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Wanderer zwischen den Welten

Nordkoreanische Flüchtlinge in Seoul

28.9.2010 | Neil Dowling & Nils Clauss | Artikel drucken

Die Sennet-Schule in Seoul in Südkorea befindet sich nur wenige Minuten von den Glas- und Betontürmen des Geschäftsviertels Yeouido entfernt – und ist davon doch eine halbe Weltreise weit weg. Im zweiten Stock des etwas verfallenen, vierstöckigen Gebäudes leitet Park Sang Young eine "Bildungsgruppe". Der Direktor nimmt Jugendliche auf, die vor dem repressiven Regime des Nachbarstaats Nordkorea geflohen sind. In seiner Schule beginnen die jungen Nordkoreaner, sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei werden sie mit der Erkenntnis konfrontiert, dass die lang ersehnte Freiheit auch viele Herausforderungen mit sich bringt.

Die meisten Schüler sind schlecht gerüstet für die Härten des südkoreanischen Bildungswesens, das stark auf Konkurrenzkampf ausgerichtet ist. Zwar sprechen Koreaner auf beiden Seiten dieselbe Sprache, doch haben 60 Jahre der Teilung auch eine sprachliche Kluft geschaffen. Das kommunistische Regime im Norden hat jeden fremden Einfluss auf die Sprache abgeblockt, während im Süden inzwischen viele Worte englischen Ursprungs gebraucht werden. Die Benutzung von Mobiltelefonen und Computern müssen die jungen Leute neu lernen. Südkorea gehört zu den technologiegläubigsten Gesellschaften der Welt, in Nordkorea gibt es keine moderne Technik für die normalen Menschen.

Flucht, Gefängnis, Arbeitslager

Zwischen der Schulküche und dem Ruheraum hängen Bilder und Zeichnungen der Schüler. Das vorherrschende Thema ist, wenig überraschend, "Heimat". Die Motive sind immer idyllisch: Sonne scheint über einem blauen Himmel, man sieht Gärten, Bäume, blühende Blumen. Vielleicht symbolisieren diese Bilder den fortwährenden Einfluss eines Landes, in dem Kunst ein wesentliches Mittel der Idealisierung ist, vielleicht manifestiert sich in ihnen auch nur die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Die meisten Flüchtlinge haben viel Leid erlebt auf ihrem Weg in die Freiheit, und die Narben sitzen tief. Im Ruheraum haben sich die Schüler zu einer Abschlussfeier versammelt. Lee Eun-hee, eine junge Frau, die eine lange Irrfahrt durch China und die Trennung von ihrer Familie hinter sich hat, bekommt einen Preis für herausragende Noten. Als der Direktor das Mädchen nach dem Sinn des Lernens fragt, antwortet Eun-hee: "Ich fühle mich dadurch menschlicher."

Der Kulturschock für die meisten Flüchtlinge beginnt in China. Die meisten Nordkoreaner fliehen über den Fluss Tumen, der zwei Drittel der 1.400 Kilometer langen Grenze zwischen den beiden Ländern ausmacht. In China angekommen, müssen sie ein Schattendasein fristen. Von den Chinesen werden Nordkoreaner eher als Wirtschaftsflüchtlinge betrachten denn als politisch Verfolgte. Werden sie gefasst, bringt man sie zurück in ihre Heimat, trotz der schweren Strafen, die die Flüchtlinge dort erwarten.

Choi Sang-oh ist 26 Jahre alt. Nach fünf Jahren in China und einem Jahr in einem nordkoreanischen Gefängnis hat er es schließlich in die südkoreanische Hauptstadt Seoul geschafft. Dort bemühte er sich direkt um Arbeit, statt sich um eine Ausbildung zu kümmern. Sein kümmerliches Dasein zwischen einer Reihe schlecht bezahlter Jobs war weit entfernt von dem glamourösen Leben mit glänzenden Autos und schicken Anzügen, das er in den Musikvideos und Seifenopern in China gesehen hatte.

Wenn er sich um einen besseren Job bemühe, sagt Sang-oh, werde er meist mit Vorurteilen konfrontiert. "Es gab natürlich Fälle, in denen südkoreanische Bewerber besser qualifiziert waren als ich. Aber bei vielen Jobs, die keinerlei besondere Fähigkeiten erforderten, wurde ich einfach übergangen. Ich habe mich oft unsichtbar gefühlt."

Heute ist Sang-oh gut gelaunt: Er arbeitet jetzt für eine Organisation, die anderen Nordkoreanern hilft, nach Südkorea zu fliehen. Der junge Mann macht gern Scherze, auch an Tagen, an denen er traurig ist. Diese Traurigkeit wird wohl nie ganz verschwinden, solange er keinen Kontakt zu seiner Familie hat und nicht weiß, ob es den Angehörigen gut geht. Andere Leute zum Lachen zu bringen ist sein Überlebensmechanismus. Sang-oh weiß, dass seine Erwartungen an Südkorea naiv waren, aber er ist immer noch überzeugt davon, etwas erreichen zu können, wenn er nur weiter hart arbeitet.

Glauben und Gospel

Park Ha-na passt nicht ganz zu ihren Kommilitonen an der Hangkuk Universität in Seoul. Die Chinesischstudentin möchte einfach sie selbst sein, daher ändert sie auch ihren Akzent nicht. Mit 29 Jahren ist sie die Älteste in ihrem Studienfach. Obwohl sie einige Bekanntschaften an der Uni hat, ist ihr sozialer Halt die Kirche. Vor allem christliche Gruppen wie die Durihana Mission unterstützen Zugezogene aus Nordkorea wie Ha-na. Die evangelische Bewegung verfolgt das ehrgeizige Ziel, "Korea durch Gospel zu vereinigen".

Im Gemeindehaus der Mission in einer lebendigen kleinen Nebenstraße abseits der Hauptverkehrsadern Seouls fühlt Ha-na sich zu Hause. Neben ihrem Studium arbeitet die junge Frau bei der Gemeinde, sie setzt ihre Sprachkenntnisse ein, um anderen bei der langen Reise durch China zu helfen; eine Reise, die für sie selbst mehr als sieben Jahre dauerte – inklusive Arrest, Abschiebung und Internierung in einem nordkoreanischen Arbeitslager.

Der Gründer der Mission, Reverend Chun, weiß, dass viele Flüchtlinge hauptsächlich zu seiner Kirche kommen, um Schutz und Beistand zu erhalten. Für Ha-na ist der Glaube jedoch fundamental wichtig geworden. Er verleiht ihr eine Zugehörigkeit, die über die Nationalität hinausgeht.

"In Nordkorea haben die Menschen keinen Bezug zu Gott", sagt Ha-na. "In Nordkorea ist Kim Jong-Il der Gott." Der alte, kranke Diktator Nordkoreas. Sie möchte das gerne ändern und hofft, eines Tages in ihre Heimatstadt Chongjin im Nordosten Nordkoreas zurückzukehren und den Menschen dort von Jesus Christus erzählen zu können. Ob ihre Landsleute im Fall von Kim Jong-Ils Tod oder seiner Absetzung einen weiteren Messias akzeptieren werden, ist eine andere Frage.

Im Moment ist Ha-na zufrieden mit ihrem Leben, das sie sich in Seoul aufgebaut hat. Weder schämt sie sich für ihre Herkunft noch ist sie besonders stolz darauf. Aber tief in ihrem Herzen, sagt Ha-na, vergesse sie nie, woher sie komme. So ertappe sie sich zum Beispiel dabei, dass sie für den Norden jubelt, wenn Nord- und Südkorea gegeneinander Fußball spielen. Dieses Gefühl basiere auf der Zuneigung für die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist. Nicht auf der Loyalität zu einem Regime, dessen Führer sich selbst zum Gott erklärt hat.

Text: Neil Dowling, Fotos: Nils Clauss / CC by-nc-nd 2.0 de



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