“Ein Tag im Leben“ hieß der Geschichtenwettbewerb zur Zukunft Europas (ausgeschrieben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, durchgeführt vom “Centrum für angewandte Politikforschung“). Die vielen entstandenen Texte können jetzt auf einer Extra-Website eingesehen werden. Hier ein Beitrag von Esther Klung, die für uns auch schon im November 2003 von den Studentenprotesten berichtete:
Maria saß im Schneidersitz auf dem Boden und wühlte gedankenverloren in der Kiste, in der ihre Erinnerungen lagen. Heute war ihr 28. Geburtstag. Sie nahm einen zusammengefalteten Ausdruck in die Hände. “Wie ich mir Europa im Jahre 2015 vorstelle“ stand darauf. Sie erinnerte sich. Vor über zehn Jahren hatte sie mit ihrer Klasse an einem Geschichtenwettbewerb teilgenommen. “Einsendschluss für alle Beiträge ist der 23. April 2004“, las sie – so lange war das her.
Sie wunderte sich über die Ideen, die sie und die anderen damals gehabt hatten: sprechende Fahrstühle, Kinoverdrossenheit, dafür Rückbesinnung auf alte Künste wie Theater und Ballet, die Erfindung einer Universalsprache. Nichts davon war eingetreten. Eine der Lieblingsbeschäftigungen von jungen Menschen war es immer noch, mit einer Tüte Popcorn im Kino zu sitzen und zwei oder mehr Stunden die Welt draußen zu vergessen. Sie wusste noch: Ein Teilnehmer hatte eine neue Klassengesellschaft heraufbeschworen und durch
Berlin wieder eine Mauer gezogen – diesmal eine unsichtbare. Blinde wurden in diesen Geschichten sehend, Taube konnten wieder hören, Lernbehinderte lernten mit Hilfe einer Diode in der Schädeldecke. Maria lächelte und dachte an den kleinen Sohn ihrer Schwester. Daran, dass er lange Zeit nicht hatte sprechen können, erinnerte nur noch eine winzige, schmale Narbe an seinem Hinterkopf. Kinder gingen auf multikulturelle Schulen. Sie hatten jedes Jahr in einem anderen Land Unterricht und sahen ihre Familien nur an Weihnachten. So sollten Deutsche, Franzosen und Türken zu Europäern erzogen werden.
Auf der Rückseite der Wettbewerbsausschreibung fand sie eine Notiz. Damals hatte sie einen Gedanken besonders interessant gefunden: “Fremdsprache ist eigentlich ein lustiges Wort, dachte Jan. Bevor man eine neue Sprache lernt, hat man sie doch schon oft genug in Radio, Fernsehen oder auf der Straße gehört. Wie konnte sie da noch fremd sein?“ Fremdsprache hieß im zukünftigen Europa, zumindest in der Vision von Daniel Blum, “Neusprache“.
Menschen wurden geklont, um die Perfektion zu erlangen. Mit 17 studierten die Jugendlichen, mit 19 gingen sie in die Forschung und entwickelten ein Mittel gegen AIDS. Das Mittel gegen AIDS gab es jetzt seit zwei Jahren. Ein belgischer Wissenschaftler hatte es kurz vor seinem Ruhestand entdeckt. Jeder Europäer musste sich einmal im Jahr eine Vorsorgeimpfung verabreichen lassen. Maria fiel ein, dass sie dieses Jahr noch nicht beim Arzt gewesen war. Prager Wettbewerbsteilnehmer waren pessimistisch, was den europäischen Umweltschutz betraf, und ließen Bratislava in Abgaswolken verschwinden.
Auch Amerika war in einem Text das Thema. Hillary Clinton war Präsidentin und sah sich einer schwierigen Lage gegenüber. In den Großstädten kam es zu blutigen Massendemonstrationen gegen die US-Einwanderungspolitik. Clinton musste zugestehen, dass Europa den USA in der Einwanderungsfrage und anderen Dingen weit voraus war. Maria faltete den Wettbewerbsausdruck wieder zusammen. In Amerika hatte es immer noch keinen weiblichen Präsidenten gegeben, dafür war im letzten Jahr der erste schwarze gewählt worden. Vorsichtig hob sie aus der Kiste ein zerlesenes Exemplar von “Der kleine Prinz“.
Sie hatte es sich gekauft, nachdem sie einen der Beiträge des Wettbewerbs mit besonderem Interesse gelesen hatte. Der kleine Prinz war darin im Jahr 2020 auf die Erde zurückgekehrt und tauchte in drei völlig unterschiedliche Szenarien ein. Einmal fand er ein perfektes, harmonisches Europa vor. Alternative Energien sorgten für eine saubere, blühende Umwelt. Er traf glückliche Bäume, redete mit frei lebenden Tieren und wünschte sich nichts mehr, als in diesem Europa leben zu können. Im zweiten Szenario war Europa nicht viel anders, als man es im Jahr 2004 kannte, dafür lernte der kleine Prinz jedoch viel über damals aktuelle politische Begriffe und die Entwicklung der EU.
Drittens und letztens fand er sich in einer Welt wieder, in der die EU zerfallen ist, überall Grenzen errichtet wurden und es zwischen den Staaten keinerlei Kontakt, nicht einmal mehr Handel gab. Maria war tief bewegt gewesen, vor allem, weil am Ende der Freund des kleinen Prinzen an S.A.R.S gestorben war. Sie erinnerte sich, in den letzten Jahren war diese Krankheit an den verschiedensten Orten der Welt immer mal wieder aufgetaucht, hatte Hunderte oder gar Tausende von Menschen dahingerafft und war dann einfach wieder verschwunden.
Natürlich gab es noch viele weitere Ideen, aber Maria konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sie selbst hatte eine Gesellschaft erdacht, in der alle friedlich miteinander lebten. In der die Menschen sich endlich verstanden und liebten, ohne ständig Forderungen zu stellen. Natürlich kam alles ganz anders. Maria wusste jetzt, dass keine Vision so schrecklich und kein Wunsch so schön wie die Realität sein konnte. Das neue Europa war die schlafende, schöne Bestie geworden.
Maria sah sich um. Im Fernseher, den sie auf stumm geschaltet hatte, flimmerten Bilder irgendeines Bürgerkrieges über den Schirm. Maria fiel nicht ein, wie das Land hieß. Alles, was außerhalb von Europa lag, verdrängten die Menschen schnell aus ihrem Bewusstsein. Das Radio plärrte deutsche Volkslieder. Je größer Europa geworden war, desto kleiner schien der eigene Horizont zu werden. Die Staaten besannen sich auf alte Werte, Traditionen und ihre eigene Individualität zurück. Natürlich konnte man jetzt überall auf der Welt studieren, arbeiten, leben – aber wer wollte das schon?
Die EU-Bürger tolerierten sich untereinander. Dennoch kam es immer wieder zu Spannungen, die schnell wieder vergessen wurden, wenn man nach außen hin Stärke und Geschlossenheit vermitteln musste. Aber das geschah selten, denn Europa war mittlerweile zur einzig verbliebenen Weltmacht aufgestiegen und konnte tun und lassen, was es wollte. Es war wie ein Kind, das langsam begriff, welche Macht es über die Erwachsenen hatte, diese Macht aber noch nicht zu nutzen wusste. Irgendwann aber würde es anfangen zu schreien und um sich zu treten, wenn es seinen Willen nicht sofort bekam. Europa lag im Mittagsschlaf, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis es aufwachen würde.Maria stellte die Kiste zurück in den Schrank. Gerne würde sie die Zeit wieder zurückdrehen und von einem zukünftigen Europa träumen, das schön und aufregend werden würde ...
Esther Klung ist 23 und studiert an der Humboldt Universität in Berlin.
www.szenarien.fgje.de/texte/alt/11.htm
Hier findest du mehr Wettbewerbsbeiträge
www.cap.uni-muenchen.de/fgj/index.htm
Das "Centrum für angewandte Politikforschung" in München
www.bmfsfj.de
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
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