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Arbeitslos? So what?

Stand up for your right, Praktikant/in!

9.6.2006 | Kerstin Fritzsche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Praktika macht jeder in seinem Leben. Vor dem Studium, währenddessen und leider auch danach, mit geringer oder gar keiner Bezahlung, immer in der Hoffnung, Berufserfahrung zu sammeln und sich auf dem Arbeitsmarkt besser zu positionieren. “Das ist nicht immer eine gute Entscheidung, weil Praktika oft nur Arbeitslosigkeit verdecken“, sagt die 29-jährige Nikola Richter. Und hat darüber ein Buch geschrieben. “Die Lebenspraktikanten“ ist ein satirisch-dokumentarischer Einblick in eine berufliche Grauzone zwischen Existenzsicherung und Ausbeutung, zwischen Wirtschaftsfaktor und Lebensstil. Das Porträt einer Generation, wie es schon lange fällig war. Kerstin Fritzsche hat sich mit Nikola Richter über ihr Buch, die Schwierigkeit der ersten Festanstellung und über gesellschaftliche Verantwortung unterhalten.

Kerstin Fritzsche: Wie bist du auf die Idee gekommen, über die so genannte “Generation Praktikum“ ein Buch zu schreiben?

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Nikola Richter: Es war keine direkte Entscheidung, über Praktikanten/innen zu schreiben – ich habe einfach irgendwann, weil ich selbst so gelebt habe, mitgeschrieben. Außerdem habe ich viele Geschichten von Leuten, denen es ähnlich ging, gehört und gesammelt. Im Buch stecken rund 50 Leute, aber manche sind nur mit einem Satz vertreten.

Mir ist an deinem Buch aufgefallen, dass man es lesen kann, wie man will: Wenn man es ernst nimmt, dann ist man betroffen und an manchen Stellen fast schon verärgert, weil die Figuren darin so wenig Engagement zeigen. Und wenn man will, dann kann das Buch fast als Satire gelesen werden. War das Absicht?

Dieses Pendeln zwischen Tatsachenbericht und Satire, ja, das war eine Stilfrage. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht eine Mischform: Es erzählt fiktive Geschichten, ist aber auch dokumentarisch.

Warum revoltieren deine Figuren nicht, brechen schlechte Praktika nicht einfach ab? Giulia ist als Einzige ein bisschen kritisch, beschäftigt sich mit Arbeitsrecht und will eine Praktikantenpartei gründen. Und sie ist dann am Schluss auch diejenige mit dem Zwei-Jahres-Vertrag und einem guten Gehalt in der Tasche. Denkst du, dass wir eine besonders leidensfähige Generation sind, die ihre eigenen Bedürfnisse – Freundschaft, Beziehungen, Hobbies – immer nur dem Job unterordnet?

Warum rebellieren die Leute hier nicht? Ich war auf dieser Praktikanten-Demo am 1. April 2005 auf dem Potsdamer Platz, da waren 120 Praktikanten/innen von geschätzten 500.000, die es gibt. Zusätzlich wird das Thema in den Medien jetzt rauf und runter gehechelt. Ich hab auch nicht rebelliert damals. Und warum nicht? Ich glaube, man ist verängstigt ob der allgemein miesen Stimmung in Deutschland. Man realisiert nicht, dass es oft besser ist, nichts zu haben als etwas Schlechtes. Man gaukelt sich vor, auf dem richtigen Weg zu sein, weil man so früh eingetrichtert bekommt: Mach Praktika, nimm jede Chance wahr, bleib flexibel, pass dich an. “Leidensfähig“ würde ich das nicht nennen. Wenn man es so sieht, ist unsere Generation im Gegenteil sogar sehr zielstrebig, sie will ja in den Beruf.

Die meisten Figuren in deinem Buch haben keine gute Beziehung zu ihren Eltern, oder diese kommen bei der Lebenssituation ihrer Kinder nicht mehr mit, geben im nervigsten Fall noch Alt-68er-Ratschläge zur Lebensführung. Wolltest du da auch den Generationenkonflikt beschreiben?

Ich denke, das sind normale Beziehungen. Aber ich wollte zeigen, dass es immer Dinge gibt, die Eltern nicht verstehen. Typisch ist etwa dieser “Druck von oben“, dass Eltern sagen: “Ihr müsst aber das und das machen, und wer gut ist, der schafft es auch.“ Das ist natürlich nicht wahr, weil die Lage in den letzten fünf Jahren immer prekärer wurde und das nichts mit individuellen Qualifikationen zu tun hat. Es gibt viele Leute, die sich nicht vorstellen können, wie es sich ohne Festanstellung lebt. Aber ein gewisses Grundmaß an Sicherheit will doch jeder. Oder wenigstens das Gefühl, dass es schon weitergehen wird. Aber dieses Gefühl lässt sich nicht vermitteln, weil das, was die anderen einem vermitteln, viel stärker ist: Man muss nur zum Arbeitsamt gehen, dann kriegt man Hilfe. Etwa Umschulungen, die man nicht will und die nichts bringen. Da hat man sofort Angst, auf das unterste Niveau abzustürzen. Praktikanten/innen sind das nicht gewohnt, denn die sind zum Großteil privilegierte Menschen mit Ausbildung und aus wohlhabenden Elternhäusern.

Noch ein großes Thema schneidest du an: die Frage nach dem Nachwuchs in Deutschland. Du behandelst das Thema von allen Seiten: Es gibt Figuren in deinem Buch, die wollen ohne finanziell sichere Situation keine Kinder – es gibt andere, die bekommen einfach ein Kind und arrangieren sich dann sehr gut mit der Situation. Und es gibt die, die alles Schritt für Schritt planen wollen, aber keinen geeigneten Partner dafür finden.

Ja, ich versuche in dem Buch verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen. Persönlich finde ich diese ganze deutsche Diskussion absurd, diese von Herrn Schirrmacher herbeigeschriebenen Frauen, die alle ganz toll Beruf und Familie unter einen Hut bringen sollen, den Ruf nach Familienwerten und so weiter. [Frank Schirmmacher: Mitherausgeber der FAZ/Anm. d. Red.] Die Frage des Nachwuchses betrifft ja nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Es gibt diesen Gebärstreik der Akademikerinnen nicht, sondern man macht sich schon Gedanken über Kinder. Die Entscheidung wird nur so weit hinausgeschoben, weil man inzwischen als junge/r Akademiker/in kaum für sich selber sorgen kann.

Persönlich bist du ja zurzeit in einer ähnlichen Situation wie Giulia: Du hast einen Arbeitsplatz und ein festes Einkommen für zwei Jahre mit deinem Volontariat bei der Zeitschrift
KulturAustausch, aber danach musst du dich auch wieder auf den Markt begeben. Wie wird’s für dich weitergehen?

Ich habe keine Angst, mich danach arbeitslos zu melden oder mal was anderes zu machen. Man muss auch akzeptieren, dass zu Erwerbsbiographien heute auch Phasen von Arbeitslosigkeit gehören. Praktika sind oft verdeckte Arbeitslosigkeiten – das kann einfach keine Perspektive sein. Und die Generation 50 plus hat ja das gleiche Problem. Arbeitslos? So what? Wir sind ja nicht in einem armen Land, wir müssen endlich mal aufhören, alles negativ zu sehen. In Zukunft sind auch die Praktikanten/innen selbst gefragt, ihre Situation kritisch zu betrachten oder auch selbstbewusst “Nein“ zu sagen, wenn ein Praktikum nur darauf ausgerichtet ist, zehn Stunden Briefe zu falten. Trotzdem braucht es auch Ideen, wie man Arbeit gerechter verteilen kann. Vielleicht sind Teilzeitmodelle, auch wenn sie für Arbeitgeber/innen teurer sind, doch ein Teil der Lösung.

buch42

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Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten (Fischer Verlag 2006, 8 €)



Kerstin Fritzsche, 28, hat bereits zwölf Praktika und freie Mitarbeiten hinter sich (davon nur fünf bezahlt) und arbeitet gerade hauptberuflich mit einem Ein-Jahres-Vertrag als Volontärin beim Goethe-Institut.

Foto: Doris Poklekowski



www.fairwork-verein.de
Der Verein FairWork e.V. engagiert sich gegen die Ausnutzung von Hochschulabsolventen/innen als Praktikanten/innen.

www.praktikums-boerse.de
Seiten wie die Praktikumsbörse vermitteln Praktikanten/innen

www.spiegel.de
spiegel.de-Artikel über Praktika, mit vielen Links zum Thema

www.generazione1000.com
Eine lustige italienische Blog-Seite für alle 1000-Euro-Jobber (englisch und italienisch)


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