Nicole Haviv, 18 Jahre, lebt in Netanya, nördlich von Tel Aviv mit ihren Eltern und ihrem Bruder. Sie hat gerade das Abitur gemacht, im Sommer beginnt ihr zweijähriger Militärdienst. Bei einem Selbstmordattentat verlor Nicoles Familie kürzlich eine Freundin.
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"Es war am 18. April, als der Selbstmordattentäter sich in einem Restaurant in die Luft sprengte. Ich war mit dem Auto unterwegs, gar nicht weit entfernt. Ich stand im Stau – wie so oft in Tel Aviv. Damals ärgerte ich mich, dass es nur langsam vorwärts ging. Heute bin ich heilfroh. Wäre ich nur ein, zwei Minuten eher an der Kreuzung gewesen, an der die Bombe explodierte, dann hätte es auch mich treffen können. Später erfuhr ich, dass unsere Haushälterin unter den Opfern war. Ein Schock. Ich bin traurig, aber ich bin auch furchtbar wütend, dass so etwas immer wieder passiert.
Ich habe schon vorher Bombenattentate erlebt, ein paar Mal aus nächster Nähe. Einmal hatte jemand eine Bombe vor unserer Schule abgelegt. Oft verlasse ich morgens das Haus und frage mich, ob ich abends wieder zurückkommen werde. Ich versuche deshalb Plätze zu vermeiden, wo sich viele Menschen aufhalten, aber nicht immer ist das möglich. Ich möchte doch in die Disco gehen, oder mit meinen Freundinnen ins Kino. Mit jedem weiteren Attentat glaube ich weniger an einen Frieden mit den Palästinensern/innen. Sie sollen in ihrem Land leben, wir in unserem. Ich hasse sie nicht, aber ich will nicht mit ihnen zusammenleben."
Jonathan, 17, geht auf eine orthodox-religiöse Privatschule in Jerusalem. Jeden Morgen steht hier das Studium des Talmud, dem bedeutendsten Schriftwerk des Judentums, auf dem Stundenplan. Erst am Nachmittag beginnt der "normale" Unterricht. Viel Freizeit bleibt ihm nicht, doch Jonathan will gar nicht anders leben. Auch wenn das heißt, am Sabbat nicht zu telefonieren, koscher zu essen und auf Sex bis nach der Hochzeit zu verzichten.
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"Anfangs fand ich die Schule sehr hart: Der Unterricht ist streng, er beginnt bereits um sieben Uhr und endet erst abends. Das liegt daran, dass wir vormittags den Talmud studieren und erst nach dem Mittagessen mit Fächern wie Mathematik oder Englisch beginnen. Aber jetzt habe ich mich an den Rhythmus gewöhnt. Ich finde es sogar schön, den ganzen Tag mit meinen Freunden zusammen zu sein. Mädchen gehen übrigens nicht in meine Schule. Ich treffe sie aber manchmal auf Partys – doch berühren würde ich sie nie. Überhaupt möchte ich nur eine Beziehung zu dem Mädchen haben, dass ich dann auch heirate. Auf das Mädchen möchte ich warten, genauso wie auf Sex.
Orthodox zu leben bedeutet für mich im Alltag vor allem: koscher zu essen und den Sabbat einzuhalten. Koscher zu essen heißt, milchige und fleischige Speisen getrennt zu essen. Diese Regel einzuhalten ist aufwändig. Meine Mutter hat beispielsweise mehrere Services. Also Teller, Töpfe und eigenes Besteck nur für milchige und welche nur für fleischige Speisen. Verwechseln sollte man das Geschirr auf keinen Fall, sonst muss der Teller zerschlagen oder weggeworfen werden. Bei Besteck reicht es, Messer und Gabel für ein paar Tage in die Erde zu stecken.
Der Sabbat ist der Feiertag, an dem wir nicht arbeiten dürfen. Für viele Nicht-Religiöse klingt es wie eine unzumutbare Einschränkung, wenn sie hören, dass wir an diesem Tag keine elektrischen Geräte benutzen und somit auch nicht Auto fahren, telefonieren oder fernsehen. Vielleicht ist es schwer zu glauben, aber gerade wegen solcher Regeln ist der Sabbat wirklich ein entspannter Tag: Man hat viel Zeit für Familie oder Freunde. Ein typischer Sabbat sieht übrigens so aus: stundenlang gemeinsam essen und sich dabei viel erzählen."
Rania, 23, lebt zusammen mit ihren Eltern und neun Geschwistern in Ost-Jerusalem, im palästinensischen Teil der israelischen Hauptstadt. Rania ist Christin und Palästinenserin mit israelischem Pass. Doch seit die israelische Regierung vor zwei Jahren die Grenzen zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten abgeriegelt und eine Mauer durch Jerusalem gebaut hat, ist Ranias Leben kompliziert geworden. Denn die Grenze trennt nicht nur West- von Ost-Jerusalem, sondern auch die Palästinensergebiete Ost-Jerusalems von den Palästinensergebieten der Westbank.
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"Was ich über die Mauer denke? Wirklich, es fällt mir extrem schwer, meine Gefühle in Worte zu fassen. Fühle ich Wut, Trauer, Hass? Sicher ist, dass meine Familie und ich uns seit dem Bau der Mauer wie Gefangene in unserem eigenen Haus vorkommen. Die Grenze ist nur wenige Meter entfernt. Ich wohne direkt am Checkpoint Beit-Hanina. Wann immer ich das Haus verlasse, ob in Richtung Westbank oder um nach Jerusalem zu fahren, ich muss mich ausweisen und die Genehmigung der israelischen Grenzposten abwarten. Manchmal lassen sie mich schnell durch, manchmal muss ich minutenlang mit ihnen diskutieren. Das macht mich jedes Mal wütend. Ich fühle mich diskriminiert und schikaniert. Aber ich habe es vergleichsweise gut, denn ich habe eine israelische Identifikationskarte. Die haben viele meiner Freunde nicht, die beispielsweise in Ramallah leben. Sie dürfen gar nicht nach Israel einreisen. Diese Grenzziehung ist eine große Ungerechtigkeit, denn oft verläuft der Zaun oder die Mauer auf unserem Land. In Jerusalem teilt sie palästinensische Siedlungen einfach in der Mitte. Straßen sind plötzlich zuende, Menschen, die vorher Nachbarn/innen waren, werden jetzt von einer acht Meter hohen Wand getrennt. Es ist verrückt. Doch trotz dieser deprimierenden Wirklichkeit würde ich mein Land niemals verlassen. Es hat mir viel gegeben, Bildung zum Beispiel. Deshalb möchte ich bleiben, helfen, eine zivile Gesellschaft aufzubauen – und endlich in Freiheit und Frieden leben."
Eitan Lashevsky, 25, studiert in Tel Aviv Politikwissenschaft. Seine Eltern waren zwei von mehr als einer Million Einwanderern, die seit den 1970er-Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Israel immigrierten. Während sein älterer Bruder Russisch lernte, weigerte sich Eitan, mit seinen Eltern in dieser Sprache zu sprechen.
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"Meine Familie immigrierte 1970 von Lettland und Weißrussland nach Israel. Als in den 1990er-Jahren eine Welle von Einwanderern aus Russland und den Ländern der Sowjetunion kam, wollte ich auf keinen Fall mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Sie waren in der Schule nicht besonders beliebt – also weigerte ich mich Russisch zu sprechen. Aber die Abgrenzung nützte nichts, ich bekam den "Spitznamen" Boris. Heute habe ich mich mit meiner Herkunft angefreundet, sie ist ein Teil von mir. Dennoch fühle ich mich als Israeli, nicht als Lette oder Weißrusse. Der Gedanke an die Heimatländer meiner Eltern ist zu eng verknüpft mit den Erfahrungen der Diktatur und Diskriminierung, die mein Vater und meine Mutter dort gemacht haben. Meine Großeltern wurden Opfer des Holocaust, und auch nach dem Krieg wurde meine Mutter diskriminiert, weil sie Jüdin war. Früher hasste ich alle Deutschen für das, was sie den Juden angetan haben. Doch je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dass es Unsinn ist, die Nachgeborenen zu beschuldigen. Mir ist bewusst, wie viel Deutsche tun, um sich ihrer Geschichte zu stellen – in der Schule, in der Öffentlichkeit. Das ermöglichte es mir, überhaupt nach Deutschland zu reisen. Vor ein paar Jahren war ich drei Monate in Berlin. Ich glaube, Deutsche und Israelis müssen miteinander sprechen. Sie haben eine besondere Verbindung – gerade weil sie diese schreckliche Vergangenheit teilen."
Shira Katiy, 28, und ihre Eltern stammen aus Jemen. Die Großeltern, beide Juden, immigrierten unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel 1948 ins "Gelobte Land". Wie Sanaa aussieht, die Hauptstadt Jemens und der Geburtsort ihrer Großmutter, weiß Shira nur von Fotos. Selbst dorthin zu fahren, ist für sie unmöglich. Als Israelin bekommt sie kein Visum für das arabische Land.
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Meine Wurzeln sind mir sehr wichtig: Wenn ich einmal heirate, werde ich zum Beispiel auch die "Hena" feiern. Das ist eine traditionelle jüdisch-jemenitische Zeremonie, die man zu Ehren der Braut mit Musik, Tänzen und in traditionellen Kleidern feiert. Die "Hena" symbolisiert den Abschied vom Elternhaus, aber selbst junge Frauen, die schon längst mit ihren Freunden zusammenwohnen, feiern sie. Die Geschichte der jemenitischen Juden in Israel ist keine schöne: Anfangs wurden sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt, hatten wenig Zugang zu Ausbildung und übernahmen nur die schlecht bezahlten Jobs. Mein Vater arbeitete beispielsweise als Straßenfeger. Aufgrund der Geschichte meiner Familie habe ich viel Verständnis für andere Minderheiten in Israel, die sich noch immer nicht vollständig integriert und oft ungerecht behandelt fühlen – wie etwa die palästinensischen Israelis.
Es klingt absurd, doch mit einem Palästinenser habe ich zum ersten Mal gesprochen, als ich für ein paar Monate in Italien war und dort in einem Restaurant jobbte. Dort, außerhalb Israels, konnten wir offen miteinander reden, auch über den Nahost-Konflikt. Hier wäre das nicht möglich gewesen. Ich hätte mich in seiner Gegenwart zu unsicher gefühlt."
Binyamin Aklom, 28, lebte bis zu seinem siebten Lebensjahr in Äthiopien. Seine Eltern, äthiopische Juden, arbeiteten dort als Lehrer. Doch weil sein Vater sich in einer Organisation engagierte, die dafür kämpfte, dass die Falascha, die äthiopischen Juden, nach Israel auswandern konnten, wurde er als Verräter von der kommunistischen Regierung zum Tode verurteilt. Die Familie musste fliehen. Binyamin war einer von 25.000 Juden, die die israelische Regierung zwischen 1984 und 1991 über eine geheime Luftbrücke ins "Heilige Land" ausfliegen ließ.
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Als ich 1985 nach Israel kam, war das ein Kulturschock: Überall nur Menschen mit weißer Hautfarbe. Ich war sieben und von Israel enttäuscht. Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass dort Milch und Honig fließen, so wie es in der Heiligen Schrift verheißen wurde. Die ersten Jahre waren schwer: Ich lebte in Petah-Tikva, nordöstlich von Tel Aviv, und fühlte mich sehr fremd. Ich hatte Probleme mich einzuleben und wurde häufig missverstanden. Ein Beispiel: In Äthiopien vermeiden junge Menschen den Augenkontakt mit älteren Leuten. Sie schlagen die Augen nieder – das ist eine Form, Respekt zu zeigen. In Israel rief das hingegen Misstrauen hervor. Man hielt mich für einen, der etwas zu verbergen hat. Solche Erfahrungen machen viele äthiopische Juden. Bis heute gibt es große Integrationsprobleme. Die Armee war eine wichtige Erfahrung für mich. Dort ist es ziemlich egal, welcher Herkunft man ist. Doch gegen Ende meines dreijährigen Militärdienstes wurde mein bester Freund im Libanon von Hisbollah-Kämpfern erschossen. Das veränderte alles. Ich wollte nur noch weg aus Israel – mich endlich sicher fühlen. Ich zog in die USA und lebte in New York. Der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 war ein Schock. In dem Moment verstand ich, dass Israel sicher kein sicherer Ort ist – und selbst die USA sind es nicht. Aber Israel ist mein Zuhause, also entschied ich zurückzukehren. Ich habe angefangen, Biologie zu studieren. Mein Traum ist es, die traditionelle äthiopische Medizin nach Israel zu bringen. Viele Menschen meinen, dass Äthiopier/innen der Welt nichts Sinnvolles zu geben haben, aber ich bin überzeugt, dass unsere Naturmedizin sehr nützlich sein kann – auch zur Behandlung von Krankheiten, für die es heute noch keine Heilung gibt."
Protokolle und Fotos: Sandra Schmid
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