In diesem Frühjahr sind gleich zwei großartige Comics erschienen, die sich ernsthaft mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinander setzen. In "Persepolis" berichtet die in Paris lebende Zeichnerin Marjane Satrapi von ihrer Kindheit im Iran - Persepolis war eine sagenhafte antike Hauptstadt im ehemaligen Persien, 330 vor Christus auf Befehl Alexanders des Großen niedergebrannt. Satrapi, 1969 geboren, stammt aus einem offenen, westlich eingestellten Teheraner Elternhaus. Was sie erzählt, hat sie selber beobachtet. 1979 kam es zur Revolution und zum Sturz der Monarchie. Der Schah musste fliehen. Die Hoffnung auf Frieden und Meinungsfreiheit im Iran erfüllte sich aber nicht: Eine islamische Regierung kam an die Macht, die mit Gewalt gegen Oppositionelle vorging. Später kam es sogar zum Krieg mit dem Nachbarland Irak.
Ein Krieg kommt näher
Satrapi schildert diese Zeit mit den Augen des Kindes, das sie damals war. Die Erzählerin scheint uns vertraut: ein ganz normales Kind mit alterstypischen Wünschen. Sie mag Popmusik, trägt Nike-Turnschuhe und eine Jeansjacke mit einem Michael-Jackson-Sticker. Dass Marji im Orient lebt, bemerkt man grad mal an den Äußerlichkeiten: In der Schule muss sie ein Kopftuch tragen. Nach der Revolution dann werden die Gesetze strenger, die Gebräuche ändern sich - aber die Menschen bleiben dieselben. Als der Krieg näher rückt und in Teheran die ersten Raketen einschlagen, entschließen sich die Eltern, sie auf eine Schule in Europa zu schicken. Mit einer schmerzhaften Abschiedszene endet dieser märchenhaft erzählte Schwarz-Weiß-Comic.
Seine Bilder und Geschichten machen deutlich, warum der Hass zwischen den Israelis und den Palästinensern weiter wächst und sich die beiden Gruppen bis heute so unversöhnlich gegenüberstehen. Ein Leben, in dem der Ausnahmezustand zur Normalität geworden ist. Mit seiner Mischung aus Reportageelementen und einer dichten Bildsprache ist das vor acht Jahren mit dem "American Book Award" ausgezeichnete "Palästina" - mit einem Vorwort des Orientalismus-Forschers Edward Said - ein sehr bewegendes Buch.
"Palästina" und "Persepolis" erlauben dem Leser persönliche Einblicke in das Leben ferner und fremder Länder. Beide Werke zählen zu den außergewöhnlichsten Comicbüchern der letzten Jahre und beweisen eindrucksvoll, wie viele künstlerische und erzählerische Ausdrucksformen die Comicliteratur bereithält.
Marjane Satrapi: Persepolis (Edition Moderne 2004, 22 €)
Persepolis ist auf vier Bände ausgelegt. Der erste Band ist schon erschienen, bereits vergriffen und wird diese Tage nachgedruckt; der zweite Band kommt im Dezember 2004.
Joe Sacco: Palästina (Zweitausendeins Verlag 2004, 17.90 €)
Weiterlesen:
Informationen zur politischen Bildung, Heft 278: Israel (gratis zu bestellen unter www.bpb.de, über "Suche" oder "Publikationen")
Aus Politik und Zeitgeschichte: Iran / Aus Politik und Zeitgeschichte: Der Islam (als pdf oder gratis zu bestellen unter www.bpb.de, über "Suche" oder "Publikationen")
Marc Degens ist 33 Jahre alt und lebt als Autor in Berlin.
Artwork / Illustration: Marjane Satrapi & Joe Sacco
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