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Annika Reich: Teflon

Gefahrenresistent

27.3.2003 | Sandra Hofmeister | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Teflon ist mehr als eine Bratpfannenbeschichtung, die verhindert, dass die Spiegeleier festkleben. Teflon ist ein Raumfahrtmaterial, von den Vätern der Atombombe entwickelt. Im Apollo-Programm wurde der Kunststoff als Schutzschicht auf Raumanzügen benutzt.

Für Annika Reich ist Teflon eine Metapher: Ein Bild für die Abgründe des Lebens und für den Schutzpanzer, der vor ihnen abschirmt. Teflon garantiert Sicherheit, weil es resistent macht. Gefahren prallen an Teflon ab wie von einer zweiten Haut. Aber wenn die Kunststoffschicht mürbe wird, entstehen giftige Stoffe. Das Leben wird unberechenbar. Der Sturz in die Tiefe ist vorprogrammiert.

Spiegeleier zum Frühstück

Die Mutter, zum Beispiel, ist "... aus Teflon. Alles rutscht von ihr ab. Einfach alles. Auch das Leben. Sie lässt auch das Leben so lange braten, bis es durch ist. Und dann lässt sie es abrutschen. Wie Vaters morgendliche Spiegeleier. Sunny side up. Sunny side down." Hannah und Nora rebellieren gegen ihre Mutter. Sie brechen aus dem Alltagstrott aus und begeben sich auf dünnes Eis. Die Verzweiflung überwältigt sie. Bis zur Ohnmacht.

"Teflon" handelt irgendwo und irgendwann. Die Geschichte kommt mit wenig Personen aus: Klara, die Mutter, und ihre beiden Töchter Hannah und Nora sind Stefans Charme erlegen. Er ist der Liebhaber aller drei Frauen, ein Freund der Familie, verheiratet. In Annika Reichs Prosa-Debüt geht es um Ängste, Gefühle und vor allem um Assoziationen. Es geht um die Leere im Leben und um die Liebe. Hannah und Nora werden durch ihre Affäre zu Stefan aus der Teflon-Glückseligkeit hinaus in das Leben katapultiert. Ihre körperliche Integrität und ihre Selbstachtung stehen in Frage. Beide überschreiten die psychische und physische Schmerzgrenze. Hannah ist Stefan ausgeliefert. Sie muss sich gefallen lassen, was er von ihr verlangt. Nora möchte ihrer Schwester helfen, sie von ihm trennen. Deshalb verführt sie Stefan und ermuntert ihn zu einem makabren Liebesspiel. Die Brandwunden auf ihrem Körper zeigen die Verletzbarkeit ohne "Teflon"-Schutz. Nora ist süchtig danach, das Leben zu spüren.

Bilder des Abgrundes

"Stefan Braun war durch die Tür übergangslos in sie hineingekommen. Ohne Flur. Er war schon in ihr drin, bevor er sie begrüßt hatte." Das Verblüffende an Annika Reichs Erzählung ist die Sprache. Alles ist in Bildern erzählt, und zwar aus der Sicht von Hannah und Nora. Alles bleibt angedeutet in Gedankenfetzen und Assoziationen. Die Sprache von "Teflon" ist lyrisch: Kein Wort zu viel, auf jedes Komma kommt es an. Deshalb bewegt sich Annika Reich formal genau an jenem Abgrund, vor dem die Figuren ihrer Geschichte stehen. Details sind nur erwähnt, wenn sie zu Metaphern oder Symbolen werden. Dialoge kommen selten vor. Alles wirkt zeitlos.

"Teflon" hat nichts mit dem deutschen Fräulein-Wunder à la Judith Hermann zu tun. In Reichs Geschichte gibt es keine coolen Typen, keine angesagten Orte. Und es gibt keine Jeunesse Dorée, mit der die so genannten deutschen Pop-Literaten sich in Szene setzen. Die Leere darzustellen, bleibt ein Drahtseilakt: "Teflon brät die Leere. Jeden Morgen auf dem Frühstückstisch. Überlichtung. Gesalzene, gepfefferte, in Stücke geschnittene Überlichtung. Aufgegessen und ohne Funken Dunkelheit den Darmtrakt überstanden. Teflon-Lawine, die keinen Schnee der Welt mitreißen kann [...] Ein Spiegelei ist ein Spiegelei ist ein Spiegelei. Wie man es auch wendet. Gähnende Leere. Sunny side up sunny side down."

Sandra Hofmeister lebt in München als freie Autorin für Printmedien und Fernsehen.

Annika Reich: Teflon (Suhrkamp, 6.50 €)







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