In Deutschland lieben die Menschen Blumen. Mehr als drei Milliarden Euro haben wir vergangenes Jahr für Schnittblumen ausgegeben und sind damit Weltspitze. Seit einigen Jahren gibt es auch Fair-Trade-Blumen. Wer bereit ist, etwas mehr zu zahlen, kann sicher sein, dass der Geburtstagsstrauß umweltverträglich und unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Ich will mir in Kenia, Europas größtem Blumenlieferanten, eine Fair-Trade-Farm ansehen und fahre an den Naivasha-See, zwei Stunden von der Hauptstadt Nairobi entfernt. Die meisten Exportblumen in Kenia wachsen rund um diesen See.
Die Blumenindustrie hat einen miserablen Ruf in Kenias Medien. Seit Jahren berichten Fernsehen und Zeitungen über 12-Stunden-Schichten, Hungerlöhne und Gesundheitsgefahren durch ungeschütztes Versprühen hochgiftiger Pestizide. Die "Oserian Development Company", bei der ich mich angemeldet habe, hat wohl auch aus diesem Grund seit vergangenem Jahr einen "Manager für ethischen Handel". Der 33-jährige Jurist Samson Lukoba, im dunklen Pullunder über weißem Hemd, erschüttert gleich mit der ersten Zahl meine Vorstellung von Fair Trade: Mehr als 5000 Beschäftigte habe Oserian.
Eine Prämie für jeden Stiel
Fair Trade - darunter hatte ich mir bisher faire Preise für Kleinbauern vorgestellt, die sonst durchtriebenen Zwischenhändlern ausgeliefert wären, welche ihnen die wahren Marktpreise verheimlichen. Aber wenn ein Großunternehmen wie Oserian höhere Preise im Namen von Fair Trade verlangt, zahle ich dann nicht dafür, dass eine ohnehin sehr profitable Firma ihre Arbeiter/innen anständig behandelt - was sowieso ihre Pflicht sein sollte? Hier kommt die Fair-Trade-Prämie ins Spiel, erklärt Lukoba. "Die Blumen sind deshalb teurer", sagt er, "weil auf jeden verkauften Stiel eine Prämie von rund zehn Prozent geschlagen wird. Dieser Gewinn geht komplett zurück an Projekte für die Arbeiter. Nichts," ergänzt er, "was in der Unternehmensverantwortung liegt wie Unterkunft, Schutzkleidung und medizinische Versorgung wird durch die Prämie finanziert."
Samson Lukoba führt, nein, fährt mich über das Gelände, das mit 8000 Hektar so groß ist wie der Chiemsee. Zwischen Nelkenfeldern und Gewächshäusern für die Rosen liegen weite unberührte Strecken. Sie dienen Zebras, Büffeln und Gazellen als Korridore zwischen dem nahen Hell's Gate Nationalpark und ihrer Wasserstelle, dem Naivasha-See.
Harriet Shitinda macht das seit zwei Jahren. Die 23-Jährige wohnt, wie die Mehrheit der Arbeiter/innen, in einem Oserian-Haus, ihr Kind geht in den Oserian-Kindergarten. 46 Wochenstunden arbeitet sie, der Samstag ist frei. Was hält sie von Fair Trade? "Oh, es gibt so viele gute Seiten. Ich mache jetzt einen Computerkurs und außerdem habe ich ein Haus für mich allein." Das Haus hat allerdings nichts mit der Fair-Trade-Prämie zu tun. Ein Gremium aus Arbeitern/innen und Management hat entschieden, den Fair-Trade-Gewinn für Weiterbildung zu verwenden. In Computer-, Näh- und Strickkursen hoffen seither viele auf einen Aufstieg im Arbeitsmarkt.
Ein fairer Mehrwert
Mindestens 58 Euro nimmt eine Arbeiterin im Monat mit nach Hause, bei freier Unterkunft. Das ist wenig, liegt aber deutlich über dem gesetzlichen Minimum. Ethik-Manager Samson Lukoba räumt jedoch auch ein, dass "es Bereiche gibt, wo wir uns weiter verbessern müssen, zum Beispiel beim Mutterschutz". Frauen bei Oserian erhalten 78 Tage bezahlten Mutterschaftsurlaub, das ist zwar besser als das gesetzliche Minimum von fünf Wochen, aber liegt noch unter der Fair-Trade-Forderung von mindestens drei Monaten.
Trotzdem, sogar Steve Ouma ist zufrieden, den ich nach meiner Rückkehr in Nairobi besuche. Ouma arbeitet für die kenianische Menschenrechtskommission, die seit Jahren am lautesten die erbärmlichen Arbeitsbedingungen auf den Blumenfarmen anprangert. "Man kann jetzt allgemein sagen, dass die großen Farmen bedeutende Fortschritte erzielt haben. Aber die kleinen haben noch einen weiten Weg vor sich." Ouma hält Fair Trade für ein gutes Modell, weil "es sicherstellt, dass man nur verkauft, weil man sauber ist. Es gibt dem Handel einen Mehrwert."
Ganz ehrlich: Ich mag an Rosen nur ihre Namen. Trotzdem kaufe ich gelegentlich eine, doch in Kenia habe ich gar nicht die Wahl zwischen fair und nicht fair. Denn die geprüften Farmen arbeiten nur für den Export. Aber wenn ich mal wieder in Deutschland bin und eine Rose verschenken möchte, werde ich auf jeden Fall eine fair gehandelte Aqua Baby suchen.
Judith Reker berichtet für Zeitungen und Magazine aus Ostafrika. Sie lebt in Kenia.
Fotos: © Oserian Farm, Kenya
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