die Orientierungslosigkeit der Generation) erzählt sich eine Gruppe von Freunden am Rande der Wüste von ihren Sehnsüchten, die nichts mit ihren McJobs (auch eine Coupland-Wortschöpfung) zu tun haben. Ihre sehr amerikanischen Biographien wandeln sich zu Aussteiger-Lebensläufen, verlässlich scheinen einzig die Träume - und die Freunde.

Mikrosklaven

Auf das Cover eines späteren Buches, "Microserfs", schrieb der Verlag dann drauf: "Autor von Generation X". Genau. Und wieder ging es um eine Clique - überarbeitete, vernerdete Microsoftler, denen wie den Freunden in "Generation X" die Sehnsucht durchbrennt und sie zu Aussteigern aus einem geschlossenen System macht. Dem Bill-Gates-System. Und - wie es ab jetzt in Coupland-Büchern öfter passierte -, eine Mutter kommt dazu und frische familienähnliche Systeme bilden sich unter radikaler Neudefinition der tradionellen Muster.
Couplands Thema ist in "Microserfs" am deutlichsten: Technologie, Spiritualität und Freundschaft. Seine Figuren, die mit und in Technologie leben, kennen den "Generationen-Gap", die Kluft zwischen den Generationen, nicht: Alle sind gleichwertige Bausteine eines Systems, egal wie alt oder jung, dick oder dünn. Phantasie, Mut und Köpfchen zählen. Und da die älteren Semester, die in diesen Geschichten vorkommen, meist verwitwet, geschieden oder eben Single sind, unterscheiden sie sich in ihren Lebensverhältnissen gar nicht groß von ihren Kindern und deren Freunden.

Extreme Freizügigkeit

Mobil sind sie sowieso - in den USA leben ja eine Menge Menschen in Mobile Homes und Trailer Parks (das kam in dem Eminem-Film "8 Mile" eben wieder vor), auch ohne Pass und Sozialversicherung. Diese Freizügigkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen wird in "All Families are Psychotic" ins Extreme gesteigert: Der letzte im Deutschen erhältliche Roman von Coupland ist ein Countdown auf Sarahs Weltraumflug, der ersten gehandicappten Astronautin (Sarah ist Thalidomide-geschädigt, vergleichbar mit dem deutschen Contergan-Skandal aus den 70er-Jahren).

Ihre Familie dreht derweil auf einem Road Trip hohl: Mutter Janet mit dem Ex-Mann Ted, sie findet mit dem Schweizer Pharmamillionär Florian eine neue große Liebe, der "verlorene Sohn" Wade mit Ehefrau Beth, der jüngere Sohn Bryan mit der verrückten Freundin Shw ("Spell that for me"), verheuchelte Adoptiveltern, halbadoptierte Freunde, Stiefmütter und untreue Gasteltern: So viel Familie war selten.

Am Schluss sind sie alle in Cape Canaveral versammelt, um Sarahs Abflug in den Outer Space mitzuerleben: Sarah beobachtet die von den letzten Tagen stark mitgenommene Chaostruppe nur noch über einen Monitor. Dann ist der Countdown abgelaufen und die Familie hat einen Stern dazubekommen. Ein schönes Bild - und der bisherige Höhepunkt in Couplands Familien- und Technologie-Erforschung. Douglas Coupland wurde übrigens, wie er es stolz in seiner Biografie vermerkt, 1961 auf einem Nato-Stützpunkt im badischen Baden-Söllingen geboren.

Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Douglas Couplands Romane

Generation X - Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur (Goldmann Verlag, 8 €)
Shampoo Planet (Goldmann Verlag, 7.50 €)
Microsklaven (Goldmann Verlag, 9.50 €)
Girlfriend in a Coma (Goldmann Verlag, 8 €)
Miss Wyoming (Rowohlt Verlag, ca. 9 €)
Alle Familien sind verkorkst (Verlag Hoffmann und Campe, ca. 20 €)
Und bisher nur auf Englisch: Hey, Nostradamus! (Bloomsbury, ca. 22 €)

Alle Bücher gibt es natürlich auch gebraucht und billiger bei www.zvab.de.


www.coupland.com
Auf der Homepage des kanadischen Autors gibt es unter anderem Bilder und Infos von seinen Möbelobjekten, seinem Design und seinen anderen Kunstprojekten

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