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Wie sieht die Zukunft des Irak aus?

15.4.2003 | Sandra Hofmeister | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die Zahl der Kriegsopfer ist unbekannt, das Ausmaß der Zerstörung ungewiss, die Zukunft des Irak bleibt ungeklärt. Sicher ist nur: Der Wiederaufbau nach dem Krieg muss schnell vonstatten gehen. 23 Millionen Iraker brauchen eine funktionstüchtige Verwaltung und demokratische Strukturen. Das Problem der ethnischen Minderheiten muss gelöst und die gesamte Infrastruktur des Landes neu aufgebaut werden: Straßen, Schulen und Krankenhäuser, die Wasserversorgung und das Stromnetz, Ölanlagen und Pipelines. Dazu sind etwa 100 Milliarden Dollar in den nächsten drei Jahren nötig.

Der politische Neuanfang

Unter welcher Regie soll er stattfinden, der Wiederaufbau? Wer soll sich daran beteiligen und wer wird ihn bezahlen? An Willensbekundungen und symbolischen Gesten fehlt es derzeit nicht. In Belfast erklärten George W. Busch und Tony Blair, den Vereinten Nationen solle eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau zukommen. Wie die Rolle der UNO genau aussehen soll, blieb allerdings offen. Doch genau darauf kommt es dem "alten Europa" an. In Deutschland, Frankreich und Russland herrscht Einigkeit: Die UNO soll den gesamten Wiederaufbau lenken.

Inzwischen wird im Irak durch Plünderungen zerstört, was Bomben nicht vernichtet haben. Der Wiederaufbau ist ein Wettlauf mit der Zeit. Jay M. Garner, ehemaliger US-General und Rüstungskonzernvorsitzender, hat die Koordination des Wiederaufbaus und der humanitären Hilfe vorerst übernommen. Seine Rolle als Zivilgouverneur vor Ort ist von höchster Bedeutung. Es geht darum, die Weichen für die Zukunft eines Landes zu stellen, das wegen seines Ölvorkommens von großer Bedeutung für die Weltwirtschaft ist.

Das Öl, die Goldader des Landes

Die Nachkriegsordnung im Irak entscheidet über die Zukunft des Öls. Der Irak liegt mitten in einer Region, die über zwei Drittel der globalen Erdölreserven verfügt. Experten schätzen die Reserven des Rohstoffs an Euphrat und Tigris auf einen Wert von über 2.900 Milliarden Dollar. Wenn die Siegermächte ein Militärprotektorat errichten, bleibt die Ölförderung voraussichtlich unter ihren Fittichen. Zwar darf eine amerikanisch-britische Militärregierung den Irak aus völkerrechtlicher Sicht weder nach außen vertreten noch endgültige Verträge abschließen.

Doch schon bald könnte eine irakische Regierung die Geschäfte übernehmen. Die Kriegskosten und die Stationierung von Soldaten könnten in Teilen durch die Einnahmen aus den Ölquellen gedeckt werden. Aber zuerst sind enorme Investitionen in die maroden Förderanlagen und die Pipelines notwenig. Zudem müssen aus den Ölquellen auch die hohen Auslandsschulden des Irak bedient werden. Fünf bis zwölf Milliarden Dollar fallen jährlich an, um den Schuldenberg zu tilgen. Die 300 Milliarden Dollar Entschädigung für die Invasion in Kuwait 1991 sind in dieser Summe noch nicht enthalten.

Der Schuldenerlass

Die US-Regierung drängt Europa zu einem Schuldenerlass, der bisher auf wenig Gehör stößt. Schulden hat der Irak hauptsächlich bei arabischen Staaten sowie bei Russland und Frankreich. Beide Länder waren gut positioniert im Irak. Vor dem internationalen Embargo hatten sie in die maroden Ölanlagen des Irak investiert. Im Gegenzug hatte Bagdad erhöhte Förderkontingente zugesagt. Doch nun werden die Karten neu gemischt. Und bei einem Schuldenerlass sinken die französischen und russischen Aussichten auf das irakische Öl. Britische und US-amerikanische Ölkonzerne könnten ihre Vormachtstellung bei der Verteilung der Förderanteile ausbauen. Die Frage des Schuldenerlasses ist von wirtschaftsstrategischer Bedeutung. Solange die Zukunft des Öls völlig offen ist, ist keine Einigung beim Schuldenerlass zu erwarten.

Der wirtschaftliche Wiederaufbau

Der Wiederaufbau des Irak soll neue Wirtschaftsstrukturen aus dem Wüstenboden stampfen. Ein lukratives Geschäft für Großkonzerne. Die ersten Aufträge hat die US-Regierung bereits vergeben: Der US-Konzern Halliburton wird die brennenden Erdölfelder löschen. Ein Transportunternehmen aus Seattle hat die Geschäfte im strategisch wichtigen Hafen von Umm Kasr übernommen. Die Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) verwaltet 2,4 Milliarden Dollar, die im US-Haushalt für den Wiederaufbau bewilligt sind.

Die Pentagon-Behörde vergibt Großaufträge im Schnellverfahren. Ohne Ausschreibung und ausschließlich an ausgewählte US-Firmen. Obwohl die Nachkriegsordnung des Irak noch nicht entschieden ist, schaffen die Amerikaner schon Fakten: Experten gehen davon aus, dass Washington in den nächsten drei Jahren Aufträge im Wert von etwa 20 Milliarden Dollar vergeben wird - vor allem an US-Firmen.

Die ethnischen Konflikte

Der Irak ist de facto ein Vielvölkerstaat mit vielen Konfessionen. Die Einheit wurde von der Baath-Diktatur erzwungen, religiöse und ethnische Minderheiten mit brachialer Gewalt unterdrückt. Die politische Neuordnung des Landes muss eine Balance herstellen zwischen Schiiten und Sunniten, Moslems und Christen, Arabern und Kurden, Turkmenen und Assyrern. Die größte ethnische Minderheit des Landes bilden die Kurden. Teile der Kurdenregion im Norden des Landes waren seit Beginn der 90er Jahre nicht mehr unter der Kontrolle Bagdads. Eine quasi autonome Selbstverwaltung ist entstanden, mit einem Parlament, eigener Armee und eigenen Schulen. Etwa 3,5 Millionen Kurden leben im Irak. Viele Flüchtlinge, die von Saddam mit Chemiewaffen aus ihren Heimatorten in Südkurdistan vertrieben wurden, warten nun auf ihre Rückkehr in die Ölstädte Mossul und Kirkuk. Doch dort leben Araber, die das Regime in Bagdad teilweise unter Zwang aus dem Süden in den Kurdenstädten angesiedelt hat.

Die Kurdenfrage

Die Kurden sind das größte Volk der Welt ohne Staat. Etwa 25 Millionen Kurden gibt es. Ihr Stammland entspricht etwa der Fläche Deutschlands und erstreckt sich über die Bergregionen in der Türkei, dem Iran, Irak und Syrien. Sollte den irakischen Kurden im Rahmen einer föderativen Nachkriegsverfassung ein autonomer Status zugesichert werden, so droht der Kurdenkonflikt zu eskalieren. Denn die Türkei könnte nicht nur erneut mit der Armee gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der 12 Millionen türkischen Kurden vorgehen. Die Ölstädte Mossul und Kirkuk in kurdischer Hand zu wissen, ist für die türkische Regierung auch ein Kriegsgrund. Ihre Truppen stehen schon an der Grenze zum Irak. Eine Lösung der Kurdenfrage scheint nach dem zweiten Golfkrieg noch nicht in Sicht.

Sandra Hofmeister arbeitet als freie Journalistin für den Bayrischen Rundfunk. Sie lebt in München.





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Umfangreicher Schwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung zum Irak-Krieg: Bücher, Hefte, Hintergründe




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