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Einkaufen für eine bessere Welt

Wie viel Macht haben Konsumenten?

14.11.2005 | Prof. Christoph Scherrer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein erschreckend großer Anteil der weltweiten Güter wird unter Missachtung fundamentaler Arbeiterrechte hergestellt. Zwei Instrumente, die auf der Macht der Konsumenten/innen beruhen, sollen diesen Missstand beenden: Verhaltenskodizes für transnationale Unternehmen und soziale Gütesiegel.

Verhaltenskodizes sind meist von Nichtregierungsorganisationen schriftlich niedergelegte Richtlinien. Sie sollen transnationale Konzerne dazu bringen, staatliche Behörden und Belegschaften, Zulieferer und Subunternehmen fair zu behandeln. Außerdem sollen die Kodizes die Umwelt im jeweiligen Gastland schützen. Die einzelnen Verhaltenskodizes unterscheiden sich stark: Nicht alle Kodizes beinhalten die gleichen Rechte oder überwachen, ob die Richtlinien auch wirklich eingehalten werden. So bleiben Verstöße oft ohne Folgen.

Ohne Druck geht gar nichts

Wie wirksam Kodizes sind, hängt davon ab, wer sie festlegt. Verhaltenskodizes, die sich Unternehmen selbst gegeben haben, verbieten Arbeitern und Arbeiterinnen meistens, sich selbst in Gewerkschaften zu organisieren (Vereinigungsfreiheit) und mit der jeweiligen Firmenleitung Lohn- und Arbeitsbedingungen auszuhandeln (Tarifverhandlungen). Zudem sind sie sowieso vertraglich nicht verbindlich.

Erst starker Druck von Nichtregierungsorganisationen (NROs) hat zum Beispiel bei Nike dafür gesorgt, dass sich die Arbeitsbedingungen in den südostasiatischen Fabriken ein wenig verbessert haben. NROs sind sich außerdem einig, dass sich die Konzerne ohne eine unabhängige Überprüfung kaum an ihre Grundsätze halten. Die meisten Unternehmen lehnen eine Kontrolle aber ab, weil sie kostspielig ist und ihre Handlungsmacht einschränkt.

Soziale Gütesiegel geben Aufschluss darüber, wie "sozial" ein Produkt hergestellt wurde. Sie geben den Konsumenten/innen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob sie ein Produkt kaufen wollen, das beispielsweise von Kindern hergestellt wurde. Wenn viele Verbraucher sich für ein fair gehandeltes Produkt entscheiden, wächst der Druck auf Hersteller und Händler, die auf ihr Image bedacht sind, die Standards für ein Gütesiegel zu erfüllen.

Leider ist für viele Konsumenten/innen ein billiger Preis wichtiger als die Einhaltung sozialer Standards. Außerdem können Gütesiegel für clevere Absatzstrategien missbraucht werden, die aus dem schlechten Gewissen vieler Verbraucher Profit schlagen. Und schließlich hat die Konkurrenz der Gütesiegel zur Verwirrung der Konsumenten/innen geführt.

Unternehmen haben bisher nur auf Druck der Öffentlichkeit Verhaltenskodizes entwickelt. Deshalb werden sie langfristig die Kodizes auch nur unter Druck einhalten. Das Problem ist, dass Protestbewegungen nicht immer gleich stark sind, häufig lösen sie sich nach Anfangserfolgen auf. Gelingt es nicht, das Erreichte gesetzlich zu verankern, können die Standards auch wieder verloren gehen.

Das Ziel: globale Arbeitnehmerrechte

Das liegt auch an der Inkonsequenz der Konsumenten. Selbst bei Lebensmittelskandalen wie BSE setzen sich bei vielen Verbrauchern nach einer ersten Panik alte Kaufgewohnheiten wieder durch. Die Macht der Gewohnheit ist umso stärker, je weniger betroffen der Konsument ist. Während in Deutschland Kinderarbeit moralisch verpönt ist, kümmern sich viele Verbraucher nicht um soziale Standards wie das Recht auf Tarifverhandlungen oder Arbeiterschutz.

Eine Vielzahl von Verhaltenskodizes verwirrt außerdem die Konsumenten. Ohne eine finanziell unabhängige Aufsichtsbehörde wird es internationalen Organisationen wie der UN schwer fallen, auf der ganzen Welt für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. International verbindliche Regeln zur Einhaltung von Arbeiterrechten wären Verhaltenskodizes und Gütesiegeln vorzuziehen. Sie bleiben bis auf weiteres aber wichtig, da Regierungen und Unternehmen eine internationale Regelung von Arbeiterrechten noch blockieren.

Christoph Scherrer ist Professor der Politikwissenschaften an der Universität Kassel und im Beirat von ATTAC.

Foto: © gepa Fair Handelshaus


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