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Was unterscheidet rein unterhaltende Literatur von engagierter Literatur? Laut dem Philosophen Jean-Paul Sartre ist es der gesellschaftspolitische Zweck, der außerliterarische Nutzen. Sartre sieht intellektuelle Autoren und Autorinnen in der Verantwortung, "diese Welt wieder in Besitz zu nehmen, indem man sie so zeigt, wie sie ist, aber als wenn sie ihren Ursprung in der menschlichen Freiheit hätte". Ein literarisches Werk ist für ihn nicht nur ein künstlerisches Geschenk – vielmehr soll es auch eine Forderung sein. Eine Aufforderung. Und ein Blick hinter die Kulissen. Dies war auch das Ziel von Uwe Johnson.
Silvestertag 1963, in einer Dachgeschosswohnung in Berlin-Friedenau, Niedstraße 14. Der Schriftsteller Uwe Johnson interviewt die Fluchthelfer der so genannten Girrmann-Gruppe, die fast 5.000 Menschen zur Flucht aus der DDR verhalf. Der Spiegel nannte sie einmal "Unternehmen Reisebüro". DDR-Zeitungen wie das Neue Deutschland betitelten sie dagegen als "Girrmann Bande". Wobei Detlev Girrmann selber sich nie als Kopf der Gruppe sah. "Das gab's ja nie! Das ist ja eine These des Ostens. Es war immer so, dass wir uns gegenseitig abgestimmt haben." Zwei Jahre nach dem Bau der Mauer stellte Johnson den Fluchthelfern Fragen, viele Fragen, engagierte Fragen. Die Interviews wurden auf Tonband aufgenommen. Sie sollten ursprünglich in seinem dokumentarischen Buch "Begleitumstände" erscheinen und die mutige Arbeit der Helfer beleuchten.
Eigene Fluchterfahrungen
©Michael Bengel
Johnson motivierte zu diesem Werk dabei nicht nur sein literarisches Interesse, sondern auch persönliche Erfahrungen: Johnson wuchs in der DDR auf. Seine Mutter und seine Schwester gingen 1956 nach Westdeutschland. Johnson blieb vorerst bis zum Ende der 1950er-Jahre in der demokratischen Republik. Dann siedelte er über. Seiner Freundin Elisabeth Schmidt gelang 1962 die Flucht aus der DDR. Auch mit einem gefälschten Pass mit Hilfe der Girrmann-Gruppe. Ihre Flucht mag ein Anlass für Johnson gewesen sein, sich mit der Arbeit der Fluchthelfer auseinander zu setzen.
Fünf Stunden dauern die Gespräche mit Detlef Girrmann und Dieter Thieme. Sie wurden komplett auf Tonbändern aufgezeichnet. Immer wieder hakt Johnson nach: Wie war das genau? Wieso riskierte die Gruppe ihr Leben für andere – immer und immer wieder? Warum schleust man so viele Menschen auf eigene Kosten über die Grenze? Und wie genau lief das mit den West-Pässen und den Deckadressen? Hat es vielleicht sogar Spaß gemacht? Johnsons Fragen sind direkt, sie kommen schnell und lassen wenig Details aus. Er prescht voran, stellt auch unangenehme Fragen und nimmt die Gefahr in Kauf, seine Interviewpartner vor den Kopf zu stoßen. Die Antworten sind ehrlich: "Wir hatten auch etwas das Gefühl, denen ein Schnippchen zu schlagen."
Gefährlicher Nebenjob
Wir, das war eine Gruppe von Berliner Akademikern. Im Interview mit Johnson berichtet ihr Gründer Detlev Girrmann, hauptberuflich Leiter der Förderungsabteilung beim Studentenwerk der FU: "Ja, und dann kam uns irgendwie der Gedanke auf, man müsse doch versuchen, nun zu helfen!" Die Fluchthelfer schmuggelten gefälschte Pässe über die Grenze und ermöglichten so, von 1961 bis 1964, Tausenden die Flucht aus der DDR. Und zwar ohne an Profit zu denken, sondern uneigennützig, altruistisch motiviert. "Das war wirklich weit verbreitet, das Verfahren mit den West-Berliner-Personalausweisen!"
Der Erste, den die Fluchthelfer nach Westdeutschland holten, war ein Naturwissenschaftler, der sein Examen im Westen machen wollte. Girrmann und seine Kollegen berichten Johnson von ihren Absichten und ihren Methoden, Menschen aus der DDR nach Westdeutschland zu schleusen, ganz pragmatisch, ohne jedes Pathos. An einer Stelle fragt Johnson, ob die, denen zur Flucht verholfen wurde, sich danach bei ihren Helfern bedankt haben. Nein, sagen die Helfer unisono. Das war dann einfach erledigt.
Authentische Quelle
Sein dokumentarisches Projekt brach Johnson letztlich ab. Später sagte er, dass die Tonbänder mit den Interviews verschollen seien. Aber dem war nicht so. Und nun, 47 Jahre nachdem die Aufnahmen gemacht wurden – und 20 Jahre nach dem Mauerfall – veröffentlicht der Suhrkamp Verlag die Transkriptionen. Initiiert wurde das Projekt von Burckhart Veigel, der damals selbst Teil der Fluchthilfegruppe gewesen ist. "Diese Interviews sind ein ganz wichtiges Dokument der Zeit, ein unglaublich wertvolles Zeugnis für die Nachwelt und für uns Fluchthelfer zur Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte", erzählt Veigel, der 2001 von den verschollen geglaubten Tonbändern erfuhr. Er bekam die Kassetten von Detlef Girrmann und transkribierte sie. Eine Arbeit von mehreren Wochen. "Es war mir wichtig, dass der Wortlaut der Interviews genau wiedergegeben wird, damit es eine authentische Quelle bleibt." Dank Veigels Engagement und Johnsons engagiertem Fragestil kann man sich heute in die Welt der Fluchthelfer einlesen.
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Uwe Johnson: Ich wollte keine Fragen ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern. (Suhrkamp 2010, 230 Seiten, 22.80 €)
Daniela Singhal arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Fotos: ©Flügelwesen / photocase.com; ©Michael Bengel
www.fluchthilfe.de
Webseite des Herausgebers und ehemaligen Fluchthelfers Burckhart Veigel
www.spiegel.de
Sehr ausführlicher Spiegel-Bericht von 1962 über das "Unternehmen Reisebüro" (Girrmann-Gruppe)
www.chronik-der-mauer.de
Projekt Chronik der Mauer
www.exilarchiv.de
Informationen zu Uwe Johnson auf exilarchiv.de
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