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Ulrike Draesner: Spiele
Wahrheit als Fiktion
Claudia Kramatschek | 27.11.2005
Der Tod liegt in der Luft, von Anfang an. Denn für das Huhn, das sich verirrt hat in die nagelneue Münchner U-Bahn mit Ziel “Olympisches Stadion“, geht es ums nackte Überleben. Das spürt auch die 12-jährige Katja, die voller Mitleid den Todeskampf des Tieres verfolgt. Was niemand an diesem Morgen Anfang September 1972 ahnt: Dass dies erst das milde Vorspiel ist von dem Schlachthaus, als das sich die heiteren Spiele erweisen sollten.
Das Ende der heiteren Spiele
Denn am 5. September 1972 dringt ein palästinensisches Terrorkommando namens “Schwarzer September” in das Olympische Dorf ein und nimmt elf israelische Sportler in Geiselhaft. Zwei Geiseln werden gleich zu Beginn der Geiselnahme verwundet und sterben noch im Olympischen Dorf. Schließlich kommt es zu einer “Einigung“: Die verbliebenen neun Sportler sollen samt den Terroristen ausgeflogen werden. Doch auf dem Flughafen passiert eine Panne nach der anderen: Ein dilettantischer Polizeieinsatz führt dazu, dass alle neun Geiseln in einem Kugel- und Flammeninferno sterben – unter den Augen der ganzen Welt, die ihre Medien nach München entsandt hat; unter den Augen von Polizei, Ordnungsmacht und Politik.
Die große und die kleine Geschichte berühren einander
Mittlerweile, 2002, ist Katja eine erwachsene Frau von 43 Jahren und eine angesehene Fotojournalistin. Als solche bereist sie die ganze Welt, und ist doch nirgendwo richtig zu Hause. Genau das will sie nun ändern. Doch Katja ahnt, dass es Zukunft nur dort gibt, wo Vergangenheit geklärt ist. Ihr Leben aber ist verknüpft mit den Ereignissen an jenem 5. September 1972. In diesem Sommer war sie verliebt in Max. Und Max ging zur Polizei – und hat seinen ersten Einsatz ausgerechnet in dem missglückten Befreiungsversuch der Geiseln. Also fährt Katja nach München zurück, um herauszufinden was damals wirklich geschehen ist.
Da sich also die große und die kleine Geschichte in diesem Roman berühren, erzählt der Roman gleich zweimal von diesem 5. September: einmal aus der Sicht der jungen Katja, die im Fernsehen verfolgt, was passiert; einmal aus der Sicht der erwachsenen Katja, die sich auf Recherche begibt und wie ein Puzzle aus Quellen und Akten, Fernsehdokumentationen und Zeugenaussagen die “Fakten“ zusammenträgt. Doch am Ende hat Katja allein eines gefunden: eine neue Liebe. Denn Wahrheit, so macht Ulrike Draesner deutlich, die gibt es in diesem Fall nicht, sondern nur einzelne Versionen. Also einzelne Erzählungen der Ereignisse, die gefärbt sind vom Interesse der Person, die sie erzählt.
Gesellschaftspanorama
“Spiele” will also nicht erklären, was damals passiert ist. Sondern diese unterschiedlichen Sichtweisen zeigen. Was Draesner an dem Attentat interessiert, ist das gesellschaftliche Klima in Deutschland, das es mit ermöglicht hat: allem voran die politische Naivität einer immer noch ungeübten Demokratie, die zudem ihre Nazivergangenheit mit aller Macht abzustreifen suchte. Gerade deshalb spukt auch der Geist von Olympia 1936 durch den Roman, wie übrigens auch am anderen Ende der zeitlichen Klammer der 11. September 2001 – eine Zahlenmystik, die nicht wirklich überzeugt. Dennoch ist “Spiele” so spannend wie ein Film, den wir selbst aus den vielen Versatzstücken, die Draesner aus realen Quellen zusammengetragen hat, zusammensetzen. Dass dabei auch so manche Verschwörungstheorie zur Sprache kommt, sei dem Roman ebenso verziehen wie das etwas dick aufgetragene Happy End im Leben der weiblichen Hauptfigur.
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Ulrike Draesner: Spiele
(Luchterhand Verlag 2005, 21.90 €)
Claudia Kramatschek lebt als Literaturkritikerin in Berlin.
www.draesner.de
Die Website von Ulrike Draesner
http://de.wikipedia.org
Wikipedia-Eintrag zum Olympia-Attentat