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Walter Benjamin: Über Haschisch

Wege des Denkens, mit Rosen bestreut

22.12.2010 | Fabian Wolff | Kommentare (2) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Es fällt einem sehr auf, in wie langen Sätzen man spricht. Auch dies mit Gelächter zusammenhängend ... Gefühl, Poe jetzt viel besser zu verstehen. Die Eingangstore zu einer Welt des Grotesken scheinen aufzugehen. Ich wollte nur nicht hereintreten." Der Mann, der das schreibt, hat gerade unter ärztlicher Beobachtung ein paar Gramm Haschisch zu sich genommen und macht sich jetzt genaue Notizen über seine Empfindungen und Gedanken. Walter Benjamin, Autor, Philosoph, Medienwissenschaftler, Soziologe – oder einfach Denker – möchte wissen, wie die Droge seine Wahrnehmung und seine Ausdrucksfähigkeit beeinflusst.

Der 1892 als Sohn einer assimilierten, nicht sonderlich religiösen jüdischen Familie in Berlin-Charlottenburg geborene Benjamin strebte eine akademische Karriere an, ohne Erfolg. Schon früh hatte er Kontakt mit den Soziologen Adorno und Horkheimer. Er schrieb über Kunst- und Medientheorie, Politik und Geschichte und hat in all diesen Wissenschaftsbereichen seine Spuren hinterlassen. Die Dinge möglichst genau, möglichst präzise anschauen, bis sie sich von selbst öffnen und ihr Wesen zeigen, war Benjamins Anliegen. Die "Aura" der Dinge hat ihn interessiert, dieses "Gefühl der Ferne, wie nah man sich einem Gegenstand auch nähert". Eine merkwürdige Mystik zieht sich durch das Werk Benjamins, die gleichzeitig an ultra-rationale Analyse gekoppelt ist.

Walter Benjamin, 1926

Geplantes Buch über Drogen

Sein Werk ist verstreut und unübersichtlich: Einzelne Essays, Zeitungsveröffentlichungen, Manuskripte und Notizen ergeben kein großes Ganzes. An seinem Opus Magnum "Das Passagen-Werk", einer geschichtsphilosophischen Arbeit über Paris, arbeitete er viele Jahre im Exil in Frankreich, doch es blieb unvollendet. Auch ein geplantes Buch über seine Drogenerfahrungen kam nicht mehr zustande. Der posthum publizierte Band "Über Haschisch" versammelt Protokolle und Skizzen aus Benjamins Nachlass sowie die Prosa-Texte "Myslowitz – Braunschweig – Marseille" und "Haschisch in Marseille", in denen er seine Erfahrungen mit der Droge literarisch umsetzt.

1927, bei seinem ersten Selbstversuch, lebte Benjamin noch in Berlin. Die Stadt war damals das Zentrum des intellektuellen und künstlerischen Lebens ganz Europas, vielleicht der Welt. Es sind die wilden Zwanziger, hemmungslos, freudenfroh, wagemutig, und es ist auch die Blütezeit der jüdischen Kultur in Deutschland.

Drogen wie Heroin, Kokain oder Haschisch wurden damals vor allem als Medikamente benutzt. So besorgt sich Benjamin über die befreundeten Ärzte Ernst Joël und Fritz Fränkel "Crock", wie er es nennt, nimmt ein paar Gramm und schreibt darüber. "Man geht die gleichen Wege des Denkens wie vorher, nur scheinen sie mit Rosen bestreut", schließt er seine ersten Haschisch-Impressionen ab. Sein Blick schweift fahrig hin und her und bleibt doch immer scharf, auf das Große dahinter schielend. Benjamin übergibt sich dem Rausch und reflektiert gleichzeitig darüber, was das eigentlich ist – ein Rausch.

Private Einblicke

In den folgenden Jahren experimentiert Benjamin immer wieder mit Haschisch (und auch mit anderen Drogen). Mal ist die Dosis zu gering, mal erlebt er eine "satanische Phase" und fühlt sich wie in einem Gemälde von Delacroix. Mal bekommt er vor allem Hunger. Oder er spürt eine "heftige Verliebtheit in die Anwesende G.". So erhält man in "Über Haschisch" ziemlich private Einblicke in Benjamins Seelenleben und seine Denkprozesse.

Mit etwas Kenntnis und Interesse an Walter Benjamin ist das Buch besonders spannend. Die berauschten Auslassungen über die "Aura der Dinge" machen mehr Sinn, wenn man seinen äußerst einflussreichen Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technisches Reproduzierbarkeit" kennt. Nebenbei ist der Band auch ein Zeitdokument aus einer Ära, in der Haschisch noch wirklich der Hauch des Skandalösen umwehte, und er ist auch ein Zeugnis für die untergegangene Welt der Berliner Bohème.

Mit ihrer geradezu klinischen Präzision sind Benjamins Haschisch-Notizen nicht der literarische Vorläufer der Bewusstseinsströme von Burroughs und Ginsberg, aber in ihrem selbstexperimentellen Gestus trotzdem prägend für die Drogenliteratur. Berauscht sein und klar denken zugleich: ein Widerspruch, wie er im Werk von Benjamin oft auftaucht. Auflösen konnte er ihn nicht mehr. 1940 brachte er sich auf der Flucht vor der Gestapo an der französisch-spanischen Grenze um.

Walter Benjamin: Über Haschisch (Suhrkamp 2000, 152 S., 7 €)

 

 

Fabian Wolff, 21, lebt als Student, Redakteur und freier Autor in Berlin.

Foto: Walter Benjamin/©Suhrkamp Verlag

Foto: ©photocase.com/Schokobon



www.wbenjamin.org
Umfangreiche Walter-Benjamin-Seite, mit Notizen zu Rausch und den Haschisch-Selbstversuchen (engl.) – hier der Großteil von "Über Haschisch" in englischer Übersetzung

http://de.wikipedia.org
Umfangreicher Wikipedia-Eintrag zu Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"

www.coderecords.de
Ein Hörspiel über Benjamin von Andreas Ammer und Console

www.walter-benjamin.org
Internationale Walter-Benjamin-Gesellschaft





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