
Die amerikanische Künstlergruppe "Critical Art Ensemble" kritisiert mit ihren Projekten seit den späten 1990er Jahren Entwicklungen in der Biotechnologie. Claire Pentecost, Mitglied von "Critical Art Ensemble", war Anfang Februar in Berlin, wo sie einen Vortrag über genmanipulierte Lebensmittel und die Monopolbildung der verantwortlichen Konzerne hielt. fluter.de hat mit der Künstlerin Claire Pentecost gesprochen.
Frau Pentecost, wie sind Sie dazu gekommen, sich mit den sozialen und politischen Implikationen von Biotechnologie zu beschäftigen?
Als Künstlerin habe ich mich schon immer mit den Institutionen und Strukturen beschäftigt, die unser Verhältnis zur Natur bestimmen. Ungefähr 1997 habe ich angefangen, mich mit Biotechnologie zu befassen und stellte fest, dass sich durch deren Anwendung unser Verhältnis zu dem, was wir Natur nennen, dramatisch verändern würde.
Wurde die Einführung von genetisch manipulierten Lebensmitteln öffentlich diskutiert?
Nein. Die "US Food and Drug Administration" hatte dies entschieden. Ungefähr 1998 kam das Thema in die Öffentlichkeit, weil in den Zeitungen stand, dass Europa und Japan unsere Saatgut-Exporte verweigerten. Sie wollten keine genmanipulierten Produkte. Für mich war es fast eine Offenbarung. Ich hatte nie über Essen und Landwirtschaft als Natur nachgedacht. In der öffentlichen Vorstellung hat das Lebensmittelgeschäft nichts mit Natur zu tun. Natur wird als etwas zeitloses und unveränderliches verstanden. Ich denke, es liegt an dieser Trennung, an der Abwesenheit von Natur, die es uns ermöglicht, all diese Pestizide in unserem Essen zu ignorieren.
Vor wenigen Tagen ging Ihr Datenbankprojekt "Visible Food" online, mit dem Sie Konsumenten aufklären möchten. Welche Informationen stellt "Visible Food" vor?
Die Datenbank ist dazu da, die Netzwerke zwischen Supermarktketten, Herstellern und Biotechnologie aufzuzeigen. Ich möchte sichtbar machen, wie Bauern und Arbeiter durch den Handel mit genmanipulierten Grundstoffen beeinträchtigt werden, welche Umweltbelastungen entstehen und wie hoch der Energieverbrauch ist. Die Lebensmittelindustrie ist eines der besten Beispiele dafür, wie groß der Einfluss des globalen Handels auf die Menschen vor Ort ist.
Hängt der hohe Energieverbrauch bei der Lebensmittelproduktion mit dem Einsatz von Biotechnologie zusammen?
Nein. Energie wird schon bei der Herstellung von Düngemittel, Unkrautbekämpfungsmittel und antiseptischen Mitteln verbraucht. Auswirkung der Biotechnologie ist es, dass die internationalen Konzerne immer mehr Kontrolle bekommen. Sie versuchen sogar über die Gene von Pflanzen zu bestimmen. Die Biotechnologie erhöht die Abhängigkeit der Bauern. Die sind plötzlich so etwas wie die Angestellten großer Konzerne, ihnen gehört nicht einmal mehr das Saatgut, sie sind nur Lizenznehmer.
Was bedeutet das?
Das technologische Know-how wandert aus den Köpfen der Bauern in transnationale Konzernlabore und Rechtsanwaltkanzleien. So gibt es immer weniger Saatsorten und immer weniger Pflanzenarten. Wir Verbraucher haben nicht mehr die Wahl, zu essen und dafür zu bezahlen, was wir wollen.
Wie können die Verbraucher also zu politischen Konsumenten werden?
In den USA gibt es eine alarmierende Zunahme von Fettleibigkeit. Schuld daran sind schlechte Essgewohnheiten und hohe Fett- und Zuckergehalte in vielen Fertiggerichten. Die Lebensmittelindustrie verlässt sich bei der Herstellung von billigen Lebensmitteln genau auf diese Zutaten. Davon werden die Leute krank und leiden an Diabetes und Herzproblemen. In letzter Zeit habe ich aber festgestellt, dass insbesondere junge Leute aufpassen, was sie einkaufen. Sie nutzen die Chance, sich von der Lebensmittelindustrie unabhängig zu machen.
Wie machen sie das?
Sie kaufen Bioprodukte. Es gibt auch alternative Lebensmittelsysteme, wie "community supported agriculture", dabei unterstützt man einen Bauern in seiner Region. Die Idee kommt aus Japan. Man schließt also ein "Abo" mit einem Bauern ab und bekommt wöchentlich eine Kiste mit Obst und Gemüse geliefert. Auf der anderen Seite gibt man dem Bauern Sicherheit.
Vera Tollmann lebt als freie Autorin in Berlin.
Foto: "Free Range Grain Project - Installation View"
© Critical Art Ensemble
www.visiblefood.org
Datenbank "Visible Food" (im Aufbau)
www.critical-art.net
Website der Künstlergruppe Critical Art Ensemble
www.who.int
Website der Weltgesundheitsorganisation
www.vshiva.net
Website des Instituts "Research Foundation for Science, Technology and Ecology" in Neu Delhi, das sich mit nachhaltiger Landwirtschaft und Biodiversität in Indien beschäftigt und Kampagnen durchführt.
www.transmediale.de
Claire Pentecost war Konferenzteilnehmerin bei dem Berliner Medienkunstfestival transmediale.
Kommentare
Dein Kommentar