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Sarah Diehl (Hg.): Brüste kriegen

Pubertätsgeschichten

6.2.2005 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Francoise Cactus, Schriftstellerin und Sängerin bei Stereo Total, veranstaltet zu ihrem Geburtstag gern Mottoparties: “Besonders lustig war die Jungs-Mädchen-Party“, erzählt die Französin in ihrem unnachahmlichen Akzent und stuppst sich die dicke Brille auf die Nase zurück, “da mussten diese ganzen Machos in Mädchenklamotten rumlaufen“. An der Bar klemmten dann die Typen in ihrer coolen Lächerlichkeit, mit Röckchen und Stachelbeinen. Also wirklich, nicht einmal die Beine rasieren können sich die!

Weichgezeichnete "Mädchenblüte"

Francoise Cactus und viele andere mehr oder minder junge Szene-Mädchen schreiben in Sarah Diehls “Brüste kriegen“ über ihre Pubertät. Eine Zeit, die bei Marcel Proust “Im Schatten junger Mädchenblüte“ heißt und die unzählige – männliche - Dichter, Maler und Fotografen zu brünstigen Werken verführte. Man denke nur an David Hamiltons “Bilitis“: Mit Weichzeichner vor der Kamera fotografierte und filmte der Franzose ganz junge Mädchen, die sich mitunter gegenseitig streichelten - sonst passierte eigentlich nichts. Als “Fotokunst“ hielten die leicht pädophilen Werke Mitte der 1970er-Jahre Einzug in die Wohnzimmerschrankwände der “Erwachsenen“.

Verwirrung der Gefühle

“Brüste kriegen“ versammelt Texte mit den schönen Titeln “Ein Dékolleté wie Beyoncé“, “Mariechen, Mariechen, du hast da was verloren“, “Nachts, wenn alle Eltern schlafen“ oder “Die Unschuld und der Dreck“. War aber auch höchste Zeit! Das Buch hätte mir damals mal jemand auf den Nachtisch legen sollen, als meine Freundin und ich uns kalte Güsse auf die leider doch wachsenden Busen verabreichten - damit wir nicht aussahen wie Annabelle, diese Halbitalienerin, bei der der Französischlehrer gerne ein “rassig, rassig“ raunte. Währenddessen stand ich vor dem elterlichen Schlafzimmerspiegel und hob hoffnungslos meine Gliedmaßen an, um sie gleich wieder schlaff fallen zu lassen: Sooo lange Arme und sooo lange Beine, wie sieht denn das aus?! Das, meinte meine Mutter - und hub im gleichen Atemzug an, wieder einmal von ehelichen Rechten und vor allem Pflichten zu sprechen -, das wächst sich aus. Die Verwirrung der Gefühle aber leider nicht.

Schön ist es, beim Les

en der meist mit leichter Feder geschriebenen Geschichten zu merken, hey, du bist nicht allein und es ist ganz normal, dass sich das alles komisch anfühlt. Das Vorwort der Herausgeberin Sarah Diehl dagegen liest sich wie ein strenger Vorgeschmack auf einen Gender-Mainstreaming-Kurs: “Sie [die Frauen] sind im Besitz der Körper, die die Reproduktion einer Gesellschaft gewährleisten. Damit sie nicht zuviel verlangen, wird es als selbstverständlich vermittelt, dass Frauen sich dafür zur Verfügung stellen und ihren Körper und dessen Funktionen in Bezug auf Gesundheit, Schönheit und Fruchtbarkeit selbst verwalten.“

Ist aber was dran: So gut wie alle vier Wochen werden wir daran erinnert, dass wir Frauen sind. Und dass wir gut mit uns umgehen, nicht wegen “Ich will so bleiben wie ich bin!“, sondern schon eher, mit einem anderen Werbeslogan: “Weil Sie es sich wert sind!“

Sarah Diehl (Hg.): Brüste kriegen
(Verbrecher Verlag 2004, 13 €)



Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.

Illustration: © Verbercher Verlag



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