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Fragt man den kleinen Stefan, was er denn einmal werden möchte, wenn er groß ist, kommt wie aus der Pistole geschossen: "Feuerwehrmann." Und Anna ist sich sicher, dass sie als Schauspielerin groß herauskommen wird. Zwanzig Jahre später ist aus Stefan ein Informatiker und aus Anna eine Steuerfachangestellte geworden.
Auch dem Kind Lea Mäuer wurde von ihrer Oma einmal die Frage nach ihrem Berufswunsch gestellt. Selbstbewusst und genauso sicher wie Stefan und Anna antwortete sie: "Ich gehe zum Zirkus!"
Was die Oma damals als typisch niedlichen Kindheitstraum abtat, gibt ihr heute Anlass zur Sorge: Denn der Wunsch ihrer heute 21-jährigen Enkelin blieb keine utopische Phantasterei. Im September 2010 zog Lea von Jugenheim bei Darmstadt nach Lyon in Ostfrankreich, um an der Zirkusschule école de cirque de Lyon zwei Jahre lang Akrobatik- und Tanzkurse, Theater- und Clownworkshops zu besuchen. "Meine Oma ist jedoch die Einzige, die Bedenken wegen der etwas ungewöhnlichen Studienwahl hat. Meine Eltern sind voll und ganz damit einverstanden." Kein Wunder: Leas Mutter ist Mitglied des Circus Waldoni. Dort schnupperte ihre Tochter das erste Mal Manegenluft. Was 1996 als Arbeitsgemeinschaft an ihrer Waldorfschule begann, koppelte sich später als eigenständiges Projekt ab. Der Kinder- und Jugendzirkus Waldoni hat sich inzwischen fest in Darmstadt etabliert.
Ohnehin scheint Leas ganzer Familien- und Freundeskreis mit einem Bein in der Manege zu stehen. "Meinen Freund habe ich über den Circus Waldoni kennen gelernt. Er war auch der Grund, warum ich erst gezögert habe, im Ausland zu studieren. Aber nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang pausiert, bin gereist und habe ab und an im Zirkus als Trainerin mit den Kindern gearbeitet. Und dabei fiel mir auf, dass ich eine Aufgabe brauche, sonst wäre ich durchgedreht."
Der "nouveau cirque"
Lea trieb es nach Frankreich – ein Land, in dem Straßenkunst ein viel höherer Stellenwert zugeschrieben wird als in Deutschland, in dem die verschiedenen Künste sich nicht nur kategorisieren, sondern kombinieren lassen, in dem an jeder dritten Ecke Akrobaten, Clowns oder Freestyle-Tänzer/innen ihr Geld verdienen. Und an den anderen Ecken turnen sie zum Vergnügen und zur Unterhaltung, ohne dafür den Hut herumwandern zu lassen. Frankreich ist das Heimatland des "nouveau cirque": Hier gingen in den 1970er-Jahren rebellierende, kreative Schauspieler und Schauspielerinnen auf die Straße, um der Idee des traditionellen Zirkus' ein komplett neues Gesicht zu geben, ihn offener für andere Künste zu machen. Sie kämpften für eine Theatralisierung des traditionellen Zirkus.
Genau daher kommt auch Leas Faszination. "Deswegen bin ich nach Frankreich gegangen. Die Idee des 'nouveau cirque' hat sich hier am ehesten etabliert. Es geht nicht um das Prinzip 'höher, schneller, weiter' und den damit verbundenen Wettbewerbscharakter, wie man das in Russland oder China sehr oft findet, in den traditionellen Zirken. Beim 'nouveau cirque' geht es um die Kombination der verschiedenen Künste – des Theaters, des Tanzes, der Akrobatik – und um die Ästhetik. Das 'Wie' steht im Vordergrund, weniger das 'Was'."
Gruppendynamik und Gemeinschaftssinn
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In Montpellier und in Lyon nahm Lea an den Aufnahmeprüfungen für die dortigen Zirkusschulen teil. Aus beiden Städten bekam sie eine Zusage. Lea entschied sich für Lyon, obwohl sie in Montpellier sogar finanziell bezuschusst worden wäre – mit 300 Euro monatlich. "Ich fand das Ganze in Lyon sympathischer. Selbst beim Aufnahmetest ging es bereits komplett um die Gemeinschaft, obwohl natürlich jeder einen Platz bekommen wollte."
Schließlich kristallisierte sich eine zwölfköpfige Gruppe heraus. Vier der Studierenden kommen nicht aus Frankreich. Die sprachlichen Kommunikationsbarrieren zwischen den angehenden Artisten werden durch universale Körpersprache wettgemacht. Auch wenn die Kurse bis spät abends dauern, zieht die Gruppe danach noch meist ins Stadtzentrum vor die Oper und jongliert oder übt Handstände.
Jeder der zwölf wählt für sich ein Spezialgebiet. Lea zählt mit ihrer Arbeit am Tuch zu den drei Luftakrobaten. In dieser Konstellation besuchen sie extra auf sie zugeschnittene Kurse, die meisten der Übungen absolvieren jedoch alle gemeinsam. Die Unterrichtseinheiten heißen "equilibre (Handstand)", "danse (Tanz)" und "Acrobatie (Akrobatik)". Doch es sei nicht alles nur Praxis, erzählt Lea: "Wir haben auch Theoriekurse, etwa über die Anatomie des menschlichen Körpers."
Zukunftsmusik
Und sind nun die Sorgen von Leas Oma begründet? Führt das Zirkusstudium weg von einem so genannten "richtigen" Beruf, sogar hin zur Arbeitslosigkeit?
"In zwei Jahren besteht die Möglichkeit, auf eine höhere Zirkusschule zu gehen. In dieser Ausbildung wird man noch einmal ordentlich in die Mangel genommen. Und danach muss man gucken, ob man bei einer Kompanie oder in Variétés unterkommt. In traditionellen Familienzirken ist das schon etwas schwieriger. Vielleicht klappt es aber auch dort. Und wenn alles nichts hilft – irgendetwas studieren kann ich immer noch. Aber mit meinem Körper so arbeiten wie hier in der Zirkusschule, das kann ich eben nur jetzt. Ich mache mir wegen eines festen Jobs wenig Sorgen. Wenn man sich für das, was man tut, begeistert, erreicht man so ziemlich alles."
Lea wird ihr Geld einmal damit verdienen, andere Leute für ein paar Minuten in eine imaginäre Welt der darstellenden Kunst zu entführen. Das kann so verkehrt eigentlich nicht sein.
Maria Herwig (22) studiert an der Universität Regensburg "Deutsch-Französische Studien". Nebenbei schreibt sie für verschiedene Print- und Onlinemedien.
Fotos: Autorin
www.ecoledecirquedelyon.com
Lea lernt an der école de cirque de Lyon.
http://en.wikipedia.org/wiki/Contemporary_circus
Mehr über den "nouveau cirque" - auch "contemporary circus" genannt (engl.)
www.waldoni.de
Kinder- und Jugendzirkus Waldoni
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