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Fairer essen
Welcher Kakao darf nach Europa?
Sandra Schmid | 7.2.2005
Jeder will gesund essen, deshalb gibt es Standards für sichere Nahrungsmittel. Manchmal aber stürzen diese Regeln Bauern und Händler in Afrika oder Lateinamerika in die Krise, weil ihr Kaffee, ihr Kakao, ihre Bananen nicht mehr nach Europa dürfen. fluter hat mit Klaus Schilder von Weed über den Konflikt zwischen Verbraucherschutz und Entwicklungshilfe gesprochen. Die Nichtregierungsorganisation Weed kümmert sich seit über zehn Jahren um Fragen der Weltwirtschaft und des Umweltschutzes.
Herr Schilder, sagen wir, ich bin Händler in Nicaragua, meine Ware ist zum Beispiel Kaffee, kann ich den einfach nach Deutschland oder nach Europa exportieren?
Nein, das könnten Sie nicht so einfach, sie müssten in jedem Fall die gesundheitspolizeilichen Richtlinien des jeweiligen Einfuhrlandes oder der Europäischen Union (EU) beachten. Grundsätzlich werden Standards für die Einfuhr von Nahrungsmitteln auf der nationalen und der europäischen Ebene gesetzt.
An welche Standards muss ich mich als Händler halten? Was wird geprüft und kontrolliert?
Nun ja, es gibt das berühmte Beispiel der EU-Banane, die eine bestimmte Länge und einen definierten Krümmungsradius haben soll - das ist natürlich eine Karikatur, zeigt aber, wie genau Lebensmittel reguliert sind. Im Fall der Banane könnten afrikanische Händler ihre Ausfuhren nach Europa jährlich um 400 Millionen Dollar steigern, wenn sie nicht strenge Vorgaben erfüllen müssten. Das ist nur ein Beispiel für solche Standards. Es gibt auch eine ganze Reihe von gesundheitlichen Richtlinien, die die EU festsetzt. Sie betreffen Inhaltsstoffe, die Belastung mit Pestiziden oder mit Düngungsmittelrückständen.
Nun ist das Bananenbeispiel eines, über das sich jeder lustig macht, weil es so sinnlos erscheint - grundsätzlich aber sind doch für uns Verbraucher solche Richtlinien eine gute Sache, weil sie uns schützen sollen.
Das ist richtig, aber ich möchte ein anderes Beispiel nennen, damit klar wird, wo Probleme entstehen können: Die Europäische Union hat 2001 eine neue Schokoladen-Richtlinie erlassen. Diese Richtlinie befasst sich mit den Standards bei der Schokoladenherstellung.
Der Effekt dieser Richtlinie ist nun, dass Kakao produzierende Länder wie beispielsweise Ghana in Afrika mit einer Exporteinbuße in Höhe von 20 Prozent rechnen müssen. Die Richtlinie erlaubt künftig neben dem Inhaltstoff Kakaobutter auch andere pflanzliche Fette in der Produktion. Dadurch können mehr Anbieter auf den europäischen Markt strömen, Ghana bekommt mehr Konkurrenz, die Exporte sinken entsprechend.
Aber das ist eigentlich kein Beispiel dafür, dass ein Land die europäischen Standards bei der Herstellung eines Lebensmittels nicht erfüllt hat - im Fall der Schokoladen-Richtlinie war es die Konkurrenz, die die neuen Standards erzeugt hat und die für Ghana schädlich war.
Ja schon, aber dieser Fall zeigt das Spektrum von Standards. Es zeigt auch die Widersprüchlichkeit der Standards, weil man eben nicht immer sagen kann: Gesundheitsstandards - oder Importstandards allgemein - sind im Interesse der europäischen Verbraucher! Oftmals sind sie im Interesse der europäischen Industrie, die sich dadurch vor Konkurrenten schützen möchte. Andere Fette als Kakaobutter kann man nämlich auch in Europa produzieren.
Soll man deshalb die Standards abschaffen?
Ich denke, man muss in jedem Einzelfall abwägen, was sinnvoll ist. Ein anders Beispiel: Die Einfuhr der Kava-Kava-Wurzel nach Europa, die für die Herstellung von homöopathischen Arzneimitteln verwendet wird, ist auf Betreiben des deutschen Instituts für Arzneimittel 2002 gestoppt worden. Hintergrund war, dass bestimmte klinische Untersuchungen den Verdacht auf eine lebertoxische Wirkung nahe gelegt hatten. Recherchen unabhängiger Institute haben jedoch festgestellt, dass die Untersuchungen ein rein zufälliges Ergebnis gebracht hatten. Es bestand nie eine gesundheitliche Gefahr.
Welche Auswirkungen hatte der Einfuhr-Stopp?
Große! Man muss wissen, dass Kava-Kava in der Pazifikregion ein wichtiges Exportprodukt ist. Kava-Kava ist für einen Umsatz von 200 Millionen Dollar im Jahr verantwortlich. Die Untersuchungen jedoch, die überprüfen sollten, ob die Wurzel wirklich eine toxische Wirkung hat, haben sich über zwei Jahre hingestreckt - bis also das Importverbot in die EU für Kava-Kava wieder aufgehoben wurde, ist viel Zeit vergangen. Zeit, die viele Kleinbauern in den pazifischen Ländern aber nicht überbrücken können, weil sie buchstäblich von der Hand in den Mund leben. Nur mit dem Verkauf einer Ernte können sie die notwendigen Investitionen für das nächste Jahr tätigen. Bricht der Export also auch nur für ein Jahr zusammen, dann sind sie bankrott und müssen aufgeben.
Wieso passen sich nicht die Länder, die in die EU exportieren, den Standards einfach an?
Die Kosten sind für die Entwicklungsländer sehr hoch. Es kostet viel Geld, die Kontrollen der Lebensmittelqualität so anzuheben, dass sie unsere Standards erfüllen können. Die Weltbank hat errechnet, dass im Fall einiger afrikanischer Länder die Kosten zur Erfüllung unserer Standards bei 44 Prozent der Produktionskosten liegen. Für einige Produkte bedeutet das, dass ungefähr ein Viertel der gesamten Produktionskosten allein für die Anpassung an die Standards draufgehen würde. Das ist viel Geld. Bei der Konkurrenz auf dem Weltmarkt führt das dazu, dass solche Länder ganz schnell aus dem Rennen sind.
Prüft die Europäische Union denn, ob ihre Standards den Entwicklungsländern schaden?
Doch schon, aber meiner Meinung nach noch nicht in ausreichendem Maße. Es kommt immer wieder vor, dass die EU neue Standards erlässt - ob nun sinnvoll oder nicht -, ohne sich um die Folgen in den Entwicklungsländern zu kümmern. Da stößt der Verbraucherschutz in Europa mit entwicklungspolitischen Interessen zusammen.
Was kann die Europäische Union tun, um den Entwicklungsländern zu helfen?
Die EU könnte sich dafür einsetzen, dass Entwicklungsländer stärker am Zustandekommen von Standards beteiligt werden - denn erst wenn sie mitreden können, dann können sie auf mögliche Probleme hinweisen und auch mitentscheiden.
Sandra Schmid ist bpb-Volontärin.
Foto: "Klaus Schilder" / © Weed
www.weed-online.org
World Economy, Ecology & Development: Informationen und Texte zu Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklungspolitik
www2.weed-online.org/eu
"Mit einer Serie von gemeinsamen Aktivitäten wollen terre des hommes und WEED die Debatte über eine Reform der Nord-Süd-Politik der Europäischen Union voranbringen."
www.bpb.de/Entwicklungspolitik_der_Bundesrepublik_Deutschland
Kompakter Einblick in die Entwicklungspolitik der Bundesrepublik Deutschland: Organisation, Leistungen, Konzepte und Einstellung der Bürger. Mit ausführlicher Statistik
www.bpb.de/Glossar_Verbraucherschutz
Ein Glossar zum Verbraucherschutz der Europäischen Union