Gudrun Pausewang
Ich lese zurzeit "Vaterland ohne Väter" von Arno Surminski. Darin erzählt eine Frau von ihrer Kindheit. Sie wurde während des Krieges geboren, ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Er ist im Krieg gefallen. Mein eigener Vater ist ebenfalls so gestorben. Das war kurz vor meinem 15. Geburtstag. Ich bin die Älteste von sechs Kindern, mein jüngster Bruder ist 1940 geboren. Er kennt seinen Vater nur durch unsere Erzählungen. Aber ich lese dieses Buch nicht, weil ich ein ähnliches Schicksal erlebt habe. Sondern weil mich dieses Prob lem grundsätzlich interessiert: Welche Vorstellung hat ein Mensch von seinem Vater, wenn er ihn nie kennen gelernt hat?
Im Frühjahr und Herbst gehe ich je zweieinhalb bis drei Monate auf Lesereise. Da lese ich sehr viel, in der Bahn oder im Hotelzimmer. Im Winter schreibe ich meine Bücher. Am Abend bin ich dann so müde, dass ich wie tot ins Bett falle und nicht mehr zum Lesen komme.
Unterhaltungslektüre interessiert mich gar nicht. Wenn ich beim Zahnarzt bin und keinen Stern oder Spiegel finde, lese ich notfalls auch mal so etwas. Aber ich kann jedes Mal nur den Kopf schütteln. Was ist bitteschön so interessant an Adeligen, dass man eine ganze Zeitschrift damit füllen muss?
Ich hatte eine ganze Reihe von Lieblingsbüchern. Die habe ich alle schön in einem Regal aufgereiht. Als ich vor Jahren mal drei Wochen im Krankenhaus liegen musste, habe ich meinen Sohn gebeten, mir diese Sammlung ans Krankenbett zu bringen. Ich bin regelrecht erschrocken, was ich im Laufe der Zeit als Lieblingsbücher angesehen habe. Die Bücher sind natürlich gleich geblieben, nur ich habe mich gewandelt. Von dem Stapel an Lieblingsbüchern ist nur ein Buch übrig geblieben: "Hundert Jahre Einsamkeit", ein Roman des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez, der 1982 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.
Die Südamerikaner kennen einen wunderbaren magischen Realismus, den ich sehr schätze. In diesem Buch fährt eine junge, hübsche Kolumbianerin beim Wäscheaufhängen in den Himmel auf. In einem deutschen Roman für Erwachsene wäre dies unvorstellbar. Vielleicht liegt es daran, dass die Südamerikaner mehr Kinder geblieben sind als wir in Mitteleuropa. Sie haben sich die Fantasie nicht so abgewöhnen lassen wie wir Deutschen. Nicht selten hört man bei uns: Hör auf, so rumzufantasieren, dazu bist du schon viel zu groß! Das ist Unsinn. Ein Erwachsener braucht genauso Fantasie, denn ein Leben mit Fantasie ist viel schöner und farbiger!
Gudrun Pausewang wurde 1928 im ostböhmischen Wichtlstadt geboren und erlebte in ihrer Jugendzeit Krieg, Verlust der Heimat und Flucht. Sie wurde Lehrerin, ihr großes Interesse für Südamerika führte sie 1956 nach Chile. Pausewang erlebte dort soziale Missstände und politische Unruhen und entwickelte sich zu einer gesellschaftskritischen Autorin. Die Themen von Pausewangs bisher 90 Büchern – vor allem für Kinder- und Jugendliche – sind Politik, Umweltzerstörung, Nationalsozialismus und Armut. Pausewang wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutschen Jugendliteraturpreis für "Die Wolke". Das Buch über einen fiktiven Reaktorunfall wurde 2006 verfilmt.
Arno Surminski: Vaterland ohne Väter (Ullstein 2006, 464 S., 8.95 €)
Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit (Fischer Verlag 2004, 480 S., 9.95 €)
Foto: Gudrun Pausewang bei einer Lesung in der Universität Bielefeld 2008; CC-by-2.0 Germany/ Zefram
www.zeit.de
Reportage in der Zeit über Pausewang (2004)
www.christoph-koch.net
Interview mit Gudrun Pausewang in der Süddeutschen (2006)
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)