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Wut und Glut

Ausnahmezustand in Paris

14.11.2005 | Anne Haeming | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Jugendliche, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern: seit Ende Oktober Alltag in vielen französischen Vorstädten. Alles fing damit an, dass zwei junge Zuwanderer bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in einer Pariser Vorstadt ums Leben kamen. Es gab Demonstrationen, die Situation eskalierte. Seither brennen Nacht für Nacht Autos, die französische Regierung hat Notstandsgesetze verhängt. Kann so etwas auch in Deutschland passieren? Prof. Wolf-Dietrich Bukow von der Universität Köln ist Migrationsforscher und kennt sich aus mit den Problemen in deutschen Städten.

Wann kommt Paris nach Deutschland?

Man kann die französische Situation nicht so einfach auf Deutschland übertragen.

Wieso? Jugendliche ohne Perspektive - das ist doch auch bei uns keine Ausnahme.

Die Situationen sind sehr unterschiedlich. Zum einen gibt es hier sehr viel weniger junge Zuwanderer. Und vor allem haben wir hier keine Betonburgen, die mit den französischen Vorstädten zu vergleichen wären. Dort gibt es keine Läden, kaum Schulen, keine Betriebe, keine Ausbildungsplätze, keine öffentlichen Räume - nichts! Das sind künstliche Stadtteile, amputiert von allem, was man zum Leben braucht. Eine einmalige Fehlkonstruktion, die es in Deutschland so nicht gibt.

Behüteter Stadtkern, die sogenannten sozialen Brennpunkte drumherum: Ist das bei uns nicht genauso?

Wenn man sich einmal die traditionellen Zuwanderer-Quartiere in Deutschland anschaut, das Hafenviertel in Hamburg oder das Bahnhofsviertel in Frankfurt, da sieht das ganz anders aus! Da gibt es viele Nischen, kleine Betriebe, unterschiedlichste Nachbarn, viele Geschäfte, Ecken zum Reden. Wohnsilos für 30.000 bis 50.000 Menschen wie in Frankreich hat es hier nie gegeben. In Köln-Chorweiler, das oft als Vergleich dient, gibt es zwar Hochhäuser - aber daneben auch Einfamilienhäuser: Das ist alles andere als homogen.

Wenn über die Krawalle diskutiert wird, heißt es meist lapidar, es seien Zuwandererkinder. Reicht das als Begründung?

Es liegt an der städtebaulichen und sozio-ökonomischen Situation in den französischen Banlieues. Die Tatsache, dass es junge Zuwanderer sind, ist kein Grund - im Gegenteil: Zuwanderer sind in der Regel leistungs- und aufstiegsorientiert. Gerade die jetzigen Konflikte zeigen: Sie wehren sich gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verachtung. Sie wollen Beteiligung, Gleichberechtigung und Respekt. Die Zuwanderer fühlen sich in den französischen Vororten um ihren Platz in der Gesellschaft betrogen. Es gehört schon viel Boshaftigkeit dazu, ihnen ihre Ausgrenzung auch noch als selbstverschuldet zuzuschreiben. Das gibt es so bei uns nicht.

Leistungsorientierte Zuwanderer, das klingt doch erst einmal ermutigend - aber was ist die Ursache der Gewalt?

Die Gewalt in den Banlieues hat nichts mit blinder Zerstörungswut zu tun, sondern ist ganz offensichtlich eine gezielte Botschaft. Die Kinder und Jugendlichen sitzen in den Banlieues, ohne Perspektive, ohne Arbeit - sie wollen was werden und keiner kümmert sich darum. Im Gegenteil, die letzten Hilfen wurden gestrichen und die Menschen zu Dreck erklärt. Da ist die Frage natürlich: Wie teilt man sich mit? Die Jugendlichen in Frankreich sind symbolisch aktiv geworden und haben das angegriffen, was für den Staat steht: zum einen die Polizei - also die sie diskriminierende Staatsmacht. Und zum anderen die Autos - die Symbole eines ihnen vorenthaltenen Wohlstands. Ich finde das nicht sehr erstaunlich, es ist eine Strategie, die relativ nahe liegt, um sich mitzuteilen. Endlich wehrt sich mal jemand - wenn auch auf unerfreuliche Weise.

Meinen Sie, dass Jugendliche hier in ähnlicher Weise gewalttätig werden, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen?

In Frankreich kommt erst lange niemand und dann sofort die Polizei. Bei uns gibt es viele kleine zivilgesellschaftlich arbeitende Gruppierungen, Initiativen, Vereine, Verbände. Zugegeben, die Förderung der Kompetenzen von Menschen mit Migrationshintergrund funktioniert oft nicht. Aber die jungen Leute merken: Da interessiert sich jemand für uns. Wenn Autos-Anzünden die einzige verbliebene Form der Kommunikation ist, dann ist das ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft.

Bringen sich die multikulturellen Städte wie Paris am Ende selbst um? Eine Art Urbanizid?

Das ist eine völlig absurde These. Die europäische Stadt ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie basiert auf Zuwanderung und Multikulturalität und hat sie so radikal veralltäglicht, dass man sie wie selbstverständlich handhaben kann. Unser Problem stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Architekten und Städteplaner die Amputation zum Prinzip erhoben haben: hier in Beton gegossene Wohnsilos, dort Industriezonen und wieder ganz woanders riesige Einkaufsmalls. Die Bauweise der traditionellen "Europäischen Stadt" ist ganz anders: kleinräumig, funktional gemischt, von öffentlichen Räumen durchzogen - kleine Biotope. Das bietet allen, die dort wohnen, ein großes Maß an Identifikation. Eine Segmentierung der Städte wie in den französischen Banlieues ist tödlich. Diese Betonsilos kann man eigentlich nur noch in die Luft sprengen.

Anne Haeming ist fluter-Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.

 

Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow ist Jahrgang 1944. Seit 1995 ist der Kultur- und Erziehungswissenschaftler an der Uni Köln. Er hat die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien gegründet und viele Bücher zum Thema veröffentlicht. "Ausgegrenzt, eingesperrt und abgeschoben. Migration und Jugendkriminalität". (Opladen 2003); "Der Umgang mit der Stadtgesellschaft. Ist die multikulturelle Stadt gescheitert oder wird sie zu einem Erfolgsmodell?" (Opladen 2002).



www.bamf.de
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

www.brandeins.de
Artikel über den Berliner Rapper Sido, der die deutsche Version der französischen Verhältnisse betextet.

www.parisbanlieue.blog
Weblog der französischen Tageszeitung "Le Monde" zum Thema




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