t

Jonathan Safran Foer: Tiere essen

Gibt es gutes Fleisch?

8.9.2010 | Claudia Kramatschek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 26760

Image 26760

Wir sind, was wir essen. Ob wir dick sind oder dünn, gesund oder krank, satt oder hungrig, hängt nicht zuletzt von unserem Essen ab. Aber was wir essen, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wer wir sind: aus welcher Kultur wir kommen oder zu welcher Religion wir gehören. Essen hat also eine Geschichte. Manchmal gehört zu dieser Geschichte eine jüdische Großmutter, die aus Europa fliehen musste und die Flucht nur überleben konnte, weil sie aß, was andere weggeworfen hatten. Jonathan Safran Foer, US-amerikanischer Starautor, hatte so eine Großmutter. Als Kind saß er oft bei ihr in der Küche und aß das einzige Essen, das sie kochen konnte: Huhn mit Möhren. Dann bekam Foer ein eigenes Kind – und stellte sich die Frage: Was soll es essen? Und: Wo kommt das Essen her, das auf unseren Tellern liegt?

Grausamer Vernichtungskrieg

Foer begann zu recherchieren, Firmen anzuschreiben. Die großen Konzerne aber schwiegen. Also stieg er nachts heimlich in industrielle Hühnerfarmen ein, interviewte überzeugte Schweinezüchter und Rinder-Farmer, die auch überzeugte Veganer sind. Was er sieht und hört – und nicht zu sehen und zu hören bekommt – hat er aufgeschrieben in "Tiere essen": die grausamen Methoden der Massentierhaltung, die Foer einen "Vernichtungskrieg" nennt. Die Unmenschlichkeit, mit der die Tiere behandelt werden. Die perverse Logik einer Nahrungsproduktion, die mit Medikamenten und Hormonen verseuchte Tiere züchtet, weil kranke Tiere profitabler, da billiger sind als eine biologisch nachhaltige Produktion. Die ökologischen Schäden der (US-amerikanischen) Massentierhaltung, einer über 140 Milliarden Dollar schweren Industrie, die fast ein Drittel der Landfläche des Planeten einnimmt und unsere Ökosysteme formt.

Aufforderung zum Nachdenken

Letztlich erzählt Foer also all das, was wir eigentlich alle schon wissen. Aber wollen wir das wirklich lesen? Foer weiß selbst: Unsere Haltung zum Essen hat etwas Irrationales. Daher erhebt er auch nicht die moralische Keule. Ihm geht es um unsere Haltung zum Essen: Wie viel Leiden akzeptiere ich für mein Essen? Ist das Leiden der Tiere weniger wert als Sushi oder Chicken Nuggets? Und was sagt das aus über uns als Menschen – die als Säugewesen ebenso zu den Tieren zählen?

Foer, der mit diesem Buch in Amerika eine enorme Diskussion ausgelöst hat und auch in Deutschland eine Menge Aufmerksamkeit quer durch alle Medien bekommt, macht es sich und uns in der Tat nicht leicht. Auch wenn die UN – laut Foer – die Massentierhaltung ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nennt: "Tiere essen" ist kein simples Plädoyer für Vegetarismus. Es regt dazu an, unser Bewusstsein zu verändern.

"Tiere essen" ist insofern vielmehr eine Aufforderung zum Nachdenken. Über das Wie und Warum, wenn wir Tiere essen. Über die Tiere, die wir essen. Über ihr Leiden und ihr Leben – und dass sie ein besseres Leben verdient haben. Und über die Frage, ob wir unseren Kindern nicht endlich anderes Essen und damit eine andere Geschichte auftischen.

Image 26795

Image 26795

Jonathan Safran Foer: Tiere essen (Kiepenheuer & Witsch 2010, 399 S., 19.95 €)

 

 

Claudia Kramatschek lebt als Literaturkritikerin in Berlin.

Foto:©Suze / photocase.com

 



www.eatinganimals.com
Die Seite zum Buch – mit Blogs, Textauszügen, Links zu Rezensionen, etc. (engl.)

http://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Safran_Foer
Wikipedia-Eintrag zu Jonathan Safran Foer

www.vebu.de
Der Vegetarierbund Deutschland (Vebu) wurde 1892 gegründet.





Kommentare

Dein Kommentar