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Mürat Güngör / Hannes Loh: Fear of a Kanak Planet

Fremd oder Freund?

28.2.2003 | Oliver Köhler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wem gehört Deutschrap? Den Deutschen? Vielleicht gehört es den Türken, Jugoslawen, Afrodeutschen, Italienern oder Griechen? Oder ist es ein städtisches Phänomen, das nur den Stuttgartern, Frankfurtern, Hamburgern, Berlinern oder gar den Heidelbergern gehört? Und politisch gefragt: Den Linken? Oder sogar den Rechtsradikalen? Das ist natürlich eine ganz miese Fangfrage. HipHop gehört niemandem. Und rappen darf doch eigentlich jeder? Also ist HipHop für alle da. So zumindest die Theorie. Mürat Güngör und Hannes Loh sind nicht besonders davon überzeugt.

Wie der Titel ihres Buches "Fear of a Kanak Planet" (in Anlehnung an "Fear of a Black Planet" der US-Rapper Public Enemy) andeutet, finden Loh und Güngör, dass aus HipHop in Deutschland ein Musikgenre entstanden ist, das es eher auf Verdrängung als auf Einheit abgesehen hat. Die hier ansässigen ethnischen Minderheiten, so die Autoren, die anfangs die wichtigen Impulse für den jetzigen Stand der HipHop Dinge gegeben haben, werden heute eher verdrängt als in den Kreis der Gleichgesinnten eingeschlossen.
Dabei hat es alles so schön angefangen. Wie die Autoren über die politischen und internationalen Wurzeln des Deutschrap illustrieren, war HipHop noch Anfang der 1990er mit ganz anderen Erzählungen als heute verknüpft. Einerseits erinnerten die politischen Stellungnahmen von Gruppen wie Anarchist Academy an US-Acts wie Public Enemy oder KRS-One. Stücke wie "Fremd im eigenen Land" - an diesem Titel illustrieren Güngör und Loh den Wandel im historischen Bewusstsein - bezogen sich auf deutsche Konfliktherde, aktuelle gesellschaftliche Themen. Heute ist die Behauptung institutionalisiert, dass Deutschrap Ausdruck einer Mittelklassenkultur ohne oder mit nur zweifelhaften politischen Absichten sei.

Vom Jugendhaus zum Reihenhaus

Immer mehr distanziert sich Rap in Deutschland von seinen Wurzeln im Milieu der Jugendzentren und Ghettos, um seinen Hauptidentifikationsmoment in die Vororte zu verlegen. Mittelklasse statt Arbeiterklasse, bis der ethnische Aspekt von Deutschraps Herkunft regelrecht verschwiegen wird. Güngör und Loh behaupten: Ohne den linken und multikulturellen Verweis sei das Deutschrap-Feld inzwischen für rechtsradikale Rapper offen geworden. So werden Lyrics wie "Fremd im eigenen Land" für Zwecke neu interpretiert und auf den Kopf gedreht. Im ursprünglichen Sinn, wie ihn die Heidelberger Band Advanced Chemistry, mit dem Deutsch-Haitianer Torch an der Spitze, damals formulierte, geht es um die Idee des doppelten Bewusstseins der ethnischen Minderheiten. Diese Rapper der ersten Stunde hatten einen deutschen Pass, fühlen sich aber von Deutschland ausgegrenzt.

Für die neue national gesinnte Spezies Deutschrapper bedeutet das Konzept der Fremde dagegen, von fremden Elementen wie Asylanten und Ausländern umgeben und bedroht zu sein. Der Zynismus der ostdeutschen Rapper rührt also daher, dass ihnen das Ausgrenzungsgefühl in dieser, ihrer eigenen Kultur, erspart bleibt. Deutschrap befinde sich "in einem schleichenden Prozess des strukturellen Rassismus", stellen Güngör und Loh fest.

Aus Praxis sprechen

Mit Respekt für Deutschrapper wie vor allem Fanta 4 haben sie nicht viel am Hut. Woher denn auch? Während Loh eher die linke Fraktion repräsentiert, die mit ihrem Hintergrund in den autonomen Zentren HipHop als Anti-Mainstream-Musik auffassten, steht Güngör ganz in der Tradition der Jugendhäuser in den so genannten "sozialen Brennpunkten" mit multikulturellem Background. Beide kommen aus dem HipHop, Loh war MC bei Anarchist Academy, Güngör beim unabhängigen Frankfurter Label "Looptown".

"Fear of a Kanak Planet" liest sich als dokumentarische Mischform, gespickt mit Originalzitaten und Beiträgen aus Internet-Foren, dazu komplexe, kritische Analysen. Es geht um viel, nämlich darum, die Geschichte des Rap in der BRD zurechtzurücken. Deswegen zurück zur Anfangsfrage: Wem gehört HipHop? Nach wie vor allen, natürlich. Nur für Nazireime gibt es kein Pardon. Und deswegen muss es doch eine Einschränkung geben: Allen gehört Deutschrap; allen, die die Wurzeln kennen und sie respektieren.

Oliver Köhler (30) lebt in Heidelberg und schreibt für "De:Bug", "telepolis" und "MSNBC.com".

Mürat Güngör / Hannes Loh: Fear of a Kanak Planet (Hannibal 2002, ca. 20 €)






www.kanakplanet.de
Die Website zum Buch

www.kanak-attack.de
Murat Güngör ist auch Mitglied von Kanak Attack, einem "selbstgewählten Zusammenschluss verschiedener Leute über die Grenzen zugeschriebener, quasi mit in die Wiege gelegter 'Identitäten' hinweg".

www.murat-g.de
Murat Güngör tourt als DJ Murat G.




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