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Einen Computer und einen Internetzugang: Mehr braucht es nicht, um gegen Klimasünder, Kapitalismus und Kinderarbeit aktiv zu werden. Immer mehr Menschen ziehen das Online-Engagement dem konkreten Aktivismus vor. Die Instrumente sind vielfältig: Unterschriftenlisten, Massen-E-Mails oder Informationsverbreitung über Blogs und Twitter. Rainer Winter, Professor für Medien- und Kulturtheorie an der Universität Klagenfurt, forscht seit vielen Jahren zum Thema und veröffentlichte seine Ergebnisse im Sachbuch "Widerstand im Netz".
Herr Winter, steckt Bequemlichkeit dahinter, wenn immer mehr Menschen lieber eine Online-Petition unterschreiben als zum Beispiel an einer Demonstration teilzunehmen?
Ich würde das positiver formulieren: Das Internet ermöglicht es, dass wir uns ganz gezielt in den Bereichen, die uns wichtig sind, engagieren können. Früher musste man Flugblätter drucken und versuchen, Gleichgesinnte zu finden. Das geht durch das Internet sehr viel schneller und effizienter. Oft genügt ein Klick, um politisch aktiv zu werden. Auf der anderen Seite kann man sich aber auch sehr schnell wieder rausklicken.
Können Sie abschätzen, wie groß diese Verschiebungen – weg vom realen Engagement, hin zum Online-Aktivismus – bereits sind?
Es liegen keine genauen Zahlen dazu vor. Man kann aber beobachten, dass es im Internet sehr viele Aktivitäten gibt, auch politische Aktivitäten, die wiederum verbunden sind mit Offline-Aktivitäten. Mit Demonstrationen zum Beispiel.
Die klassischen Möglichkeiten, sich zu engagieren, verschwinden durch das Internet nicht vollständig.
Nein. Bestimmte Aktivitäten, wie zum Beispiel die Proteste zum G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007, kann das Internet nicht ersetzen. Es stellt eher eine Fortsetzung vieler Aktionen dar, eine Intensivierung, eine Verdichtung. Es liefert die Möglichkeit der Verknüpfung mit anderen – das ist das, was man als Kollektivität bezeichnet. Gerade die sozialen Medien wie Facebook und Twitter ermöglichen sehr schnelle Mobilisierungen zu bestimmten Themen. Das können natürlich Themen sein, die sich speziell auf die Populärkultur beziehen, der Tod von Michael Jackson zum Beispiel. Es können aber auch politische Anlässe sein.
Es geht dabei allerdings immer um die Masse, die man mobilisieren kann, oder?
Das würde ich so nicht sagen. Es existieren Gruppen, die sich konstituiert haben auf der Grundlage eines Anlasses. Das ist im Internet nicht anders als auf der Straße. Nehmen wir als Beispiel den Protest gegen eine Fastfoodkette: Wie alle politischen und sozialen Bewegungen versuchen die Engagierten, möglichst viele Menschen zu erreichen. Der Protest kann durchaus lokal begrenzt sein – wird aber im Internet verbunden mit anderen Bewegungen an anderen Orten. Im Internet finden wir eine Form des Aktivismus, der zum einen lokal ist, zum anderen aber ganz klar die globalen Fragen und die gesamte Gesellschaft im Blick hat. Ich nenne das eine Art transnationalen Aktivismus.
Sie halten diese neue Form des Aktivismus für sehr wichtig. Warum?
Rainer Winter
Viele Online-Initiativen bieten alternative Sichtweisen zu politischen Ereignissen, die in Zeitungen und im Fernsehen nicht enthalten sind. Ganz wichtig für eine Demokratie ist, dass man möglichst umfassend informiert wird und sich ein eigenes Bild machen kann. Man muss sich von der herrschenden Vorstellung distanzieren, dass wir uns auf unsere Politiker schon verlassen können. Es ist wichtig, sich zu fragen: Was kann ich eigentlich selbst machen? Vertreten die Politiker wirklich meine Interessen? Hier bietet das Internet die Möglichkeit, sich ein differenziertes Bild zu machen von dem, was in der Welt passiert.
Wenn sich die politische Teilhabe immer mehr ins Netz verlagert: Bleiben die klassischen Parteien, die ja zu unserer Demokratie gehören, auf der Strecke?
Für die klassischen Parteien ergibt sich die Möglichkeit, mitzubekommen, was die Leute eigentlich wollen. Politiker werden über Online-Aktivismus im Idealfall sensibilisiert für die Wünsche und Interessen der Wähler – und müssen darauf reagieren. Das Internet trägt ganz stark bei zu dem, was man Öffentlichkeit nennt. Ich sehe die Chance, dass sich eine neue Form transnationaler Öffentlichkeit herausbildet. Die gibt es auch schon in Ansätzen: Die Macht von Nationalstaaten und Konzernen wird infrage gestellt. Man bringt via Internet demokratische Themen auf die Agenda.
Aber die Parteien in Deutschland hinken stark hinterher.
Das ist auch mein Eindruck. Man ist nicht sonderlich sensibel dafür, was sich im Internet an politischem Protest artikuliert.
Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass das Internet auf lange Sicht unser Demokratieverständnis revolutionieren wird?
Es passiert ja schon viel. Ob es eine Revolution ist – da bin ich mir nicht sicher. Viele Strukturen, die wir im Alltag in unserer Gesellschaft finden, setzen sich im Internet fort. Und das Internet muss ja nicht unbedingt zur politischen Aufklärung genutzt werden. Eine Hauptattraktion des Internets ist für viele Menschen der Austausch mit anderen. Zudem kann das Netz auch als Kontrollmedium genutzt werden und User können vereinnahmt werden. Letztlich kommt es darauf an, was wir aus den technischen Möglichkeiten machen. Die Idee, eine radikale Demokratie zu verwirklichen, ist eine Form des Protestes, die man im Internet findet.
Aktionen im Web basieren meist auf der Idee, ein Gegenpol zu sein. Muss sich das ändern, sodass auf Dauer eine Zusammenarbeit zwischen Regierungen und der politischen Internetgemeinschaft stattfindet?
Ich verstehe Widerstand sowieso in dem Sinne, dass es im Idealfall zu einer Zusammenarbeit kommt: Man protestiert, weil man mit etwas nicht zufrieden ist, und die Parteien oder Konzerne reagieren darauf. Politische Parteien dürfen sich nicht abkapseln, sondern müssen sensibler werden für das, was an der Basis passiert. Sie können ihr traditionelles Selbstverständnis nicht aufrechterhalten und denken, sie seien die einzigen Agenten von Politik. Ganz im Gegenteil. Weltweit formieren sich soziale Bewegungen mithilfe des Internets, die für globale Gerechtigkeit eintreten und zu einer Demokratisierung von unten beitragen. Je mehr Menschen es werden, desto mehr gerät die traditionelle Politik unter Druck.
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