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Wie ich was geworden bin ...

Vier Umwege zum Erfolg

26.6.2006 | Wibke Bergemann | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Rund sieben Prozent der Geisteswissenschaftler/innen sind bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos gemeldet. Viele Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen schlagen sich als Selbstständige durch, haben unsichere Werks- und Honorarverträge, machen ein Praktikum oder ein schlecht bezahltes Volontariat. Nur rund 70 Prozent der Geisteswissenschaftler/innen finden laut Hochschulinformationssystem (HIS) in den ersten fünf Jahren nach ihrem Abschluss eine reguläre Anstellung. Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen brauchen länger, um ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden, verdienen weniger als andere Akademiker/innen, wobei der Unterschied mit den Berufsjahren sogar noch zunimmt, und sie arbeiten seltener in hochrangigen Positionen.

Angesichts der Medienkrise und leerer Kassen bei Verbänden, Museen, Hochschulen, Kommunen und Ländern sind die Arbeitsplätze in den traditionellen Beschäftigungsfeldern von Sozial- und Geisteswissenschaftlern/innen knapper geworden. So gilt es, nach Alternativen zu suchen. Immerhin verlieren Unternehmer/innen allmählich ihre Vorbehalte, auch Geisteswissenschaftler/innen einzustellen. Rund zwei Drittel arbeiten mittlerweile in der freien Wirtschaft, wo sie vor allem für Kundenbetreuung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing zuständig sind.

Bei der Absolventenbefragung des HIS war zwar nur ein Drittel der Geisteswissenschaftler/innen zufrieden mit ihrem Einkommen, doch knapp drei Viertel bewerteten die inhaltlichen Anforderungen in ihrem Job als positiv. "Ich empfehle jedem, das zu studieren, was ihn am meisten interessiert", sagt Hildegard Schaeper vom HIS. "Sonst hält man ein ganzes Studium nicht durch."

Fluter hat vier Sozial- und Geisteswissenschaftler/innen nach ihrem unvorhersehbaren Weg in den Beruf befragt.

Barbara Hillen, 32, betreibt in Bonn eine Agentur für Autobiografien:

Als promovierte Historikerin habe ich mich eine Weile erfolglos beworben: Mal hieß es, warum haben sie nicht Marketing studiert, dann, ich sei überqualifiziert. Ich glaube, manche Arbeitgeber wollten einfach keine frisch verheiratete Frau im gebärfähigen Alter einstellen. Ein Bekannter setzte mir den Floh ins Ohr, mich selbstständig zu machen. Mein Mann wies mich auf eine Biografien-Agentur hin und ich dachte, was die können, kann ich auch.
Schon meine Magisterarbeit hatte ich über das Leben dreier Weihbischöfe im 18. Jahrhundert geschrieben und als Promotion die Biografie eines Sparkassenreformers im 20. Jahrhundert verfasst. Mich interessierte immer das Biografische: die soziale Prägung, die familiären Hintergründe und Wendepunkte im Leben einer Person.
Ich erstellte einen Geschäftsplan, gewann den Bonner Existenzgründer-Wettbewerb StartUp und ließ mir eine Internetseite bauen. Meine ersten Kundinnen waren meine Großmutter und meine Schwiegermutter. An ihnen übte ich und erstellte zwei Biografien zum Vorzeigen. Weil mein Mann ausreichend verdient, konnte ich genug Zeit investieren und mich ohne finanziellen Druck auf die Arbeit konzentrieren.
Mittlerweile läuft die Agentur sehr gut. Sicherlich profitiere ich davon, dass Biografien momentan sehr en vogue sind. Im zweiten Geschäftsjahr habe ich einen Umsatz von 50.000 Euro gemacht. Seit unser Baby geboren ist, beschäftige ich zusätzlich zwei freie Mitarbeiter. Für mich ist es eine Bereicherung, tiefe Einblicke in das Leben sehr unterschiedlicher alter Menschen zu bekommen. Für eine ganz besondere Autobiografie aus meiner Agentur suche ich jetzt einen großen Verlag. Das ist ein Traum von mir. Der Tag müsste nur noch mehr Stunden haben.

Franck Rohner, 38, arbeitet in Berlin bei der Deutschen Bank in der Kundenbetreuung mit Schwerpunkt Wertpapiere:

In der Kundenbetreuung muss man ein selbstbewusster und kommunikativer Vertriebsmensch sein. Ich muss vor allem gut reden können, und das habe ich im Studium gelernt. Nach zehn Jahren als Student der Allgemeinen Vergleichenden Literaturwissenschaft bin ich natürlich rhetorisch gewandt und habe einen vergleichsweise großen Wortschatz. Eigentlich wollte ich Übersetzer werden.

Nebenbei habe ich immer gejobbt und so zog sich mein Studium in die Länge. Mit 34 Jahren habe ich mich gefragt, ob es nicht etwas Wichtigeres gibt im Leben als Schäferdichtung im Mittelalter und ob ich überhaupt einen Abschluss brauche. Man fängt auch an, über die Rente nachzudenken. Je älter man wird, desto schlechter werden schließlich die Chancen auf einen Arbeitsplatz.

Daher nahm ich an einem Assessment Center der Deutschen Bank teil. Wenn man nach zehn Jahren sein Studium abbricht, muss man das natürlich gut begründen. Aber irgendwie habe ich es geschafft. Ich habe in meinem Leben so viel gemacht, ich habe einfach keine Angst mehr, auch nicht vor Vorgesetzten. Mir macht es nichts aus, mich vor vielen Leuten auf eine Bühne zu stellen und eine Präsentation zu halten.

Zu meinen Kollegen/innen gehören klassische Bankkaufleute ebenso wie Studienabgänger/innen und -abbrecher/innen aus allen möglichen Fachbereichen. Ich glaube, es wird immer mehr Quereinsteiger/innen geben. Man muss nur den Mut haben, auch nach links und rechts zu schauen. Ich musste das nötige kaufmännische Denken erst lernen. Das ganze Augenmerk liegt hier auf dem Geld, das ist ein großer Unterschied zum Studium. Ich werde wahrscheinlich bei der Deutschen Bank bleiben und mich intern beruflich weiterentwickeln.

Dirk Mederer, 34, hat in Göttingen eine eigene Werbeagentur gegründet, die sich an soziale und kulturelle Einrichtungen richtet:

Ich habe Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert. Ich wollte eigentlich Journalist, Drehbuchautor oder Werbetexter werden, auf jeden Fall was mit Text. Es ist anders gekommen. Inzwischen mache ich nur noch Grafikdesign: Plakate, Programmhefte, Zeitschriften, Broschüren.
Das Studium hat mir einen guten Einblick in Medien- und Öffentlichkeitsarbeit vermittelt. Aber vor allem habe ich kooperatives Arbeiten gelernt. Jede Hausarbeit haben wir mit ein bis zwei Kommilitonen geschrieben. Das hilft mir jetzt enorm, bei einem Projekt die verschiedenen Vorstellungen der Beteiligten zusammenzubringen.

Nach der Diplomarbeit bewarb ich mich als Texter bei etwa 20 Werbeagenturen, ohne Erfolg. Ich kam auf die abstruse Idee, nur für wenige Monate eine eigene Agentur zu gründen. Ich wollte ein paar Aufträge annehmen, um mich mit diesen Referenzen später bewerben zu können. So ist meine Agentur Plazebo entstanden. Als erstes produzierten wir ein literarisches Nachtmagazin. Ich musste mich dafür in Layout- und Bildbearbeitungsprogramme einarbeiten und stellte zu meiner eigenen Überraschung fest, dass mir das sehr viel Spaß macht.

Schon während des Studiums hatte ich ehrenamtlich als Redakteur bei der Straßenzeitung TagesSatz gearbeitet, aus Überzeugung. Jetzt wurde der TagesSatz mein erster Kunde: Der Layouter hörte gerade auf und die Agentur übernahm seine Aufgaben. Ohne diesen Kontakt hätte ich mich nicht selbstständig machen können.
Ich mag meine Kunden, die alle aus dem sozialen oder kulturellen Bereich kommen. Mit diesen Leuten arbeiten wir einfach viel besser zusammen als mit rein kommerziellen Kunden. So hat sich die Nischenposition der Agentur von selbst ergeben. Bislang reicht mein Einkommen nur für eine Person. Das liegt aber auch an mir: Acquise liegt mir nicht. Ich verlasse mich darauf, dass mich Kunden und Bekannte weiterempfehlen.

Henrike Werner, 30, Referentin im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin:

Schon vor dem Studium habe ich ein Praktikum in einem Kultur- und Veranstaltungszentrum gemacht und von Büroarbeit bis Regie alle Bereiche kennen gelernt. Das Jahr hat mir viel gebracht: einen Bezug zur realen Arbeitswelt und viel Selbstbewusstsein. Ich wusste immer, ich kann was. Das war wichtig in meinem teilweise sehr abgehobenen und theoretischen Studium. Wenn man wie ich Kulturwissenschaften studiert, kann man alles werden oder nichts. Deswegen sind Praktika wichtig. Dann findet man schon während des Studiums heraus, welche Arbeitsfelder einem liegen und welchen nicht. Meine diversen Praktika im Veranstaltungsmanagement zeigten mir, dass mir das reine Organisieren nicht reicht. Ich möchte auch inhaltlich arbeiten.

In meinem Zweitfach Soziologie habe ich mich mit Familien- und Frauenpolitik beschäftigt. Noch in der Zeit meiner Magisterprüfungen fing ich ein Praktikum im Familienministerium an. Daraus wurden Werksverträge und jetzt eine Stelle im Fachreferat für familienfreundliche Arbeitswelt. Die Arbeit im Ministerium ist oft bürokratisch. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass Eigeninitiative kaum gefragt ist. Ich bin hauptsächlich mit Texten beschäftigt: Entwürfe für Reden verfassen, Berichte schreiben und Termine vorbereiten.

Meine Kollegen/innen sind in der Mehrzahl Juristen/innen und Wirtschaftswissenschaftler/innen. Als Geisteswissenschaftlerin braucht man schon etwas Glück, um an so einen Job zu kommen. Für die Zukunft könnte ich mir vorstellen, in einer internationalen Organisation zu arbeiten. Aber als Kulturwissenschaftlerin habe ich in dem Bereich schlechte Chancen. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich wahrscheinlich Geschichte und Politik studiert. Ich glaube, man muss einen Kompromiss zwischen den eigenen Interessen und einem zielgerichteten Studium finden. Kulturwissenschaften waren ein Umweg, aber es hat Spaß gemacht.

Protokolle: Wibke Bergemann

Fotos: Privat



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Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit





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