Wenn über die Krawalle diskutiert wird, heißt es meist lapidar, es seien Zuwandererkinder. Reicht das als Begründung?
Es liegt an der städtebaulichen und sozio-ökonomischen Situation in den französischen Banlieues. Die Tatsache, dass es junge Zuwanderer sind, ist kein Grund - im Gegenteil: Zuwanderer sind in der Regel leistungs- und aufstiegsorientiert. Gerade die jetzigen Konflikte zeigen: Sie wehren sich gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verachtung. Sie wollen Beteiligung, Gleichberechtigung und Respekt. Die Zuwanderer fühlen sich in den französischen Vororten um ihren Platz in der Gesellschaft betrogen. Es gehört schon viel Boshaftigkeit dazu, ihnen ihre Ausgrenzung auch noch als selbstverschuldet zuzuschreiben. Das gibt es so bei uns nicht.
Leistungsorientierte Zuwanderer, das klingt doch erst einmal ermutigend - aber was ist die Ursache der Gewalt?
Die Gewalt in den Banlieues hat nichts mit blinder Zerstörungswut zu tun, sondern ist ganz offensichtlich eine gezielte Botschaft. Die Kinder und Jugendlichen sitzen in den Banlieues, ohne Perspektive, ohne Arbeit - sie wollen was werden und keiner kümmert sich darum. Im Gegenteil, die letzten Hilfen wurden gestrichen und die Menschen zu Dreck erklärt. Da ist die Frage natürlich: Wie teilt man sich mit? Die Jugendlichen in Frankreich sind symbolisch aktiv geworden und haben das angegriffen, was für den Staat steht: zum einen die Polizei - also die sie diskriminierende Staatsmacht. Und zum anderen die Autos - die Symbole eines ihnen vorenthaltenen Wohlstands. Ich finde das nicht sehr erstaunlich, es ist eine Strategie, die relativ nahe liegt, um sich mitzuteilen. Endlich wehrt sich mal jemand - wenn auch auf unerfreuliche Weise.
Meinen Sie, dass Jugendliche hier in ähnlicher Weise gewalttätig werden, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen?
In Frankreich kommt erst lange niemand und dann sofort die Polizei. Bei uns gibt es viele kleine zivilgesellschaftlich arbeitende Gruppierungen, Initiativen, Vereine, Verbände. Zugegeben, die Förderung der Kompetenzen von Menschen mit Migrationshintergrund funktioniert oft nicht. Aber die jungen Leute merken: Da interessiert sich jemand für uns. Wenn Autos-Anzünden die einzige verbliebene Form der Kommunikation ist, dann ist das ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft.
Bringen sich die multikulturellen Städte wie Paris am Ende selbst um? Eine Art Urbanizid?
Das ist eine völlig absurde These. Die europäische Stadt ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie basiert auf Zuwanderung und Multikulturalität und hat sie so radikal veralltäglicht, dass man sie wie selbstverständlich handhaben kann. Unser Problem stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Architekten und Städteplaner die Amputation zum Prinzip erhoben haben: hier in Beton gegossene Wohnsilos, dort Industriezonen und wieder ganz woanders riesige Einkaufsmalls. Die Bauweise der traditionellen "Europäischen Stadt" ist ganz anders: kleinräumig, funktional gemischt, von öffentlichen Räumen durchzogen - kleine Biotope. Das bietet allen, die dort wohnen, ein großes Maß an Identifikation. Eine Segmentierung der Städte wie in den französischen Banlieues ist tödlich. Diese Betonsilos kann man eigentlich nur noch in die Luft sprengen.
Anne Haeming ist fluter-Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.
Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow ist Jahrgang 1944. Seit 1995 ist der Kultur- und Erziehungswissenschaftler an der Uni Köln. Er hat die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien gegründet und viele Bücher zum Thema veröffentlicht. "Ausgegrenzt, eingesperrt und abgeschoben. Migration und Jugendkriminalität". (Opladen 2003); "Der Umgang mit der Stadtgesellschaft. Ist die multikulturelle Stadt gescheitert oder wird sie zu einem Erfolgsmodell?" (Opladen 2002).
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