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Von A wie Assange bis W wie WikiLeaks

High-Tech-Journalismus-Krimi

2.2.2011 | Krystian Woznicki | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ende 2010 erreichte die Serie der dramatischen WikiLeaks-Enthüllungen ihren vorläufigen Höhepunkt: 251.287 interne Berichte und Lagebeurteilungen der US-Botschaften erblickten das Licht der Welt. Dieser Datenflut, inzwischen als "Cablegate" weltweit in aller Munde, folgte ein wilder Strom von Pressereaktionen. Jetzt kommt die Bücherschwemme. Das Medium der Entschleunigung birgt die Chance, etwas Ordnung in das Info-Chaos des wohl brisantesten Themas unserer Zeit zu bringen.

WikiLeaks hat, als staatenlose Internet-Plattform, eine große gesellschaftliche Debatte angestoßen: Was ist ein Geheimnis? Wie viele und was für Geheimnisse darf eine Regierung oder ein Unternehmen haben? Wie viel Transparenz braucht eine gesunde Demokratie? Welchen rechtlichen Status haben so genannte "Whistleblower" (Geheimnisverräter)? Wie können sie juristisch geschützt werden? Wann steht ein Geheimnisverrat im Dienste der Öffentlichkeit?

Buch-Auswertung von "Cablegate"

All diese Fragen sind derzeit noch unbeantwortet. Erst mal will das Ereignis, das diese Fragen ausgelöst hat, nachvollzogen werden: Eine unbekannte Quelle gibt also vertrauliche Dokumente der US-Regierung an WikiLeaks weiter. Die Organisation sichtet die Unterlagen und arrangiert mit großen Medienhäusern deren Veröffentlichung. Es dürfte niemanden wundern, dass die großen Verlage, die an der Aufbereitung und Verbreitung der Enthüllungen maßgeblich beteiligt waren, in der gegenwärtigen Publikationsflut ganz vorne mitschwimmen. Nämlich die New York Times und Der Spiegel. Beide hatten – neben dem Guardian – als erste Medien Zugang zu den Datenbergen von WikiLeaks und somit auch am meisten Zeit, sich über eine Buch-Auswertung Gedanken zu machen.

Das Spiegel-Buch "Staatsfeind WikiLeaks" ist, wie man es von dem Hamburger Nachrichtenmagazin in solchen Fällen kennt, unterhaltsam und schnell gelesen; ein Echtzeit-Thriller, der hinter die Kulissen des Falls führt. Auch "Open Secrets" ist eine packende Reportage, aus der Hand des New-York-Times-Redakteurs Bill Keller, der diesen Fall im Hause maßgeblich betreute. Aus seiner Perspektive erfahren wir unter anderem, welche teils unüberwindbaren Schwierigkeiten die Zusammenarbeit mit Julian Assange bereitet hat. Missverständnisse und Absprachen, die nicht eingehalten wurden und zum Vertrauensbruch führten, werden von Keller als Kollateralschäden eines High-Tech-Journalismus-Krimis nachvollziehbar erzählt.

Popstar oder Revolutionär?

Besonders groß dürfte das Interesse an dem biographischen Buch über Julian Assange sein, erschienen unter dem groß auftrumpfenden Titel "Der Mann, der die Welt verändert". Wenn sich die WikiLeaks-Operationen aus dem Jahre 2010 "wie ein Agententhriller" lesen – so steht es in der Assange-Biografie –, dann dürfte die Wahrnehmung des zentralen Protagonisten ebenfalls von Hollywood-Bildern überlagert sein. Julian Assange, ein ehemaliger Hacker aus Australien, der WikiLeaks leitet, sitzt derzeit in London in Haft. Ihm wird Vergewaltigung in mehreren Fällen vorgeworfen. Die Welt verfolgt die Entwicklung seines Falls wie einen fesselnden Film. Ist Assange mehr als eine Berühmtheit, vielleicht tatsächlich ein wahrer Revolutionär? Diese wichtige Fragestellung macht das Buch lesenswert. Endgültig beantwortet wird sie in dem Buch nicht – die Folgen dieser Art der Offenlegung von geheimen Dokumenten sind zurzeit noch nicht absehbar.

Auch Assanges ehemaliger Weggefährte Daniel Domscheit-Berg meldet sich zu Wort. Lange Zeit war Domscheit-Berg Sprecher von WikiLeaks Deutschland. Im vergangenen Jahr entfremdete er sich von Assange und dem Projekt – wie so viele andere Kollegen auch. Sein Buch "Inside Wikileaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" ist eine unverzichtbare Lektüre für alle Interessierten. Es macht die geheimnisvolle Organisation transparenter, und das aus der Insider-Perspektive. Domscheit-Berg, selbst ein Computerfachmann mit viel Glaubwürdigkeit in der Szene der Medienaktivisten, erweist sich in seinem Buch als kritischer Zeitgenosse, der auch nach dem Ausstieg noch immer an die Sache glaubt. Deshalb hat er inzwischen ein eigenes Projekt gründet: OpenLeaks, eine Whistleblowing-Website, die genauso wie WikiLeaks Dokumente und Geheimnisse an die Öffentlichkeit bringen will. Das Projekt ist Ende Januar gestartet.

Abstand zu den unmittelbaren Ereignissen und den beteiligten Personen ermöglicht der Reader "Wikileaks und die Folgen: Netz - Medien - Politik". Die jungen Popstars der Medientheorie, darunter Dirk Baecker, Mercedes Bunz oder Jaron Lanier, versuchen das Phänomen WikiLeaks zu analysieren – im Bewusstsein, dass hier gerade Geschichte gemacht wird. In diesem Buch finden sich keine vorschnellen Festlegungen und Einordnungen, eher viel nachdenkliches Hinterfragen. Der Medienwissenschaftler Geert Lovink nähert sich beispielsweise in seinem Text, den er gemeinsam mit Patrice Riemens geschrieben hat, der Organisation in nüchternen Thesen-Schritten und fragt: Welche Stellung hat WikiLeaks in der gegenwärtigen Geopolitik? Welchen Unterschied markiert WikiLeaks zum bisherigen Investigativ-Journalismus? Wie ist WikiLeaks organisatorisch aufgestellt?

Mit solchen nachdenklichen Fragen trägt das Buch dazu bei, eine Debatte zu diesem brisanten Thema anzustoßen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn der Stoff hat sehr viel Potenzial, die Sensationslust der Massen zu bedienen. Schon jetzt kann man sich den Hollywoodfilm dazu vorstellen: ein echter Blockbuster, spannend bis zur letzten Minute, mit Helden, wie es sie nur im 21. Jahrhundert geben kann. Kaum eine der neuen Publikationen zu WikiLeaks will auf diese Zutaten verzichten. Im Gegenteil. In manchen Fällen gelingt es sogar, Unterhaltung mit politischer Bildung auf fruchtbare Weise miteinander zu verbinden.

Marcel Rosenbach, Holger Stark: Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert (DVA 2011, 336 S., ca. 15 €)

 

Bill Keller: Open Secrets: WikiLeaks, War and American Diplomacy (The New York Times 2011, als ebook hier erhältlich)

 

Carsten Görig, Kathrin Nord: Julian Assange: Der Mann, der die Welt verändert (Scorpio 2011, 176 S., ca. 10 €)

 

 

Daniel Domscheit-Berg, Tina Klopp: Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt (Econ 2011, 304 S., 18 €)

 

 

Heinrich Geiselberger (Hg.): WikiLeaks und die Folgen: Netz - Medien - Politik (Suhrkamp 2011, 238 S., 10 €)

 

 

Krystian Woznicki ist Herausgeber der Berliner Gazette und hat kürzlich gemeinsam mit der Redaktion ein Dossier zu WikiLeaks zusammengestellt.

Foto, oben: Graphic Tribe/CC BY-SA 3.0

Foto, unten: Elekhh/CC BY-SA 3.0



http://wikileaks.ch
Die aktuelle WikiLeaks-Seite

www.openleaks.org

OpenLeaks (Whistleblowing-Website von Daniel Domscheit-Berg)

http://twitter.com/wikileaks
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Die veröffentlichung von den Geheimunterlagen hat zwar heftig für Wind gesorgt, aber leider war nur eine kurze Empörung zu spüren, bevor das Alltagsgeschäft wieder aufgenommen wurden ist. Selten wurde über Inhalte diskutiert außer wenn Vergleiche anstößig waren, um auch nur für Zeitungen als Headliner zu dienen. Viel größer war die Debatte um "das Geheimnis" und ihre Verräter. Warum wird viel zuoft über das Medium diskutiert als über die Botschaft, die doch wichtig ist!

MonBonMot | 18. März 2011

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