Kribbelkrabbel. Das war vor der Friteuse. Gebraten schmecken braune Seidenspinnerraupen, die jetzt mit kleinen, krustigen Beinchen nach oben gestreckt im Edel-Restaurant im südchinesischen Guangzhou auf einem runden Holzteller liegen, leicht und kross - halb nach Mandel, halb nach zartem Meerestier. Einigen Europäern wird dennoch fade bei dem Gedanken, was sie im Schlund gerade herunterdrücken.
Dabei müssen immer mehr Menschen auf der Erde in Zukunft mit immer mehr und vor allem billigerem Essen versorgt werden. Die Lebensmitteltechnologie setzt deshalb auf Fleisch- und Fischimitate, die das teure Eiweiß ersetzen sollen. In den Salzseen Kaliforniens herrscht ein unendlicher Reichtum an Fliegen. Die Tiere gedeihen am Wasser prächtig, bis auf Möwen gibt es kaum Feinde. Jäger sammeln die Tiere mit Netzen. Getrocknet, zu Pulver gemahlen und mit Ei als Bindemittel vermengt werden sie zu schwarzen Würstchen gerollt. Wurst aus Wirbellosen - die Nahrung von morgen?
Burger aus Leuchtkrebsen?
In Forschungslaboren wird der Nährwert von Insekten untersucht. Ein Problem ist der Chitinpanzer der meisten Insekten, für den Menschen unverdaulich. Die Ausbeute an wertvollen Nährstoffen fällt daher relativ gering aus. Geschält sind Insekten durchaus eine Alternative: Gerade als Ergänzung zu pflanzlicher Nahrung liefern sie Bausteine, die bei rein vegetarischer Ernährung fehlen würden. Larven und Maden, haben dazu einen hohen Fettanteil.
Eine andere Hoffnung birgt die Antarktis: Krill, Kleinstkrebse in unvorstellbaren Mengen, geschätzt etwa auf 150 Millionen Tonnen - bei uns nur als Fischflocken bekannt. Davon ernähren sich immerhin auch Wale, Pinguine, Robben - die Kleinst-Krustentiere sind reich an Eiweiß, Eisen, Phosphor, Kalzium und Omega-3-Fettsäuren. Klingt gesund. Liegen also demnächst auch in unsern Tiefkühlregalen Burger und Buletten aus zartrosa Mini-Leuchtkrebsen?
Der Trend geht zum frischen, abgepackten, gesunden Essen, zum "Grasen", sagt die australische Lebensmittelforscherin Dr. Katrine Baghurst, zu vielen, kleinen Mahlzeiten nebenbei, aber auch zum "schuldlosen Snack". Auf der Kölner Süßwarenmesse 2005 wurden japanische Algenchips mit Sesam, Kürbis, Spinat und Karotte serviert, Zwieback mit Kalzium, Öko-Zuckerwatte und Müsli-Kekse als zweites Frühstückchen. Fettes, schien es, ist plötzlich nicht mehr fett, und Süßes nicht mehr süß. Aloe-Vera-Kekse und Weightwatcher-Muffins bedienen eine neue riesige Zielgruppe, die der "worried well", der besorgten Gesunden.
In Japan wurde schon vor fünf Jahren für Frauen, die lange an Computerbildschirmen arbeiten, eine Blaubeerbuttermilch mit Anthozyanin entwickelt - "Büromäuse"-Saft also. Denn Anthozyanin verbessert die Funktion der Netzhäute. Außerdem kam "Cacao no megumi" auf den Markt, eine Schokolade mit Polyphenol, eine Säure, die in Rotweinen vorkommt und offenbar Herz- und Kreislaufbeschwerden vorbeugt - aber auch ein Schönheitsdrink mit Zitrone, Vitamin E, B6 und Collagen.
Ist der probiotische Joghurt wirklich besser?
Essen als Medizin boomt. Amerikaner streichen sich Spezialfett, das den Cholesterinspiegel senkt, den Butterersatz "Take Control", aufs Brot. Viele Engländerinnen essen das Hormonbrot "Lady Laib" mit Phytoöstrogenen. Es enthält pflanzliche Stoffen, die dem weiblichen Hormon Östrogen ähnlich sind. Griffbereiter und gleichzeitig gesünder soll das Essen sein.
"Wir essen zu viel und zu viel vom Verkehrten. Wir leiden Mangel trotz voller Teller", schreibt Richard Fuchs in "Functional Food". "Hinter dem neuen Label verbirgt sich oft genug alte Industriekost mit neuem Make-up." Auf die Summe, nicht nur die Teile der Nahrung komme es an. "Auch ein probiotischer Joghurt kann der Konkurrenz eines traditionellen Öko-Joghurts kaum standhalten. Und Roggenvollkornbrot ist er schon gar nicht gewachsen, wenn es um die probiotische Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt geht."
Dennoch: Schon in zehn Jahren, schätzt die Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe, wird die Hälfte aller Lebensmittel hier zu Lande als Functional Food vermarket. Dabei zählt nicht nur die Produktidee, sondern auch eine griffige Marketingstory, mit der der Verbraucher etwa verstehen soll, warum er plötzlich Fischöl im Fruchtdrink schlucken und bald in kulinarisch neue Galaxien aufbrechen soll - mit einer Fliegenwurst in der Hand.
Viola Keeve schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Köln.
Fotos: ©Ole Brömme
Was essen wir morgen? 13 Food Trends der Zukunft
Hanni Rützler, 250 Seiten, Springer, Wien, November 2004, 25 Euro.
Mood Food, Slow Food oder Junk Food - Österreichs Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler spürt die wichtigsten Trends auf und entdeckt dabei: Du bist, was du isst.
Richard Fuchs: Functional Food.
Medikamente in Lebensmitteln. Chancen und Risiken. Verlag Gesundheit, 1999.
208 Seiten, 11, 60 Euro.
Nicht mehr topaktuell, aber immer noch eine kritische, gut recherchierte Hilfe im Nährstoff-Dschungel.
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