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Größenwahn eines Aufsteigers

Die Geschichte des Narmada-Staudamms

7.8.2006 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Als Taktik, als Prinzip, als Vision halte ich an der Gewaltlosigkeit fest. Ich bin nicht Anti-Technologie, Ich bin für eine Technologie, die schön, harmonisch, nachhaltig, gerecht und nicht destruktiv ist." Der Geist von Mahatma Gandhi lebt in Metha Patkar fort. Sie ließ sich verprügeln, inhaftieren und starb fast im Hungerstreik. Wie der Lehrmeister des gewaltlosen Widerstandes durchleidet sie hundert Kilometer lange Protestmärsche und wochenlange Sitzstreiks, selbst bei einer Hitze über 40 Grad. In der Hauptstadt Neu Delhi demonstrierte die Führerin der "Rettet den Narmada"-Bewegung (NBA) erst kürzlich wieder bis zum Kollaps. Grund diesmal ist ein Gerichtsurteil, nach dem die Staudammmauer des Sardar-Sarovar-Damms von 110 auf 122 Meter erhöht werden darf.


Die Staumauer am Narmada-Fluss ist Kernstück des größten und umstrittensten Dammprojekts der Welt. Es war Jawaharlal Nehru, erster Staatspräsident nach der Unabhängigkeit Indiens, der seinen Grundstein legte. In Dämmen sah er die neuen "Tempel" der Moderne. Der Narmada windet sich durch den Unionsstaat Madhya Pradesh, durchquert 1.300 Kilometer Wälder und fruchtbare Ebenen, dann die Staaten Maharashra und Gujarat, wo er in die Arabische See mündet. An seinem Lauf entstehen derzeit 30 riesige Dämme sowie 135 mittlere und 3.000 kleine Staudämme. Allein der Sardar-Sarovar-Damm nördlich von Bombay soll 1.450 Megawatt Strom (die Leistung eines AKWs) liefern, dazu Trinkwasser für 40 Millionen Städter, und Dürregebiete bewässern. Den Beton-Giganten und Stauseen müssen dafür jedoch 245 Dörfer weichen, 40.000 Hektar sollen geflutet, 200.000 Bauern und Bäuerinnen umgesiedelt werden.

Nur wohin? Die Regierung habe keinen Plan für ihre Entschädigung, so Patkar, die ein Netzwerk von 150 indischen Organisationen vertritt. Es gibt kein fruchtbares Land an die Geschädigten zu verteilen, und ohne Land auch keine Zukunft. Oft gibt es nicht mal Geld. Für die Vertriebenen sind meist die Slums in Bombay oder Delhi die Endstation. Auf sie warten keine Sozialhilfe oder Weiterbildung, sondern Arbeitslosigkeit und Armut. Vor allem die Ureinwohner/innen (Adivasi), die Mehrzahl der Betroffenen, wollen sich nicht vertreiben lassen. Während der Fluss und seine Umwelt ihnen alles gab, haben sie in den Slums oft nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Über Nacht sind sie zu entwurzelten Tagelöhnern geworden.

Seit Baubeginn, 1988, kämpft Metha Patkar für die Rechte der Kleinbauern und -bäuerinnen und erhielt für ihr beispielloses Engagement den Alternativen Nobelpreis. Ohne Pause führt sie Kampagnen gegen die Vertreibung durch, fordert Mitsprache bei den Planungen der Dammbaugesellschaften und eine gerechte Entschädigung – ein zermürbender Kleinkrieg mit großen Erfolgen. Im Jahr 1993 zog die Weltbank einen Kredit über 450 Millionen Dollar zurück. Ein Schritt, dem Investoren wie VEW und Siemens folgten.

Der Energiehunger der Städte

Das Narmada-Projekt treibt auch die Schriftstellerin Arundhati Roy um. Sie schreibt über die Schattenmenschen im neuen Indien, über die Politik der Macht, die Ungerechtigkeit und Profitgier produziert. Roy beschreibt die Verzweiflung der Bauern und Bäuerinnen im Dorf Manibeli. Als das Wasser des Damms ihre Häuser fortriss, banden sie sich samt Kindern an hölzerne Pfähle, so lange bis die Polizei mit Gewalt einschritt. Die Narmada-Bauern und -Bäuerinnen gehören zu den Verlierern/innen des Wirtschaftsaufschwungs in Indien. Moderne Dienstleister schaffen den Boom, der für Schlagzeilen wie "Angriff aus Asien" im Westen sorgt. Die Wirtschaft wächst mit bis zu sieben Prozent jährlich, die Mittelschicht ist im Konsumrausch: Autos, Waschmaschinen und Fernseher stehen nur kurz in den Geschäften. Um den Energiehunger der Wirtschaft zu stillen, plant die Regierung bis 2012 die Verdopplung der Stromerzeugungskapazität von jetzt jährlich 100.000 MW. Der Strom stammt zu 60 Prozent aus Kohle und zu 25 Prozent aus Wasserkraft. Den Rest teilen sich Gas, Atomkraft und die erneuerbaren Energien.

Seit den 1980er-Jahren hat sich die Nutzung der Wasserkraft verdoppelt. Doch die Berechnungen der Dammbaugesellschaften gehen nicht auf. Vom Wasser profitierten vor allem die Städte, die Industrie, große Plantagen und Golfplätze. Da die Bewässerung aber das meiste Wasser verbraucht, würden letztlich nur noch die Hälfte der angepeilten Strommenge produziert, rechnen Kritiker wie Metha Patkar vor. Außerdem kennt niemand die Kosten für die Umwelt, die durch künstliche Bewässerung verursachte Versalzung der Böden oder der Verlust der Artenvielfalt, wenn bis zu 13.000 Hektar uralter Wald geflutet werden. Metha Patkar will deshalb nicht aufgeben: "Wir haben keine Option. Wir müssen uns vereinigen und bis zum Letzten kämpfen."

Susanne Gupta lebt als freie Journalistin in Berlin und Indien.

Foto: © sardarsarovardam.org



www.narmada.org
Das Projekt, seine Geschichte, seine Auswirkungen

www.bpb.de
Zusammenfassung des Berichts der World Commission on Dams





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